Krise der Volksparteien Die Union wankt im Schatten der SPD

Von Franz Walter

2. Teil: Die CDU verliert das Lager der Treuesten der Treuen


Doch für die modernen Marketingexperten der Union zählen nicht so sehr die verebbenden Lebenswelten der Traditionalität. Denn in etwa 15 Jahren, so hat man kühl errechnet, werden diese Milieus der Treuesten der Treuen im Lager der Union nahezu verschwunden sein. So schauen die Zukunftsstrategen des bürgerlichen Lagers zuallererst auf die soziale und kulturelle Mitte.

Und die bereitet ihnen Sorgen. Es hat sich herumgesprochen: Die Mitte fürchtet derzeit weitere Positionsverluste. Fast jeder dort hat während der letzten Jahre in seinem Nahbereich dem sozialen Absturz eines Zugehörigen der eigenen Schicht zusehen können. Deswegen ist die Mitte keineswegs für weitere Deregulierungen. Im gesellschaftlichen Zentrum mehren sich protektionistische Einstellungen, die den nationalen Arbeitsmarkt unter stärkeren staatlichen Schutz gestellt sehen wollen. Christdemokratische Ordnungspolitiker dürfen gerade in ihrer geliebten Mitte nicht mit zustimmender Resonanz rechnen.

Dabei hat sich die Mitte keineswegs grundsätzlich von der christdemokratischen Gesellschaftsidee verabschiedet. Gerade die Mitte hat das alte christdemokratische Versprechen von der austarierten Mittelstandsgesellschaft, von den Aufstiegmöglichkeiten für die Fleißigen, von der gewerblichen Betriebsgemeinschaft als der einen großen Familie begeistert aufgesogen. Die realkapitalistische Entwicklung seit den achtziger Jahren hat dem christdemokratischen Zeitalter jedoch mehr und mehr den Boden entzogen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber sitzen keineswegs noch familiär "in einem Boot"; die soziale Polarisierung hat die Harmonisierung im gesellschaftlichen Zentrum abgelöst. Die Aufstiegswege nach oben sind weit verschlossener als noch in den "trente glorieuses" zwischen 1950 und 1980. Und die CDU nach Kohl hat dem eigenen Sozialmodell zunächst lediglich höhnische Grabreden gehalten – und eben damit die Mitte verdrossen.

Gerade für die Mitte ist es seit jeher konstitutiv, dass in der Zukunft Möglichkeiten der Statushebung existieren, dass individuelle Anstrengungen auch Aufstiegsprämien abwerfen, dass ordentliche Gewinne der Unternehmen ebenfalls dem Lebensniveau der Angestellten zugute kommen. Diese Erwartung hatte ein Großteil der Mitte lange mit der CDU verknüpft. Damit allerdings ist es weithin vorbei.

Die CDU sollte sich nicht weniger sorgen als die SPD

Insofern: Die Sorgen der Union dürften keineswegs geringer sein als diejenigen der Sozialdemokraten. Die traditionsverwurzelte Kernwählerschaft der CDU/CSU aus der Generation der Geburtsjahrgänge der zwanziger und dreißiger Jahre nimmt von Wahl zu Wahl ab. Die CDU ist in Deutschland die einzige Partei, der nun schon seit mehreren Bundestagswahlen hintereinander etliche Hunderttausende Wähler mehr wegsterben, als durch das Erstwahlrecht hinzukommen. Das mag der Hauptgrund dafür sein, dass die Union nach 1994 bundespolitisch nie mehr die 40-Prozent-Grenze hat überschreiten können. Ihr jahrzehntelanges Primärreservoir, die Alten der Sozialisationsära Adenauer, Erhard und Kohl, schmilzt sukzessive zusammen.

Auf über 40 Prozent der Stimmen kommt die Union national nur noch bei Katholiken, Mittelständlern, Bauern und Dörflern. Überall sonst ist sie keine Volkspartei mehr. Bei den 18- bis 45-jährigen Bundesbürgern schaffte die Union 2005 nicht einmal mehr 30 Prozent. Sie bröselt gerade im Zentrum der Gesellschaft: bei den mittleren Jahrgängen, die im Beruf stehen, Steuern zahlen, Kinder erziehen, hochbetagte Eltern zu pflegen haben. Diese soziale und demografische Mitte, welche die 2004/2005 ursprünglich projektierten Merkel-Reformen aktiv im Alltag hätte übersetzen, tragen und aushalten müssen, hat sich im September 2005 am stärksten dem zwischenzeitlichen christdemokratischen Neuliberalismus verweigert. CDU/CSU und FDP zusammen sind 2005 bei den 18 bis 59-Jährigen Bundesbürgern gerade einmal auf gut 41 Prozent der Stimmen gekommen; die Parteien "links" davon verfügen in diesem Segment über eine deutliche absolute Mehrheit.

