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03. Februar 2015, 16:58 Uhr

Betreuungsgeld und Frauenquote

Was wurde eigentlich aus Familienministerin Kristina Schröder?

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Ja zum Betreuungsgeld, Nein zur Frauenquote: Als Familienministerin hat Kristina Schröder polarisiert. Jetzt ist sie einfache Abgeordnete - und erhitzt noch immer die Gemüter. Warum, weiß sie selbst nicht so genau.

Berlin - Statt gegen den Feminismus kämpft sie also nun gegen den frühen Unterrichtsbeginn an Schulen. "Ein riesiges Thema" sei das, findet Kristina Schröder. "Früher wäre ich zurückhaltender gewesen, das zum Thema zu machen, ich hätte Angst gehabt, in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden." Je früher man aufstehe, desto redlicher sei man - diese Überzeugung würden ja viele wie eine Monstranz vor sich hertragen, sagt die CDU-Abgeordnete, früher Ministerin.

Schröder, 37, sitzt in ihrem Büro im Bundestagsgebäude, dunkle Jeans, brauner samtiger Blazer, weißes T-Shirt, hochhackige Stiefel. Neben ihr auf dem Sofa liegen eine Krabbeldecke und ein Kinderschnuffeltuch. Baby Mathilde, ihre zweite Tochter, bringt sie manchmal mit hierher.

Bis zum Herbst 2013 führte Schröder das Familienministerium. Sie war die erste deutsche Ministerin, die im Amt Mutter wurde.

Die "Bild" fotografierte sie, als sie nach der Entbindung mit ihrem Mann und Tochter Lotte die Klinik verließ. Schröder stand auch fortan unter Beobachtung. Würde eine junge Mutter im Amt etwas ändern, die Situation berufstätiger Frauen mit Familie verbessern?

Jetzt sagt Schröder: "Als ehemalige Ministerin fühle ich mich viel freier, mich grundsätzlich zu äußern." Der Satz beschreibt, wie Kristina Schröder ihr neues Leben als Abgeordnete empfindet: "Als ehemalige Ministerin" soll heißen, dass sie einmal ein hohes Amt hatte und in dieser Eigenschaft immer irgendwie noch gewisse Autorität hat - aber vor allem mehr Unabhängigkeit.

Feminismus, Betreuungsgeld: Schröder ist schwer zu verorten

Dabei war ihre Amtszeit als Ministerin schwierig. Schröder wirkte überfordert, oft ohne Rückhalt in den eigenen Reihen, schien nie richtig angekommen. Akzente setzte sie ausgerechnet auf Feldern, die nicht so recht zu einer jungen Familienministerin passen wollten. So rechnete sie in einem Buch mit dem Feminismus ab, setzte das Betreuungsgeld durch und kämpfte gegen eine feste Frauenquote. Bei anderen Projekten agierte sie ängstlich.

Schröder freilich hat heute eine eigene - andere - Deutung ihrer Amtszeit. Es sei sicher nicht ihre herausragende Stärke, "öffentlich auf die Sahne zu hauen". Die Erfolge, die sie hatte, hätte sie manchmal besser verkaufen können. Auch darauf, dass sie selbst entschieden habe, nicht noch einmal fürs Ministerinnenamt zur Verfügung zu stehen, besteht sie. Bereits Anfang 2013 habe sie Merkel das gesagt, lange bevor über die Posten im neuen Kabinett geredet wurde. "Natürlich weiß ich nicht, ob ich überhaupt wieder Ministerin geworden wäre", räumt sie ein.

Ihre Themen jetzt: Forschung und Gentechnik

Jetzt sitzt sie im Wirtschaftsausschuss des Bundestags - dort kämpft Schröder zum Beispiel für mehr Forschung zu Antibiotika in Deutschland. Oder setzt sich für Gentechnik ein. Denn bisher habe ja keine einzige seriöse Studie bewiesen, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel gesundheitsschädlich seien, behauptet sie. In Deutschland könne man es sich leisten, Gentechnik abzulehnen, anderswo nicht. Schnell ist sie da beim "goldenen Reis" in China - Reis, der mit Vitamin A versetzt wird und verhindern soll, dass Kinder wegen eines Mangels an dem Nährstoff erblinden.

Politisch ist Schröder schwierig zu verorten: Mal argumentiert sie konservativ, mal liberal. Als Ministerin war das ein Problem. Ihre Botschaften waren im besten Fall verwirrend. Als einfache Abgeordnete kann sich Schröder ihre Themen aussuchen. Man merkt, dass es ihr Spaß macht, sich in neue Felder zu vertiefen.

Aber auch ihre "alten Themen" bewegen sie. Über die Frauenquote kann sie sich immer noch ärgern - und tut das ohne Rücksicht auf die Linie ihrer Partei: "Ich finde es problematisch, heute einem jungen Mann zu sagen: Du wirst in Haftung genommen für dein Geschlecht, wir vermindern staatlich deine Chancen, weil andere Männer oder Generationen vor dir Vorteile hatten." Diese kollektive Logik führe zu individueller Ungerechtigkeit.

Die Polarisierung bleibt: Warum eigentlich?

Gezielt verbreitet Schröder ihre Meinung über Twitter - wo sie mehr als 40.000 Follower hat: Jüngst lobte sie hier SPD-Chef Sigmar Gabriel dafür, dass er mit Pegida-Demonstranten in Dialog trat. An gleicher Stelle warnte sie vor Islamismus. Immer noch entzünden sich um Schröders Äußerungen schnell scharfe Diskussionen - sie polarisiert auch als Abgeordnete. Sie kann sich das nur zum Teil erklären: "Manche Debatten setze ich natürlich bewusst - ich habe Freude an weltanschaulichen Debatten und huddel nicht so über diese grundsätzlichen Fragen hinweg."

"Aber ich habe aus irgendeinem Grund schon in der Schule polarisiert", sagt Schröder. Dann denkt sie kurz nach. "Vollständig konnte ich nie klären, warum eigentlich."

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