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02. Januar 2012, 09:57 Uhr

Krisengebiet Ostdeutschland

Frau Haubold reißt ihren Kindheitstraum ab

Von , Eisenhüttenstadt

Eisenhüttenstadt war der Stolz der DDR, die "erste sozialistische Stadt" vom Reißbrett, modern, hell, eine Offenbarung für die Bewohner. Gabriele Haubold und ihre Familie zählten damals zu den ersten Bürgern. Heute arbeitet sie als Architektin und reißt den Traum ihrer Kindheit ab.

Gabriele Haubold kann sich an die Zeit erinnern, als Eisenhüttenstadt ein Versprechen war: eine Stadt ohne die Narben des Krieges, ein eigenes Kinderzimmer an der Straße der Republik, Licht in den Wohnungen und Birken im Hof. Wenn sie erzählt, klingt es wie ein Traum, den nur wenige erleben dürfen - in einer Stadt Kind zu sein, die erschaffen wird.

Sie reiste als junges Mädchen aus Chemnitz nach Eisenhüttenstadt, das bis in die sechziger Jahre noch Stalinstadt hieß. Chemnitz war grau, zwei Drittel vom Krieg zerstört. Dort lebte sie mit ihren Eltern im selben Zimmer. Bad und Küche teilte sie mit allen Familien im Haus.

Eisenhüttenstadt hatte Fernwärme, Badezimmer, Küche und Garten für jede Familie. Es war der Stolz der DDR, die "erste sozialistische Stadt", in ein paar Monaten aus dem Heideboden gestampft. Eine Offenbarung für sie und ihre Familie, sagt Gabriele Haubold.

Heute reißt sie diese Offenbarung ab.

Sie arbeitet im zweiten Stock des Rathauses, Zentraler Platz Eins, Fachbereich Fünf: Stadtentwicklung. Schaut sie aus dem Fenster des Sekretariats, sieht sie die alte Straße ihrer Kindheit. Sie wird saniert, ihre Eltern müssen bald ausziehen. Schräg gegenüber steht das verfallene Hotel Lunik, manchmal darf seine abblätternde Fassade als Kulisse dienen - für Filmstudenten, die abblätternde Fassaden interessant finden.

Ein Name wie ein Brandzeichen

Im Rathaus ist es still an diesem Freitagmittag. Auf den leeren Fluren fühlt es sich einsam an, wie auf den leeren Straßen der Stadt. Nur die Tasten des Computers klicken unter Haubolds Fingern. Die Titel auf dem Bildschirm klingen so verheißend, dass es schmerzt: "Zukunft als vernetzte Stadtlandschaft", "Vom Industriezentrum zum Innovationsstandort", "Raum für Generationen". Man hat vergeblich versucht, der Unmöglichkeit Namen zu geben. Deutlicher schrieb es ein Unbekannter mit großen hellblauen Buchstaben an die Außenwand des Bahnhofs: "Ich bin kein Rassist. Ich hasse euch alle."

Stadtentwicklung in Eisenhüttenstadt ist wie ein Zauberwürfel mit lauter grauen Seiten. Ein Traum für Stadtplaner, weil es so viel zu tun gibt, und ein Alptraum, weil es für so viel keine Lösung gibt. Wie wollen sie eine Stadt entwickeln, die nicht im Mittelalter um eine Kirche gewachsen ist, sondern 1950 als erweiterter Hochofen befohlen wurde? Eine Stadt, deren Viertel "Wohnkomplexe" heißen und sich nur durch Nummern unterscheiden? Eine Stadt, deren Name selbst wie ein Brandzeichen wirkt?

Gabriele Haubold hat versucht, die Stadt zu entwickeln, seit mehr als 30 Jahren. Das Bauen liegt in ihrer Familie, sagt sie. Sie arbeitet als Architektin, ihr Vater arbeitete als Architekt, ihre Schwester als Statikerin. Vor der Wende empfing sie Anweisungen vom Wohnungs- und Gesellschaftsbaukombinat, nach der Wende von der Stadtverwaltung. Sie plante für die letzten Neubauten und für den ersten Abriss.

Früher hieß Entwicklung: wachsen - heute heißt es: schrumpfen

Entwicklung hieß für sie lange zu wachsen. Ende der achtziger Jahre lagen die Prognosen für Eisenhüttenstadt bei 80.000 bis 100.000 Einwohnern. Sieben Wohnkomplexe gab es, und der achte sollte bald kommen. Heute sind es gerade noch 30.000 Einwohner, 2020 sollen es unter 24.000 sein, und den siebten Wohnkomplex gibt es nicht mehr. Entwicklung heißt jetzt zu schrumpfen.

Haubold versucht, das positiv zu sehen. Sie sagt, dass Eisenhüttenstadt im Schrumpfen Vorreiter sei. Sie geht davon aus, dass in zehn Jahren Städte im Westen kleiner werden, deren Verwaltungen darüber noch nicht nachdenken. Die sich verhalten, wie sich Politiker Eisenhüttenstadts Mitte der neunziger Jahre verhielten: ungläubig, trotz aller Statistik.

Damals wurden Haubold und ihre Kollegen von Stadtverordneten beschimpft, als sie für 2015 vorsichtig von 45.000 Einwohnern ausgingen. "Was soll das? Wie könnt ihr es wagen, die Stadt runterzurechnen?", fragten die Politiker sie. Damals wies das Land Fördermittel für Neubaugebiete aus. Es waren die ersten Häuser, die später leerstanden.

Weniger sanieren, mehr abreißen

Laut dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung könnte es in Deutschland im Jahr 2100 ohne Zuwanderung so viele Menschen geben wie zuletzt Anfang des 19. Jahrhunderts: 25 Millionen. Aber auch mit einer Zuwanderung von 200.000 Menschen im Jahr verliert Deutschland nach Schätzungen des Statistischen Bundesamts bis 2050 zehn Millionen Menschen. Verlassene Dörfer und geschrumpfte Städte wären dann eine bundesdeutsche Realität.

Gabriele Haubold hätte Recht behalten mit Eisenhüttenstadt als Vorreiter im Schrumpfen, einer Art Labor für alle Städte, die es noch vor sich haben. Drei Punkte gebe es in diesem Labor zu lernen: abreißen, sanieren, Identität.

Für junge Menschen wurde neben Kita und Jugendclub wenig getan, aber die Stadt hat sich darum bemüht, für die Alten wieder ein paar Orte der Identifikation zu schaffen, zum Beispiel die Gaststätte "Aktivist", wo früher die Arbeiter getanzt haben. Viele der Alten sagen: "Das ist wie früher." Und dann gehen sie zurück in den Garten. Vielleicht kann man Identität nicht bauen. Vielleicht ist es immer eine Spurensuche, die erst mit dem Verlust beginnt.

Für Gabriele Haubold ist Identität der Oder-Spree-Kanal, an dem sie als Mädchen Krebse fing. Und der Wohnkomplex VI, in dem sie wohnt, neben der Insel, deren Dschungel sie damals dazu einlud, Abenteuer zu erleben. Als Eisenhüttenstadt ein Versprechen war: eine Stadt ohne die Narben des Krieges, ein eigenes Kinderzimmer an der Straße der Republik, Licht in den Wohnungen und Birken im Hof.

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