Kriminalstatistik Die gefühlte Bedrohung

Kindesentführungen, Einbruchserien, Terrorismus. Die breite Berichterstattung über Kriminalfälle und die Bangemacherei mancher Interessenverbände machen die gefühlte Kriminalität größer als die reale. In Wahrheit stieg die Rate nach fünfjährigem Rückgang seit 2001 nur leicht an. Ein Trend sei das noch nicht, sagen Kriminologen.
Von Matthias Lohre

Berlin - Die Stirn hat Michael Sorge in viele kummervolle Falten gelegt, als er den Journalisten die traurige Botschaft in die Kameras und Blöcke diktiert. Deutsche Unternehmen müssen jährlich Schäden in zweistelliger Milliarden-Höhe erleiden, sagt der Vize der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft (ASW). Der Grund dafür seien "vielfältige Kriminalitäts-Phänomene", wie er sagt. Die Kriminalität steige, und deshalb dürften staatliche Stellen nicht auf Kosten der Sicherheit sparen, finden die Wirtschafts-Lobbyisten. Sicherheit sei schließlich ein Standortfaktor.

Vorstöße wie die von Sorge sind typisch. Immer wieder nutzen Interessengruppen Kriminalitäts-Statistiken für eigene Zwecke. Wirtschafts-Lobbyisten verknüpfen ihre Sorgen vor Wirtschafts-Spionage durch andere Staaten mit Zahlen über Handtaschen-Diebstähle - auch wenn die herzlich wenig miteinander zu tun haben. Selbst seriöse Zeitungen vereinfachen Statistiken und Zahlen, bis sie scheinbar einen Trend ergeben: "Noch nie hat es so viele Gewaltdelikte gegeben wie im letzten Jahr: Fast 200.000 Mal wurde geprügelt, gemordet oder vergewaltigt", schrieb der "Berliner Tagesspiegel" nach der Verkündung der Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts im Mai.

Dass sich die Zahl der polizeilich erfassten Morde seit Jahren kaum ändert, unterschlagen Überschriften wie diese. 873 Morde verzeichnete das BKA im vergangenen Jahr. 2001 waren es nur 13 weniger. Die Zahl der Einbruchdiebstähle ist gesunken, 2002 wurde um 2,7 Prozent weniger eingestiegen als noch im Jahr zuvor. Das Ausmaß körperlicher Gewalt nimmt statistisch zwar zu - was nicht heißen muss, dass es real auch so ist: "Schlägereien werden heute häufiger angezeigt. Früher empfanden die Menschen es oft als private Angelegenheit", sagt Rudolf Egg, Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden.

Von 1995 bis 2000 sank die Zahl krimineller Delikte

6,5 Millionen Delikte weist die Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes für 2002 aus, eine Zunahme um 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2001 hatte es ebenfalls einen leichten Anstieg um 1,4 Prozent gegeben. Für manche ein Grund zur Sorge. Allerdings lässt sich dagegen halten, dass die Kriminalstatistik in den Jahren 1995 bis 2000 sinkende Delikt-Zahlen ausgewiesen hat. "Fünf Jahre hintereinander Schrumpfung der Kriminalitätsrate - das ist ein Trend. Aber aus den leichten Anstiegen in den vergangenen zwei Jahren lässt sich keine längerfristige Entwicklung ablesen", meint Kriminalexperte Egg.

Ist die "gefühlte Kriminalität" also größer als die reale? Verängstigt die zunehmende Berichterstattung über Kindesentführungen, Terror-Anschläge und Einbrüche die Bürger hier zu Lande über die Maßen? Rudolf Egg glaubt das nicht. Er traut den Menschen mehr zu als blinde Panik. Die Deutschen wüssten sehr genau Bescheid über die Kriminalität in ihrer Umgebung: "Ein Handtaschendieb in der heimischen Fußgängerzone kann die Menschen mehr ängstigen als ein Terroranschlag im Ausland." Attentate führten eher zu einem Haltung nach dem Motto "In welcher Welt leben wir eigentlich?". Eine zweischneidige Haltung: Während sie sich selbst sicher fühlen, glauben die Deutschen, dass ihre Mitbürger Angst vor Terror haben.

Bei Kindesentführungen wie der des elfjährigen Jakob von Metzler sieht es anders aus. Medienberichte darüber treffen ins Herz jedes Elternteils, weil die eigene Lebenswelt betroffen ist. Oft entsteht dann das Gefühl, heute gebe es mehr solcher Fälle als noch vor wenigen Jahren. Falsch, sagt Rudolf Egg. Die Zahl hat sich nicht erhöht.

Urlauber haben wenig Angst vor Terror

Terroranschläge in Ferien-Paradiesen wie der tunesischen Insel Djerba im vergangenen Jahr erhitzen nur kurz die Gemüter. Reisewarnungen und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes sind bei der Reiseplanung schnell vergessen, bedauert der Kriminologe Egg. Oft locken Schnäppchen-Angebote die Reisewilligen und zeigen, wie gering die Angst der Urlauber tatsächlich ist.

Auch Urban Brauer vom Bundesverband der Hersteller- und Errichter-Firmen von Sicherheitssystemen weiß, wo die Angst vieler Deutscher endet. "Es gibt zwar Unsicherheit in der Bevölkerung. Aber wenn es ums Geld geht, überlegen sie es sich noch mal." Keine "Aktenzeichen XY"-Sendung kann daran etwas ändern. In den USA seien in 15,5 Prozent der Privathaushalte Alarmanlagen installiert, in Großbritannien immerhin in sieben Prozent. In Deutschland dagegen sind es nur 0,5 Prozent.

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