Krisenprofiteur SPD Gabriels Operation Kanzleramt

Die Regierung taumelt, einer darf sich freuen: Sigmar Gabriel. Mit jedem Tag schwarz-gelber Krise steigen die Chancen des Niedersachsen, der nächste Kanzler zu werden. Zur Kandidatur hält er sich bedeckt, aber in der SPD läuft alles auf ihn zu - und er selbst sorgt schon mal vor.

SPD-Chef Gabriel: Vom Polit-Kasper zum Darling der Partei
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SPD-Chef Gabriel: Vom Polit-Kasper zum Darling der Partei

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Berlin - Eigentlich hat Sigmar Gabriel derzeit nur ein Problem. Sein Knie schmerzt. Er humpelt. Ansonsten läuft es prächtig für seine SPD - und für ihn persönlich. Das lässt sich gerade überall besichtigen.

Vergangene Woche schaute Gabriel bei der Spargelfahrt der konservativen "Seeheimer" vorbei. Das reichte. Es sei "eine große Ehre" ihn an Bord zu haben, flötete Seeheimer-Sprecher Johannes Kahrs. Das Land habe Leute, die führen könnten und nicht führen könnten: "Jetzt übergebe ich an jemanden, der es kann - Sigmar!" Es war eine Huldigung. Der Applaus donnerte übers Deck, der Dampfer legte ab.

Sigmar Gabriel hat einen Lauf. Lange galt er in der SPD als Polit-Kasper, inzwischen ist er ihr neuer Darling. In nur acht Monaten hat der Vorsitzende die Partei umgekrempelt, die Umfragewerte stabilisiert und mit den Grünen Freiheitspapst Joachim Gauck aus dem Hut gezaubert. Und weil Union und FDP mit jedem Tag ein schlimmeres Bild abgeben, scheint klar: Gabriels Chancen steigen, bei der nächsten Bundestagswahl nicht nur Kanzlerkandidat seiner Partei zu werden, sondern auch tatsächlich ein Bündnis unter seiner Führung schmieden zu können. Der Niedersachse könnte Deutschlands nächster Kanzler werden.

Reden würde er darüber nie. "Wir könnten sofort eine Regierung übernehmen", sagt er, lässt seine Rolle aber bewusst offen. Gabriel hat sich selbst in der K-Frage einen Maulkorb verpasst. Sein Umfeld betont bei jeder Gelegenheit, eine Kandidatenkür stünde noch lange nicht an, die Partei brauche nach dem Denkzettel vom vergangenen September erst einmal ein paar Jahre Therapie. Tunlichst will der 50-Jährige das Thema umgehen, denn klar ist: Gibt er zu früh seine Ambitionen zu erkennen, könnte es schnell vorbei sein mit der guten Laune in seiner Partei - und so auch mit seinen Chancen. Dass er im Politiker-Ranking weiter hinten zu finden ist, passt da ganz gut.

Konkurrenz ist nicht in Sicht

Doch was, wenn Christian Wulff, der schwarz-gelbe Präsidentschaftskandidat, am 30. Juni durchfällt? Was, wenn diese Bundesregierung zerbricht? Wenn es tatsächlich Neuwahlen geben sollte? Was zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht mehr auszuschließen ist, wenn selbst "Bild" fragt: "Hält dieses Bündnis wirklich noch drei Jahre?" Dann hätte die SPD plötzlich keine Zeit mehr, sich zu erholen. Dann müsste sie früher über eine Kanzlerkandidatur entscheiden als gedacht.

Eine große Auswahl hätte sie nicht, es bliebe nur Gabriel. Frank-Walter Steinmeier macht seine Sache als Fraktionschef besser als gedacht. Aber er ist Protagonist einer gescheiterten SPD. Mittelfristig dürfte die Sozialdemokratie ohne ihn gestaltet werden. Ähnlich verhält es sich mit dem populären Peer Steinbrück, dem ehemaligen Finanzminister. Und Klaus Wowereit hat Mühe, in Berlin seinen Senat zusammenzuhalten. Sein Stern ist seit Monaten am Sinken.

