Buch der Familienministerin Kristina Schröder kapituliert vor der Frauenfrage

Kristina Schröder hat ein Buch über Frauen in Deutschland geschrieben - sie klagt darin über starre Rollenbilder, vor allem aber rechnet sie mit dem Feminismus ab. Was die Familienministerin als Liberalität tarnt, ist in Wahrheit der Abschied von der Politik.
Ministerin Schröder: "Diktat der Rollenbilder"

Ministerin Schröder: "Diktat der Rollenbilder"

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Berlin - Man muss sich dieser Tage beinahe fragen, wo Kristina Schröder lebt. Natürlich ist bekannt, dass Schröder in Deutschland wohnt, in Berlin, dort leitet sie schließlich das Familienministerium. Ebenso sicher ist, dass sie jetzt lebt, im Jahr 2012, und nicht in den siebziger Jahren, nicht neben einem Frauenladen, nicht in der Uni sitzt zwischen Frauen in lila Latzhosen.

All das ist fast nicht zu glauben, wenn man Schröders neues Buch liest. "Danke, emanzipiert sind wir selber!" heißt es. Das Cover zeigt die Ministerin im Hosenanzug mit in die Hüften gestemmten Armen. Auf mehr als 200 Seiten führt Schröder - in Zusammenarbeit mit einer Freundin und Kollegin aus dem Ministerium - aus, wovon sich Frauen in Deutschland - und allen voran Schröder - angeblich bedrängt fühlen.

Sie fühlen sich - so will es Schröder glauben machen - verfolgt vom Diktat der Rollenbilder. Von den "Strukturkonservativen", wie die Ministerin es nennt, aber vor allem von Feministinnen. Die Familien- und Frauenministerin gesteht zwar der Frauenbewegung einige Errungenschaften zu. Mit dem Feminismus aber muss es nun aber auch mal gut sein, findet Schröder. Immer noch sängen die Feministinnen, "das wehleidige Lied weiblicher Diskriminierung", "blind" und "bräsig" sei der Feminismus geworden. Enttäuscht sei sie von Feministinnen, schreibt Schröder. "Ausgerechnet sie, die immer Emanzipation und Selbstbestimmung der Frau gepredigt haben, pflegten vielfach ein Weltbild, in dem Frauen vor allem als Opfer von Rollenfallen und Männerbünden, als diskriminiertes und benachteiligtes Geschlecht vorkommen."

Dass in Deutschland Frauen mit Kind oft wie ein Allgemeingut behandelt werden, über das geurteilt wird - das ist eine Binsenweisheit. Schröder hat als Politikerin die Abwertung von Frauen je nach Lebensentwurf als "Rabenmutter" oder "Heimchen am Herd" schon gefühlt tausendmal bemängelt. Jetzt füllt sie ein ganzes Buch mit dem Kampf gegen diese Rollenbilder.

Schröder rechnet mit dem Feminismus ab

Das ist an einigen Stellen interessant, weil es einen seltenen Einblick in das persönliche Erleben der Ministerin gibt. So schildert Schröder zum Beispiel die eigenen Erfahrungen als kinderlose, ledige Familienministerin, dann als erste Ministerin mit Baby. Von allen Seiten wurden Erwartungen an sie gerichtet, erst war es die Skepsis, ob sie als Familienministerin ohne Familie denn glaubhaft Politik machen könne, schließlich traute man es ihr nicht zu, den Job mit kleinem Kind zu bewältigen. "Nie war die Freiheit der Frauen in Deutschland größer als heute, doch in den ideologischen Schützengräben der siebziger Jahre sitzen Dogmatiker aller Couleur öffentlich Tribunal über die Ergebnisse dieser Freiheit", schreibt Schröder.

Den größten Teil aber widmet die deutsche Frauenministerin der Abrechnung mit dem Feminismus. Die Kapitel haben Überschriften wie: "Die Welt hat sich geändert - das feministische Weltbild nicht" oder "Der feministische Selbstwiderspruch: Emanzipation predigen, aber Bevormundung ausüben", "Der feministische Beißreflex: Feindbild Mann" oder auch "Gläserne Wände: Die einschränkende Wirkung feministischer Rollenleitbilder".

Da will sich jemand endlich befreien, da leidet jemand wirklich, so hat man den Eindruck. Allerdings: Wenn in Deutschland in den vergangenen Jahren über Feminismus gesprochen wurde, dann ging es - mit wenigen Ausnahmen - um einen sehr weichen, wenig ideologischen, sehr pragmatischen Feminismus, etwa in den Büchern "Wir Alphamädchen" oder "Neue deutsche Mädchen". Von einer Diktatur der Verbiesterten kann keine Rede sein. Natürlich schaltete sich auch hier Alice Schwarzer ein - mit ihr beharkte sich die Familienministerin, die schon als Abiturientin erklärte, bloß keine Feministin werden zu wollen, öffentlich. Schwarzers Einfluss allerdings zur allgegenwärtigen Kultur zu erhöhen, damit liegt Schröder daneben.

Die Frauenfrage ist eine große soziale Frage

Und so ist ihr Buch "Danke, emanzipiert sind wir selber!" nur als politische Positionierung zu verstehen. Hier erklärt die Frau, die ein kleines Kind und einen Vollzeitjob hat, den Feminismus zum großen Feind der Frauen in Deutschland.

Sie findet den Kampf gegen den Feminismus offenbar wichtiger als den politischen Kampf für gleiche Rechte und Chancen und ein besseres Leben für berufstätige Eltern: in einem Land, in dem die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen so groß sind wie in keinem anderen europäischen Land, in dem Frauen noch immer nur einen Bruchteil der interessanten, verantwortungsvollen, gut bezahlten Jobs besetzen. Die Quote der Frauen, die in Deutschland nach der Geburt ihrer Kinder jahrelang gar nicht arbeiten, ist höher als in anderen Ländern. Alleinerziehende rutschen oft automatisch an den unteren Rand der Gesellschaft, die teilzeitarbeitenden Frauen von heute müssen morgen mit einer Armutsrente rechnen. Die Frauenfrage ist also eine der großen sozialen Fragen in Deutschland, die nicht gelöst ist. Andere Europäerinnen schauen deshalb mitunter staunend auf die Zögerlichkeit deutscher Frauen bei der Durchsetzung der Gleichberechtigung.

Und was macht Schröder, Deutschlands Frauenministerin? Als Politikerin kämpft sie gegen eine feste Frauenquote in Unternehmen und für ein Betreuungsgeld. Und in ihrem Buch schreibt sie: "Wir gehen von einem Menschenbild aus, das Freiheit in Verantwortung unterstellt - wohl wissend, dass gesellschaftliche Strukturen und Barrieren dieser Freiheit Grenzen setzen, aber überzeugt davon, dass wir oft einseitig von der Gefangenschaft in Strukturen reden, obwohl es meist auch offene Türen gibt."

Schröder setzt also darauf, dass jede selbst ihren Weg findet - ihr Credo verkauft sie als Wahlfreiheit. In Wirklichkeit versucht Schröder sich so aus der Verantwortung zu stehlen, Entscheidungen zu treffen. Die von ihr propagierte Wahlfreiheit bedeutet so nichts anderes als das Gegenteil von Politik.

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