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Leben im Osten: Liebe in Haßleben

Foto: Jonathan Stock

Krisengebiet Ostdeutschland Eine Liebe in Haßleben

In der brandenburgischen Uckermark ist die Arbeitslosigkeit hoch, die Löhne sind niedrig, die Perspektiven düster - und junge Leute wollen einfach nur weg. Ein junges Paar im Dorf Haßleben will trotzdem bleiben. Szenen einer hartnäckigen Liebe.

Wenn man den alten Herrn Weirauch fragt, der unten an der Dorfstraße die Kaninchen füttert, was es in Haßleben Schönes gibt, dann sagt er: "Meister, hier gibt es nichts, hier gibt es nur böse Stimmung, dass alles plattgemacht wurde und nichts weitergeht." Wenn man Patrick und Sophia fragt, dann antworten sie: "Wir haben uns."

Als Kinder haben sie sich geküsst, bis ihre Mutter sie erwischte, hinter dem Dorfplatz, an dem alten Hof, zwischen Kastanie und Birke. Patrick war ihr Prinz. Sophia war seine Prinzessin. Sie brauchten keine Krone dafür und auch kein Zepter, sagt sie, das sei alles in ihrer Phantasie, das sei alles in ihrem Kopf gewesen.

Heute spült Sophia die Gläser in der Gaststätte des Dorfes. Sie bringt Schweinegeschnetzeltes oder Eisbein an den Platz. Manchmal serviert sie ein Herrengedeck, also ein Pils und ein Korn. Das Radio spielt den ganzen Tag. Manchmal läuft das Lied "Alles nur in meinem Kopf", dann singt sie mit. Eine Zeile lautet: Wir sind aus Staub und Phantasie.

Patrick sitzt an der Kasse bei Edeka, ein paar Dörfer weiter. Er schaut auf den Kreislauf der Pfandflaschen und wundert sich manchmal, wie die Alkoholiker überleben, die schon ab dem 15. kein Geld mehr haben und dann kein Brot mehr kaufen, sondern nur noch Schnaps. "Manchmal ist es echt kurios", sagt er.

Der Hof, an dem sie als Kinder gespielt haben, steht noch, gegenüber von Sophias Gaststätte. Aber es wohnt keiner mehr darin. Die Fenster sind zerbrochen, die Tür ist ausgehängt, und eine Nachricht, mit braunen Heftpflastern befestigt, flattert im Wind, die nutzlos geworden ist, weil sie niemand mehr liest: "Eingang hinterm Haus! Auch für Roeß".

Vor der Wende waren es noch mehr als 1000 Einwohner

Haßleben: Uckermark, Bundesstraße 109, weniger als 500 Einwohner, vor der Wende waren es mehr als 1000. Die Fenster der verlassenen, grauen Häuser, sind mit Ziegelsteinen zugemauert, aus den Regenrinnen wächst das Gras, und bei der verschlossenen Kirche grüßt ein großes, gelbes Schild: "Arbeitsplätze für die Uckermark... Herr Platzeck, wir warten!"

Haßleben ist kein Ort zum Warten. Haßleben ist ein Ort, aus dem junge Leute flüchten, wie Schiffbrüchige, die ihr sinkendes Boot aufgeben. Selbst die Wildschweine ziehen an Haßleben vorbei. Standwild hat es nicht, sagt der Jäger. Vielleicht liegt das an der geschlossenen Schweinemastanlage, die die Umgebung jahrelang mit Gülle verseucht hat.

Patrick und Sophia sind geblieben. Sie sind geblieben, als der Rohrpfuhl verlandete, als der Jugendclub schloss und als die Bahnlinie stillgelegt wurde. Eine Zeit lang fuhr noch eine Draisine in der Saison für die Touristen. Aber es gab keine Touristen, und es gab auch keine Saison. Jetzt wachsen zwischen den Gleisen die Dolden der Wilden Möhre, und auf dem Schreibtisch des Bahnwärters liegt ein vertrockneter Rosenstrauß.

Nach der Schule zogen ihre Freunde weg, in den Westen oder nach Österreich, in die Schweiz, dorthin, wo es Arbeit gab. Manche kommen am Wochenende wieder, andere nur zu Weihnachten. Dann fahren sie nach Prenzlau in die Arena-Disco oder nach Schwedt ins Kino. "Dann machen wir einen drauf, wie früher", sagt Patrick.

Haßleben mag für viele ein Ort sein, an dem nur die Grabsteine schön sind. Aber die das denken, kennen nicht die Freude, die Sophia durchfährt, wenn sie an der Bahnstrecke entlangstromert und der alte Bunker der Russen offensteht. Sie kennen nicht den Wald und die Ruhe, die Patrick mag, und nicht seinen Löschzug, die Nudelwoche und den Fußball. Sie kennen nicht die Rentnerweihnachtsfeier, das Dorffest oder das Harmonium, das in der Kirche zu Weihnachten gespielt wird, seit die Orgel kaputt ist.

Auch wenn sie eine Million hätten, würden sie nicht weggehen

Heimat ist für Patrick und Sophia nicht der Geruch von Mutters Apfelkuchen, der nur von denen beschworen wird, die Mutter und Apfelkuchen längst verraten haben. "Heimat ist Heimat", sagt Patrick. "Heimat ist hier. Zu Hause halt", sagt Sophia. Auch wenn sie eine Million hätten, sagen sie, würden sie nicht wegziehen, auch nicht in 50 Jahren. Und niemals nach Berlin. Diese Stadt sei nicht lebenswert, finden sie.

Sophie war mal da, drei Wochen, es war ihr nicht geheuer. Die U-Bahn, die Menschen, der Lärm. "Zu viel Stadt", sagt sie. Sie hatte Heimweh nach Haßleben. Und als es Herbst wurde und sie mit dem Kind draußen waren im Wald und die Sonne im richtigen Moment durch die Blätter schien, da hat Patrick Sophia gefragt, ob sie ihn heiraten will. Und sie hat ja gesagt.

An einem Abend im Oktober wartet sie auf ihn, hinter der Theke. Als er kommt, sortiert sie das Besteck, zwischen den Jägermeister-Flaschen, unter den Hirschgeweihen. Er setzt sich zu ihr, wie so oft unter der Woche, als einziger Gast, und wartet, bis sie Feierabend hat. "Willst du was trinken?" "Ja", sagt er, "ein Wasser". Dann sitzen sie sich gegenüber, schauen sich an und sagen, dass sie sich vermisst haben.

Draußen ist es kalt geworden. Drinnen brennt noch ein Licht, und darunter sitzen die beiden und reden über ihre Träume. Ob sie Glückspilze oder Pechvögel sind, das wissen sie nicht zu sagen. Aber glücklich, sagen sie, das seien sie eigentlich schon.

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