Wahrscheinlich ist, dass erst 2013 wieder gewählt wird. Doch das Bild in der SPD dürfte sich gleichen. Konkurrenz? Fehlanzeige. Dass Gabriel antreten würde, bezweifelt kaum jemand in der SPD. Wollte er das nicht, hätte er nicht Parteichef werden müssen. Zudem gibt es längst Belege dafür, dass er konsequent auf eine Kandidatur hinarbeitet.

Er reißt seine Partei mit, ist der mit Abstand präsenteste Angreifer, der prominenteste Widerpart der Kanzlerin - mit all den Kehrseiten. In der Debatte um die Griechenland-Hilfen übersteuerte er, wirkte fahrig und sprunghaft. Es war ein bisschen wie früher. Doch zuletzt fing er sich, wählte wichtige Auftritte mit Bedacht. Seine letzte Bundestagsrede zum Euro-Rettungspaket im Mai hatte Kanzlerformat, das sagten später selbst Gegner. Genüsslich zerpflückte er die Politik Angela Merkels. Die Koalitionäre schlackerten mit den Ohren.

Taktisch tanzt in der SPD fast alles nach seiner Pfeife. In der Afghanistan-Debatte rang er zu Jahresbeginn Ex-Außenminister Steinmeier ein Ausstiegsszenario ab. In der Europapolitik trimmte er die Genossen auf Gegenkurs zur Kanzlerin. Nach dem Rücktritt von Horst Köhler verordnete er seinen Parteifreunden zurückhaltende Kommentare, obwohl manche in der SPD-Spitze gerne den Hammer rausgeholt hätten. Und in der Frage von Köhlers Nachfolge war er derjenige, der mit der Kanzlerin pokerte - seine SMS an die "Sehr geehrte frau bundeskanzlerin" führte das allen vor Augen.

Bündnis mit dem Bürgertum?

Auch strategisch stellt Gabriel Weichen - aber anders als viele dachten. Dass in Nordrhein-Westfalen kein Linksbündnis zustande kam, lag nicht an ihm. Doch passte die Entscheidung Hannelore Krafts gut in sein Konzept.

Den Eindruck, Rot-Rot-Grün sei langfristig die letzte Hoffnung der SPD, teilt er nicht. Rechnerische Mehrheiten seien nicht unbedingt politische Mehrheiten, pflegt der Parteichef zu sagen. Ihm schwebt, deutet man die Personalie Joachim Gauck richtig, für 2013 anderes vor: Eine Ampel mit der FDP, ein Bündnis mit dem Bürgertum. Willy Brandt lässt grüßen. Die Grünen, deren Nähe zur SPD zuletzt ins Wanken geriet, weiß er dabei fest an seiner Seite. Mit Fraktionschef Jürgen Trittin versteht er sich blendend, gemeinsam bilden sie eine neue rot-grüne Achse. Gauck war ihr erster Coup. Und er wirkt: Die FDP ließ wissen, sie wolle künftig einen dauerhaften "Gesprächsfaden" mit SPD und Grünen.

Doch er weiß auch: Die SPD wird ihm nur dann folgen, wenn er ihre Sehnsüchte befriedigt - nach linken Inhalten, nach alten Verbündeten. Er wird sich ihnen nicht verschließen, schon aus Eigennutz: Seit Oskar Lafontaine sich von der großen politischen Bühne verabschiedet hat, ist der Platz des Arbeiterführers frei. Dass er gewillt scheint, ihn zu füllen, hat er in den letzten Monaten bereits gezeigt. Wann immer es geht, wettert Gabriel gegen die "Spekulanten und Zocker an den Börsen", plädiert für hohe Mindestlöhne, fordert mehr Mitbestimmung. Hilfreich ist dabei ausgerechnet die Kanzlerin: Indem sie im Sparpaket die Schwerreichen verschont, schweißt sie die Genossen mit den Gewerkschaften wieder zusammen. Gemeinsam wollen sie gegen die Pläne eine Front aufmachen - und so Schwarz-Gelb mürbe machen.

