Kriminalität Der Stoff, aus dem die Alpträume sind

Drogenhandel in Berlin: Palästinenser, Libanesen und Nordafrikaner sind laut Kriminalstatistik überproportional stark vertreten - am unteren Ende des Geschäfts. Sie haben sonst keine Perspektive, sagen die Dealer und gehen für kleines Geld ein hohes Risiko ein. Den Reibach machen andere.
Von Ulrike Heitmüller

Berlin - Ein Park, es nieselt. Auf den Wegen Pfützen. An jeder Wegkreuzung stehen ein paar Männer. Sie sind Ende 20, gucken auf den Boden, verstecken die Augen unter Kapuzen und tragen Turnschuhe, mit denen sie schnell wegrennen können. Sie handeln mit Drogen.

Die größte Gruppe wartet in der Mitte des Parks. Sie sind Araber, sieben, acht Männer. Bei ihnen steht plötzlich eine Spaziergängerin, lange blonde Haare, schwarzer Rucksack über der Schulter. Sie spricht einen Mann an, die beiden zwängen sich ins Gebüsch und gehen in die Hocke. Er stochert im Laub herum und fördert ein Tütchen Dope zutage. Die Frau bekommt ihr Haschisch, der Mann 20 Euro. Sie schlendert davon, er gesellt sich wieder zu seinen Kumpels.

"Bunker" heißt so ein Lager im Gestrüpp, in einer Mülltonne oder Hütte. Dort verstecken Dealer ihre Ware vor der Polizei. Die kennt den Trick natürlich: "Die Chance auf einen Haftbefehl ist bei großen Mengen höher als bei ein bis zwei Portionen", sagt Rüdiger Engler, Leiter des Rauschgiftdezernates im Landeskriminalamt Berlin, "Sie werden in den seltensten Fällen jemand finden, der große Verkaufsportionen bei sich hat." Bei sich, also in der Hosentasche, im Ärmel oder am Schienbein bewahren die Männer nur kleine Mengen weicher Drogen auf. Dafür wandert man in Berlin nicht in den Knast. Man muss zwar mit einem Ermittlungsverfahren rechnen. Aber wenn es nicht mehr als zehn Gramm "zum gelegentlichen Eigenkonsum" sind und niemand anderes gefährdet wird, dann ist die Staatsanwaltschaft sogar verpflichtet, das Ermittlungsverfahren einzustellen. Und bei bis zu 15 Gramm kann sie, muss aber nicht ermitteln. Die Männer im Park kennen die Gesetze.

"Harte Sachen? Frag die dahinten!"

Sie treffen sich jeden Tag am selben Ort. Warum dealen sie? "Frag ihn, er ist der Chef", sagt einer und deutet auf einen zierlichen Mann mit verschmitztem Gesicht, der etwas abseits steht. Seine Kumpels lachen. Der Chef, nennen wir ihn Mahmout*, guckt empört. "Wir haben bloß Gras", betont er. "Harte Sachen? Frag die da hinten!", er deutet auf ein paar Afrikaner eine Kreuzung weiter und rümpft die Nase. "Und wir verkaufen nichts an Kinder!" Das ist die Ehre der Ehrlosen.

"Wir sind Asylbewerber!", sagt der Chef, "wir wohnen im Heim mit Fidschis und Chinesen, kriegen 150 Euro vom Sozialamt, dürfen nicht arbeiten, was sollen wir machen!" Mehr will er nicht sagen, allmählich wird er ungeduldig, "wir wollen dich nicht länger aufhalten" sagt er, ganz der höfliche Araber.

Ein älterer Mann kommt angeradelt, das Fahrrad dick bepackt. Die Araber scharen sich um ihn. Er hat Thermoskannen dabei. Kaffee! Die Dealer wärmen sich die klammen Finger an den Plastikbechern und schlürfen das dampfende Gebräu.

Die Männer bieten Kaffee an, pfeifen auf ihren Chef und erzählen: "Wir sind heimatlos, wir kriegen hier keine Papiere, wir können nicht hier sein, aber wir können auch nicht zurück, wir sind Palästinenser aus dem Libanon." Sie sind in den Neunzigern, nach Ende des Libanesisches Bürgerkriegs, nach Deutschland eingereist. Damit stellen sie unter den Berliner Palästinensern eine Minderheit dar. Walid Chahrour, Sozialarbeiter und Vorstandsmitglied der Palästinensischen Gemeinde Berlin, schätzt sie auf 24.000 bis 32.000 Landsleute, nämlich 8000 bis 9000 Eingebürgerte (also Deutsche), weitere 12.000 - 13.000 mit einem geregelten Aufenthaltsstatus und ein paar tausend Geduldete. Ungefähr die Hälfte von ihnen ist unter 15 Jahre alt und gehört zur dritten Einwanderergeneration: Ihre Großeltern waren vor dem Israelischen Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1948 in den Libanon und von dort vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflüchtet. Ihre Eltern und sie selbst sind hier geboren.

Die Drogenhändler dürften dagegen als allein stehende Jugendliche mit Schleusern nach Berlin gekommen sein. Sowas verbindet. Eine richtige Familie haben sie hier nicht. Aber sie setzen sich in der Rauschgiftszene durch. Behaupten sich im Park. Jeden Tag hält einer an der Kreuzung Wache, damit kein Fremder sie erobert. Ein anderer pflegt den Kontakt zur Konkurrenz. Nur mit dem offiziellen Deutschland kommen sie nicht zurecht.