Einfach also wird es nicht für die Union. Typisch war, dass die Top-Themen des Jahres 2008 nicht aus dem Erzählungsrepertoire der Christdemokraten stammten. Die Republik redete über die Verlängerung des Arbeitslosengeldes für die Älteren, wetterte über die wachsende Schere der Einkommen, jammerte über das Übel maßlos überhöhter Managergehälter, klagte über Kinderarmut, prangerte den Casinokapitalismus an. Eine christdemokratische, bürgerliche Agenda birgt sich darin nicht.

Und es irritiert schon, wie wenig die Kanzlerin – die noch vor drei Jahren mit dem Anspruch durch das Land zog, künftig Werte und Einstellungen prägen zu wollen – eine eigene Themenleine aufzuspannen in der Lage ist. Sie genießt ihre Rolle an der Macht. Dafür schmiegt sie sich den jeweiligen Beweglichkeiten der Zeit an.

Doch selbst bewegt man damit noch gar nichts.

insgesamt 68 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nihil, 24.09.2008
1. Tja
Wenn die SPD nicht so verzweifelt schlecht wäre und absichtlich die große Koalition in die Verlängerung schicken würde, um ja an den Pöstchen zu bleiben, dann wäre Rüttgers der nächste CDU-Vorsitzende. Schon 2009.
MichaelFischer, 24.09.2008
2. Ja,
wenn man meint die Menschen merken es nicht, dass sie durch plumpe Gehirnwäsche und Manipulation für dumm verkauft werden sollen, wird die sog. Kernwählerschaft auch in Zukunft rapide abnehmen. http://www.politonline.ch/index.cfm?content=news&newsid=1022 http://www.nachdenkseiten.de/?p=3471
oh_spd 24.09.2008
3. Wer wundert sich da ...
Zitat von sysopDer Niedergang der SPD macht Schlagzeilen - dabei steht die Union auch nicht viel besser da. CSU und CDU haben erhebliche strukturelle Probleme - und die traditionsverwurzelte Kernwählerschaft nimmt ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,580163,00.html
... bei den selbst verliebten Sympathieträgern wie Koch oder Öttinger, bei einer grandiosen Fehlbesetzung wie Pofalla (kommt auch immer sehr sympathisch rüber) usw. usw.? Oder die Nabelschau der Provinzpolitiker mit ihrem für die Partei desaströsen Verhalten z.B. in Berlin oder in Köln? Wer traut diesen Leuten angesichts ihres Dilettantismus über den Weg bzw. eine zukunftsgreichtete Politik zu? Wer wundert sich, dass nicht nur SPD-genervte Wähler nicht CDU wählen, sondern wie auch manche CDU-Wähler den Rattenfängern und Populisten dieser Welt nachlaufen?
katermohr 24.09.2008
4. cdu ?
Zitat von sysopDer Niedergang der SPD macht Schlagzeilen - dabei steht die Union auch nicht viel besser da. CSU und CDU haben erhebliche strukturelle Probleme - und die traditionsverwurzelte Kernwählerschaft nimmt ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,580163,00.html
ist doch nicht schlimm , dafür hat die cdu jetzt eine kanzlerin die viel reisen kann , bewegen tut sie damit zwar nicht viel aber egal sie muss ja knapp 4 jahrzehnte aufholen , ich meine damit die zeit die sie in der ddr verbracht hat , jetzt hat sie einen schönen posten , kann reisen , hände schütteln , eventuelle konkurenten (merz)rauskicken und die tagespolitik ? egal hauptsache die welt sehen :-) , jede partei hat die politiker die sie verdient
Kalix 24.09.2008
5. Wechsel ist angesagt
Zitat von NihilWenn die SPD nicht so verzweifelt schlecht wäre und absichtlich die große Koalition in die Verlängerung schicken würde, um ja an den Pöstchen zu bleiben, dann wäre Rüttgers der nächste CDU-Vorsitzende. Schon 2009.
Warum nicht ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.