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18. Juli 2016, 12:49 Uhr

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Nachrichten gefährden Ihre Gesundheit

Eine Kolumne von

Putsch in der Türkei, Panzer in Istanbul? Wer sich aus der Hektik des Alltags verabschieden will, ist bei ARD und ZDF an der richtigen Adresse. Bei den Öffentlich-Rechtlichen sendet man in der Krise Klassik.

Vermutlich wird der Wert von Nachrichten überschätzt. Was nützt es einem zu wissen, wen Donald Trump gerade wieder beleidigt hat, oder, um ein aktuelles Beispiel zu wählen, wer sich in der Türkei an die Regierung putscht? Man kann ja ohnehin nichts ändern. Entweder bleibt Erdogan Präsident oder es kommt ein anderer Türke, der von Demokratie auch nicht mehr hält als er.

Zu viele Neuigkeiten lenken ohnehin nur ab. Es soll Menschen geben, die sich ganz aus dem Nachrichtenstrom ausgeklinkt haben, weil sie um ihre Gesundheit fürchten. Angeblich schädigt der permanente Nachrichtenkonsum das Immunsystem. Sobald wir etwas sehen oder lesen, was uns beunruhigt, gelangt eine erhöhte Menge des Stresshormons Cortisol in die Blutbahn.

Cortisol verstärkt die Anfälligkeit für Infekte, es sorgt für Verdauungsstörungen und stört das Wachstum von Knochen und Haaren. Der Schweizer Motivationsautor Rolf Dobelli vergleicht Nachrichten mit Zucker und empfiehlt eine strenge "Nachrichtendiät", um die giftige Wirkung zu begrenzen.

Ich habe mit dem Rauchen aufgehört. Alles, was zu viel Zucker enthält, lasse ich stehen. Aber bei Nachrichten werde ich schwach. Als meine Frau am Freitagabend nach einem Blick auf ihr Handy sagte, dass in der Türkei gerade das Militär putsche, schaltete ich sofort den Fernseher an, um mehr zu erfahren.

Man muss kein Nachrichtenjunkie sein, um bei der Kombination von "Erdogan" und "Putsch" ein Bedürfnis nach mehr Information zu haben, finde ich. Die Türkei ist ja keine afrikanische Dschungeldiktatur, bei der man es achselzuckend hinnimmt, wenn die Generalität die Panzer in Marsch setzt. Das Land liegt, jedenfalls mit einem kleinen Teil, in Europa. Die Türkei ist ein wichtiger Nato-Partner und schon wegen ihrer Grenze zu Syrien geopolitisch von herausragender Bedeutung. Wir haben nicht von ungefähr deutsche Soldaten auf einer Luftwaffenbasis im Süden des Landes stationiert.

Ich hätte mir keine Sorgen machen müssen, dass ich durch ein Übermaß an Informationen eine Art Nachrichten-Zuckerschock erleiden würde. Bei ARD und ZDF liegt man voll im Diätplan.

"Eine dramatische Situation, die wir weiter beobachten": Mit diesem Satz fasste Marietta Slomka im "heute-journal" die ersten Meldungen aus Istanbul zusammen. Dann sendete das ZDF die Nacht der Klassik, bei der ARD hatten sie einen alten "Tatort" im Programm. Während man nebenan beim Spartensender Euronews verfolgen konnte, wie Erdogan über Facetime seine Anhänger zum Widerstand aufrief, schmetterten sie bei den Öffentlich-Rechtlichen Aida.

Kurz nach Mitternacht erschien auf dem Bildschirm wieder Frau Slomka, um dem Zuschauer mitzuteilen, Erdogan habe sich über Mobilfunk gemeldet, was streng genommen richtig war, weil er ein Handy benutzte, um sich von einem geheimen Ort aus zu zeigen - aber eben die eigentliche Pointe verpasste. Dann tauchte ein Korrespondent auf, dem man schon nach den ersten Sätzen anmerkte, dass er genauso aus dem Mustopf kommt wie man selber. Dass man von der Dramatik der Ereignisse eine Ahnung bekam, verdankte sich der Live-Schalte eines CNN-Reporters, die als Einspieler vorlag.

Es gibt nicht so viele Nächte, in denen man aufbleibt, weil man den Eindruck hat, einem weltgeschichtlich großen Moment beizuwohnen. Bei der ARD hat man kurz den "Tatort" unterbrochen, um die Zuschauer auf den aktuellen Stand zu bringen. Als in der Nacht endlich klar war, dass der Putsch gescheitert war, waren die öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr live dabei. Der "Ereignis- und Dokumentationskanal" Phoenix hinterließ bereits um 23:44 via Twitter die Nachricht: "Wir berichten morgen um 9 Uhr wieder zum #Militaerputsch in der #Türkei". Was immer man bei Phoenix unter einem "Ereignis" versteht: Alles, was nach 23 Uhr passiert, gehört nicht dazu.

In Deutschland rümpft man gerne die Nase über das amerikanische Fernsehen: Aber wer in einer Krise auf dem Laufenden sein will, dem kann man nur raten, sich die Position von CNN im Senderdurchlauf zu merken. Auch bei der BBC ist man als Nachrichteninteressierter gut aufgehoben. Allen, die nicht so gut Englisch sprechen, bietet sich Euronews als Alternative an. Was der kleine Nachrichtensender mit einem Live-Feed von CNN Türk und einem Simultanübersetzer zu Stande brachte, stellte alles in den Schatten, was die großen deutschen Fernsehanstalten an diesem Abend zu bieten hatten.

Es mag sein, dass der Mehrheit der Zuschauer von ARD und ZDF die Fortsetzung eines alten "Tatorts" wichtiger ist als die laufende Berichterstattung über einen Militärputsch in einem europäischen Nachbarland. Gut möglich, dass die Entscheidung, dem türkischen Drama zu folgen, auf die Quote durchgeschlagen hätte. Aber wer 8 Milliarden Euro im Jahr an Rundfunkgebühren einnimmt, wird nach anderen Maßstäben gemessen als ein Privatsender. Warum die Verantwortlichen nicht wenigstens auf einem der vielen Ableger, die sie inzwischen betreiben, für einen Programmwechsel gesorgt haben, weiß nur der liebe Herrgott.

"Leben Sie ohne News. Klinken Sie sich aus. Radikal", empfiehlt der Lebensentschleuniger Dobelli. "Erschweren Sie sich selbst den Zugang zu News, so gut es geht. Löschen Sie die News-App auf ihrem iPhone. Verkaufen Sie Ihren Fernseher. Greifen Sie nicht nach Zeitungen und Zeitschriften, die in Flughäfen und Zügen herumliegen."

Auf den Verkauf des Fernsehers kann man verzichten, wie sich zeigt. Es reicht völlig, bei aktuellen Großereignissen brav die Öffentlich-Rechtlichen einzuschalten, um sich den News-Zugang zu erschweren.

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