Kritik am Papst Unionspolitiker und Bischöfe attackieren Merkel

"Daneben gegriffen", "unglücklich" und "ungeheuerlich": Jetzt gehen Unionspolitiker und Bischöfe auf Kanzlerin Merkel los - weil sie den Papst aufgefordert hat, im Fall des Holocaust-Leugners Williamson für Klarheit zu sorgen.


Berlin - Politiker aus der Union sind verärgert über den Umgang von Angela Merkel mit dem Papst. "Viele CDU-Mitglieder halten die Einlassungen der Kanzlerin nicht für richtig", monierte der CDU-Politiker Georg Brunnhuber, der Vorsitzender der baden-württembergischen Landesgruppe in der Unionsfraktion ist. "Öffentliche Aufforderungen an den Heiligen Vater führen garantiert ins Leere", wird er in der "Financial Times Deutschland" zitiert.

Kanzlerin Merkel: Kritik von Parteifreunden
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Kanzlerin Merkel: Kritik von Parteifreunden

Die Kanzlerin hatte am Dienstag mit Blick auf die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust-Leugners Richard Williamson und von drei weiteren Bischöfen der erzkonservativen Piusbruderschaft gemahnt, vom Papst müsse eindeutig klargestellt werden, dass es "einen positiven Umgang natürlich mit dem Judentum insgesamt geben muss".

Der Vize-Chef der CSU-Grundsatzkommission, Manfred Weber, kritisierte Merkel ebenfalls: "Die Bundeskanzlerin hat mit ihrer Kritik an Benedikt XVI. überzogen." Der Papst habe deutlich gemacht, dass er Holocaust-Leugnung innerhalb der katholischen Kirche nicht dulde, und Merkel erwecke mit ihren Aussagen "Zweifel an der Integrität des Papstes", so Weber zu SPIEGEL ONLINE. Er erwarte aber auch eine klare Distanzierung der Piusbruderschaft von Williamsons Aussagen. Und "interne Konsequenzen in der Bewegung".

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis kritisierte Merkel. Mit ihren Äußerungen habe die Kanzlerin "daneben gegriffen", sagte Geis der "Mitteldeutschen Zeitung": "Sie war offenbar nicht darüber informiert, dass der Papst schon am vorigen Mittwoch eine klare Stellungnahme abgegeben hat". Merkel hätte sich hier nicht einmischen sollen. "Ich halte das für unglücklich", sagte Geis und betonte: "Der Papst weiß, was er tut. Ihm kann man nicht vorwerfen, er wäre ein Holocaust-Befürworter."

Der CSU-Politiker Bernd Posselt warnte die Kanzlerin, sich weiterhin "als Lehrmeisterin des Papstes zu gerieren". Es sei zwar wahr, dass manche Probleme in der Kurie in Rom gelöst werden müssten. Die Kanzlerin solle sich aber lieber darum kümmern, "in der Berliner Koalition verstärkt christliche Grundsätze durchzusetzen". Dies sei "etwa in der Sozial- und Familienpolitik, beim Lebensschutz und in der Bioethik mehr als notwendig", erklärte Posselt.

Auch Bundestagspräsident Lammert verteidigte Benedikt XVI. "Vieles, was dem Papst jetzt unterstellt wird, ist beinahe bösartig, jedenfalls nicht redlich", sagte der CDU-Politiker in einem Interview mit dem Online-Portal des "Hamburger Abendblatts". Der Fall Williamson sei zwar "keine Lappalie" und dürfe nicht verniedlicht werden. Es gebe aber inzwischen "eine Art rhetorischen Überbietungswettbewerb, der "weder gerechtfertigt noch fair, noch in der Sache hilfreich" sei.

Massive Kritik an der Kanzlerin kam auch von deutschen katholischen Geistlichen. Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, zeigte sich in der ARD "erstaunt" über die Äußerung Merkels. "Ich wundere mich über diese politischen Äußerungen in dem ganzen Kontext", sagte er am Mittwochabend in der ARD. Benedikt habe bereits in der vergangenen Woche zum Fall Williamson "sehr deutlich Stellung genommen". Dabei habe der Papst auch "klar die Solidarität mit dem Judentum genannt". Die Sache sei "nicht optimal" gelaufen, aber dem Papst Antisemitismus zu unterstellen, sei "ungeheuerlich".

Mehrere katholische Würdenträger hatten sich zuvor schon gegen eine Einmischung der Politik in die Debatte verwahrt, so der Augsburger Bischof Walter Mixa und der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sprach sogar von einer "Kampagne" gegen den Papst.

Der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter warf der Kanzlerin Profilierung auf Kosten des Papstes vor. "Indem sie den Papst attackiert, sucht sich Merkel ein relativ bequemes Profilierungsfeld, um die immer stärker zur FDP hin abwandernden Bürgerlich-Liberalen ohne enge Kirchenbindung wieder für die CDU zu gewinnen." Oberreuter ist auch Direktor der Politischen Akademie in Tutzing.

als/AP/ddp

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