Es kann natürlich auch alles ganz anders kommen. Gabriel kann scheitern - und zwar an sich selbst, so wie es gelegentlich schon passiert ist in seinem Leben. Doch danach sieht es im Moment nicht aus.

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Seite 1
Reziprozität 14.06.2010
1.
Zitat von sysopMit jedem Tag schwarz-gelber Krise steigen die Chancen Sigmar Gabriels, der nächste Kanzler zu werden. Zur Kandidatur hält er sich bedeckt, aber in der SPD läuft alles auf ihn zu - und er selbst sorgt schon mal vor. Wäre er der richtige SPD-Kandidat?
Nimmt man mal seine Amtsfuehrung im BMU vor den letzten Bundestagswahlen zum Massstab, kann die Antwort eigentlich nur "Nein" lauten.
Münchner, 14.06.2010
2.
Zitat von sysopMit jedem Tag schwarz-gelber Krise steigen die Chancen Sigmar Gabriels, der nächste Kanzler zu werden. Zur Kandidatur hält er sich bedeckt, aber in der SPD läuft alles auf ihn zu - und er selbst sorgt schon mal vor. Wäre er der richtige SPD-Kandidat?
Ein bißchen früh sich über den Kanzlerkandidaten für 2013 Gedanken zu machen. Es ist schließlich auch unklar, ob die SPD dann überhaupt realisische Chancen hat den Kanzler zu stellen.
Stefanie Bach, 14.06.2010
3.
Zitat von ReziprozitätNimmt man mal seine Amtsfuehrung im BMU vor den letzten Bundestagswahlen zum Massstab, kann die Antwort eigentlich nur "Nein" lauten.
Mir ist ein Politiker lieber, der in der Vergangenheit auch mal einen Fehler gemacht hat, als Typen, die nur blöde einem Mantra hinterherlaufen. Es geht doch darum, dass wir zur sozialen Marktwirtschaft zurückkehren und uns international nicht weiter isolieren. Dafür müssen Arbeitsmarkt und Binnenmarkt in Ordnung gebracht werden. Zukunftsorientierte Politik muss sozial und demokratisch sein. Mein Projektvorschlag für Gabriel: Soziales Konjunkturprogramm statt Not und Realitätsverlust (http://www.plantor.de/2009/soziales-konjunkturprogramm-statt-not-und-realitatsverlust/).
ray4901 14.06.2010
4. wer denn sonst...
wer den sonst, könnte auch gefragt werden. Wenn die Sache in den nächsten 12 oder gar 24 Monaten anläuft, gibts doch echt keine Alternative. Sollte die Regierung noch 4 Jahre schaffen, könnte sich die SPD auch Alternativen ausdenken. Nach der neueren Geschichte mit Vorsitzendenmorden ist der Spielraum aber eher eingschränkt ;-)
tosi1967 14.06.2010
5. medialer Dumm-Quatsch
Zitat von sysopMit jedem Tag schwarz-gelber Krise steigen die Chancen Sigmar Gabriels, der nächste Kanzler zu werden. Zur Kandidatur hält er sich bedeckt, aber in der SPD läuft alles auf ihn zu - und er selbst sorgt schon mal vor. Wäre er der richtige SPD-Kandidat?
Es scheint immer wieder wie im Kindergarten zuzugehen: einer der Medien-Sensatioins-Schrei-Heinis möchte der Erste gewesen sein, der es berichtet hat und so berichtet man vom Ende, bevor es eben schon da ist. Ein bisschen mehr Anstand und Respekt wäre sehr wünschenswert. Übrigens gute Nacht, falls es so käme. Dann kommt der Strom wieder aus der Steckdose und die Sozialleistungen kommen aus dem Portemonnaie. Andererseits- warum sollen sich die Besserwisser nicht auch mal die Zähne an so komplexen Aufgaben ausbeißen?
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