Krise der Volksparteien Die Union wankt im Schatten der SPD

Der Niedergang der SPD macht Schlagzeilen - dabei steht die Union auch nicht viel besser da. CSU und CDU haben erhebliche strukturelle Probleme - und die traditionsverwurzelte Kernwählerschaft nimmt ab.

Von Franz Walter


Seit Monaten wird über den Niedergang der Sozialdemokraten palavert. Dabei gerät fast aus dem Blickwinkel, dass die Union ebenfalls alles andere als brillant dasteht. Das Bielefelder Meinungsforschungsinstitut Emnid taxiert die CDU/CSU diese Woche – Popularität der Kanzlerin hin, Wirrwarr in der SPD her - auf klägliche 34 Prozent.

Forsa sieht die Union nur noch bei 36 Prozent - zwei Punkte weniger als in der Vorwoche. Mindestens nicht ausgeschlossen ist, dass wegen der erstarkten "Linken" in Bundesländern wie Thüringen, dem Saarland, vielleicht auch in Brandenburg die Regierungsführung beziehungsweise –beteiligung der CDU 2009 ausläuft.

Kanzler Erhard: Die Wirtschaftswunder-Jahrgänge brechen der CDU weg
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Selbst in Bayern hielt man in den vergangenen Wochen für vorstellbar, was über Jahrzehnte nicht einmal denkbar war: Dass die CSU die Macht demnächst mit einem Koalitionspartner wird teilen müssen. Spätestens dann aber wäre vorbei, was ein halbes Jahrhundert als eherne kulturelle Regel galt - dass Bayern und die CSU symbiotisch unzertrennlich verwoben sind. Man hat in den letzten Jahren in Nordrhein-Westfalen beobachten können, wohin dergleichen führen mag.

Fast zwei Jahrzehnte lang hatte man die SPD und das Land zwischen Rhein und Weser als Identität konstruiert ("Wir in NRW" – hieß die Parole), dann mussten die Sozialdemokraten Mitte der neunziger Jahre nach drei Legislaturperioden der absoluten Mehrheit die Grünen mit ins Kabinett nehmen. Und fortan bröckelte die Übereinstimmung von Landesmentalität und hegemonialer Partei. Die SPD brach erst 1999 in den Kommunen ein, dann 2005 bei den Landtagswahlen. Am Ende stand die Opposition und schlimmer noch: Eine anhaltend tiefe Depression und fortwährende Ratlosigkeit.

Die einst erfolgreichen Integrationsparteien haben somit mittlerweile das meiste von dem eingebüßt, was sie zuvor groß gemacht hat. Sie sind ihres Antriebsstoffs, ihrer historischen Aufgabe, ihrer Grasverwurzelungen entledigt. Die SPD ist dabei der CDU eine gute Nasenlänge voraus. Doch befriedigen kann das die Christdemokraten nicht. Denn: Bricht der eine Stützpfeiler weg, dann beginnt es auch an anderer Stelle unaufhaltsam zu rutschen. Schon jetzt lässt sich die Union schwerlich noch als kraftvolle, kohärente Partei bezeichnen.

Das gilt vor allem für den Nachwuchs. Hier, bei den Jungwählern zwischen 18 und 24 Jahren, kam sie bei der letzten Bundestagswahl, vor acht Monaten auch in Hessen lediglich auf 26 Prozent. In Niedersachen verlor die CDU im Januar bei den jungen Frauen im Alter von 18 bis 29 nicht weniger als 17 Prozentpunkte. Das Dilemma verschärft sich, betrachtet man eigens die bürgerlichen Schichten. Von den jungen Hochgebildeten – akademischen, urbanen und modernen, einkommensstarken, beruflich mobilen und aufgrund ihrer weitläufigen sozialen Kontaktkreise wichtigen Meinungsmultiplikatoren – stimmten nicht einmal 15 Prozent für die christliche Union. Überdies hat die CDU – und eben das macht die Dramatik aus – viele Selbständige abgestoßen. Dort fielen die Verluste mit sechs Prozentpunkten bei den Bundestagswahlen 2005 überdurchschnittlich aus. Die Selbständigen bilden die einzige Erwerbsgruppe, in der die Union zwischen 1998 und 2005 auf der Bundesebene signifikant zurückging.

CDU verliert beim bürgerlichen Lager

Da in der gegenwärtigen Legislaturperiode strukturelle Marktreformen unterblieben sind, hat sich die Kluft zwischen dem Wirtschaftsbürgertum hier und ihren früheren politischen Repräsentanzen noch weiter vertieft. Bei den drei Regionalwahlen Anfang des Jahres waren die christdemokratischen Verluste bei den Selbständigen mit 25 (Hessen) beziehungsweise elf (Niedersachsen) und zwölf Prozentpunkten (Hamburg) markant. Auch baute sich die Distanz zur "bürgerlichen" CDU bei den Wählern mit Abitur und Hochschulabschluss 2008 weiter aus, vor allem bei solchen weiblichen Geschlechts. Da es sich hier um kulturelle Leitmilieus der Wissensgesellschaft handelt, ist diese Entwicklung für die CDU in der Tat nicht ungefährlich.