Arabische Dealer lassen sich leicht erwischen

Typisch: Im Jahr 2006 handelte es sich laut Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik bei etwa einem Zehntel der knapp 8800 Tatverdächtigen bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz um Araber, sprich: Palästinenser, Libanesen, Staatenlose, Jordanier und Nordafrikaner. Das sind überproportional viel - schließlich sind nicht ein Zehntel der Einwohner Berlins Araber, außerdem wurden Deutsche mit Migrationshintergrund nicht mitgezählt. Allerdings sind Rauschgiftdelikte sogenannte Kontrolldelikte: Ihre zahlenmäßige Entwicklung hängt nicht von der tatsächlichen kriminologischen Entwicklung ab, sondern davon, wie oft Bürger Anzeige erstatten und Polizisten kontrollieren. Und arabische Dealer lassen sich besonders leicht erwischen, weil sie in Gruppen arbeiten, an den stadtbekannten Umschlagplätzen handeln und vor allem ihren Stoff direkt an die Verbraucher abgeben. Mit etwas Boshaftigkeit würde man sagen: Sie sind die Loser.

Nicht nur beim Dealen ? auch sonst: Palästinenser etwa erhalten in Berlin recht leicht eine Aufenthaltserlaubnis und können nach vier Jahren dann auch arbeiten. Allerdings dürfen sie nicht straffällig werden, und bei Dealern ist die Rechtslage besonders streng.

"Ich hab an dem Tag nichts verkauft, aber der Richter hat den Polizisten geglaubt", beklagt sich ein Mann mit einem dünnen Bartstreifen über der Wange. "Ich hab drei Jahre gesessen", erinnert sich ein kräftiger Lockenkopf mit freundlichem Gesicht, "Raubüberfall, aber das ist zehn Jahre her, ich war 21 und besoffen." Dieter Kierzynowski ist Rechtsanwalt und auf Flüchtlingsfragen spezialisiert: "Die müssen dann warten, bis das Bundeszentralregister wieder sauber ist", sagt er "das dauert zwischen fünf und 15 Jahren, je nach Höhe der Strafe. Und wenn sie wieder verurteilt werden, beginnt die Frist von Neuem."

Die Ware liegt im "Bunker" - versteckt im Gestrüpp

Davor haben die Dealer Angst. Als ein Polizeiauto näherkommt, springt ein junger Mann mit Pferdeschwanz auf: "Ein Mannschaftswagen!", ruft er und rennt ins Gebüsch. Wo sind bloß all die Päckchen geblieben? Er springt hin und her, seine älteren Kumpels gucken und grinsen. Das Auto ist längst weg. Egal, her mit dem Stoff, schnellschnell die Tütchen suchen und flüchten, womöglich kehren die Bullen um, durchsuchen das Gestrüpp und nehmen alles mit.

Niemand kommt zurück, der Junge beruhigt sich. Er lässt das Gras im Gras, stakst aus dem Unterholz hervor und schüttelt seine Hosenbeine aus. "Alles nass", jammert er, "siehst du!" Immer Aufregung.

Die Männer haben ihren Kaffee ausgetrunken und einen zweiten gleich hinterher. Nun ist gut. Sie werfen ihre Plastikbecher in den Mülleimer, der alte Mann steigt wieder auf sein Rad und fährt davon.

Kaum ist er weg, kommt ein junger Araber angeradelt. Aber er biegt um die Ecke und fährt zu einer anderen Kreuzung, an der ebenfalls Palästinenser stehen. Anderer Standort, mehr Laufkundschaft, schlechtere Fluchtmöglichkeiten. Mehr Risiko, mehr Geld. Da macht man Karriere. Die Jungs hier sind jünger, schicker. Sie belagern den Radfahrer, er verteilt Tütchen, sie bauen sich einen Joint. Ein junger Bursche mit Locken zerbröselt ein bisschen Gras in der hohlen Hand, pustet rein, es staubt grünlich. "Schlechte Qualität", grummelt er.

Was verdient ein Dealer?

Was verdient er damit? Will er nicht sagen: Er und seine Kumpels murmeln irgendwas mit 10, 20, 30 Euro am Tag, was ein untertrieben sein dürfte. Herauszufinden ist es aber nicht - wieviel Geld mit Drogen umgesetzt wird, kann ohnehin niemand sagen, "reine Spökenkiekerei", sagt Drogen-Ermittler Rüdiger Engler.

Im Park herrscht reger Verkehr zwischen den beiden Kreuzungen: Mahmout und seine Männer gucken alle paar Minuten, was die anderen Jungs machen. Und die kommen rüber, um mit ihren älteren Kumpels zu quatschen. Die Jungs reden über halblegale Nebenjobs, den Stoff, die Polizei. Die älteren Männer über Politik: Überall Juden, Demokratie gibt's nicht. Einen Plan für die nächsten Jahre hat keiner von ihnen.

Allmählich wird es dunkel. Der junge Radfahrer ist auf und davon. Die Männer verschwinden. Die Jungs bleiben. Nachtschicht. Plötzlich tauchen ein paar richtig schicke Typen auf, weiße Turnschuhe, Dragon Teddy-Bomberjacken aus glänzendem Satin. Sie schnauzen die Jungs auf Arabisch an. Die pöbeln zurück. "Unsere Cousins", raunt einer der jungen Burschen. Es fängt wieder an zu regnen. Die Cousins verduften. Der Lockenkopf spannt seinen Schirm auf. Guckt in den strömenden Regen und wartet. Kein Kunde kommt. Immerhin, auch kein Polizist.

* Name von der Redaktion geändert

Mehr lesen über