Der Zulauf von "unten", den die christdemokratischen Landesparteien während der Jahre 2003 bis 2005 verbuchte, ist dagegen längst versiegt. In der CDU hatte – mit Ausnahme vielleicht von Jürgen Rüttgers - keine Vorstellung existiert, wie man die von der SPD enttäuschten Arbeiter und Arbeitslosen jüngeren Alters und ohne gewerkschaftliche Bindungen mindestens mittelfristig zum Machterwerb fortan hätte nutzen können. Infolgedessen machte sich der größte Teil des Subproletariats, dem Wulff, Stoiber und Koch vor fünf Jahren ihre furiosen Stimmenzuwächse zu verdanken hatten, wieder auf und davon – gar nicht wenige davon schnurstracks zur Linkspartei.

Belastungssichere Loyalitäten gegenüber der Union existieren einzig – noch - in den von Forschern so bezeichneten "traditionsverwurzelten Lebenswelten". Nur dort erreicht die CDU weiterhin Werte von 50, teilweise von über 60 Prozent. Allerdings: Nirgendwo sonst ist die Furcht vor Neuerungen so massiv wie hier in den Stammquartieren der Union, gleichviel ob es sich um Veränderungen im Bereich der Technik, der Politik oder der Ökonomie handelt. Stattdessen ist man, ganz ähnlich übrigens wie die Anhängerschaft der "Linken", für einen fürsorgenden und sich verlässlich patriarchalisch kümmernden Staat.

insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
Nihil, 24.09.2008
1. Tja
Wenn die SPD nicht so verzweifelt schlecht wäre und absichtlich die große Koalition in die Verlängerung schicken würde, um ja an den Pöstchen zu bleiben, dann wäre Rüttgers der nächste CDU-Vorsitzende. Schon 2009.
MichaelFischer, 24.09.2008
2. Ja,
wenn man meint die Menschen merken es nicht, dass sie durch plumpe Gehirnwäsche und Manipulation für dumm verkauft werden sollen, wird die sog. Kernwählerschaft auch in Zukunft rapide abnehmen. http://www.politonline.ch/index.cfm?content=news&newsid=1022 http://www.nachdenkseiten.de/?p=3471
oh_spd 24.09.2008
3. Wer wundert sich da ...
Zitat von sysopDer Niedergang der SPD macht Schlagzeilen - dabei steht die Union auch nicht viel besser da. CSU und CDU haben erhebliche strukturelle Probleme - und die traditionsverwurzelte Kernwählerschaft nimmt ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,580163,00.html
... bei den selbst verliebten Sympathieträgern wie Koch oder Öttinger, bei einer grandiosen Fehlbesetzung wie Pofalla (kommt auch immer sehr sympathisch rüber) usw. usw.? Oder die Nabelschau der Provinzpolitiker mit ihrem für die Partei desaströsen Verhalten z.B. in Berlin oder in Köln? Wer traut diesen Leuten angesichts ihres Dilettantismus über den Weg bzw. eine zukunftsgreichtete Politik zu? Wer wundert sich, dass nicht nur SPD-genervte Wähler nicht CDU wählen, sondern wie auch manche CDU-Wähler den Rattenfängern und Populisten dieser Welt nachlaufen?
katermohr 24.09.2008
4. cdu ?
Zitat von sysopDer Niedergang der SPD macht Schlagzeilen - dabei steht die Union auch nicht viel besser da. CSU und CDU haben erhebliche strukturelle Probleme - und die traditionsverwurzelte Kernwählerschaft nimmt ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,580163,00.html
ist doch nicht schlimm , dafür hat die cdu jetzt eine kanzlerin die viel reisen kann , bewegen tut sie damit zwar nicht viel aber egal sie muss ja knapp 4 jahrzehnte aufholen , ich meine damit die zeit die sie in der ddr verbracht hat , jetzt hat sie einen schönen posten , kann reisen , hände schütteln , eventuelle konkurenten (merz)rauskicken und die tagespolitik ? egal hauptsache die welt sehen :-) , jede partei hat die politiker die sie verdient
Kalix 24.09.2008
5. Wechsel ist angesagt
Zitat von NihilWenn die SPD nicht so verzweifelt schlecht wäre und absichtlich die große Koalition in die Verlängerung schicken würde, um ja an den Pöstchen zu bleiben, dann wäre Rüttgers der nächste CDU-Vorsitzende. Schon 2009.
Warum nicht ?
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