Kritik an Sarrazin "Der Typ hat einen Knall"

Die Empörung über Thilo Sarrazin wird immer größer: "Er hat die rote Linie überschritten", sagt Dieter Graumann, Vizechef des Zentralsrats der Juden. Die Integrationsbeauftragte Böhmer fordert die Bundesbank zum Handeln auf. CSU-General Dobrindt meint schlicht: "Der Typ hat einen Knall".
Bundesbanker Sarrazin: Politiker aller Parteien fordern seine Abberufung

Bundesbanker Sarrazin: Politiker aller Parteien fordern seine Abberufung

Foto: Z5327 Soeren Stache/ dpa

Thilo Sarrazin

Berlin - stellt im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin sein Buch "Deutschland schafft sich ab" vor - zugleich wird die Kritik an dem Bundesbank-Vorstand immer lauter.

des Zentralrats

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Sarrazin nach seinen Äußerungen über Juden Rassismus und das Schüren von Hass vorgeworfen. "Sarrazin hat endgültig eine rote Linie" überschritten, sagte der Vizepräsident , Dieter Graumann, am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa. Der SPD-Politiker stütze sich mit seinen Behauptungen auf die Rassentheorien der Nationalsozialisten. Solche Äußerungen von einem Vorstandsmitglied der Bundesbank seien unerträglich, sagte Graumann. "Man darf zu solchen Thesen nicht schweigen."

In der Debatte über seine Migrationskritik hatte Sarrazin in einem Interview der "Welt am Sonntag" und "Berliner Morgenpost" auf die Frage, ob es eine genetische Identität gebe, gesagt: "Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden."

Politiker aller Parteien forderten deshalb am Montag erneut Sarrazins Abberufung als Vorstandsmitglied der Bundesbank und seinen Ausschluss aus der SPD. Im

Maria Böhmer

Interview mit SPIEGEL ONLINE drängte die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Thilo Sarrazin zum Austritt aus der SPD. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, , forderte die Bundesbank auf, Maßnahmen gegen ihr Vorstandsmitglied zu ergreifen. Im ARD-"Morgenmagazin" sagte die Staatsministerin, die Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators entbehrten weitgehend jeder Grundlage. "Ich glaube, die Bundesbank ist jetzt am Zug, denn Herr Sarrazin spricht hier ja nicht nur als Privatmann", fügte Böhmer hinzu. Sarrazin stütze seine Thesen nur auf negative Beispiele und zeichne damit ein Zerrbild der Integration.

Claudia Roth: "Rassistischer, menschenverachtender Geist"

Der Generalsekretär der CSU, Alexander Dobrindt, sagte über Sarrazin: "Der Typ hat einen Knall." Allerdings müsse man dennoch über den mangelnden Integrationswillen von türkischstämmigen und muslimischen Migranten sprechen, zitierte der "Münchner Merkur" den Generalsekretär.

Ähnlich hatte sich Kanzlerin Angela Merkel am Sonntag in der ARD geäußert. "Integration ist keine Einbahnstraße", sagte die CDU-Politikerin. Einwanderer müssten bereit sein, sich in die Gesellschaft zu integrieren, die Sprache lernen und in der Schule mit dabei sein. "Und da haben wir viel, viel zu tun." Merkel kritisierte, Sarrazin erschwere die Auseinandersetzung. Seine Äußerungen seien inakzeptabel und er mache ganze Gruppen in einer Gesellschaft verächtlich.

Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz warf Sarrazin in der "Welt" vor, mit seinen Thesen über Einwanderer, Muslime und Juden "den Ewiggestrigen und Neonazis Material" zu liefern. "Er wird auch in seinem Amt bei der Bundesbank nicht zu halten sein." Ähnlich äußerte sich Grünen-Chefin Claudia Roth im Online-Portal "Der Westen". "Seine Äußerungen zeugen von einem rassistischen, menschenverachtenden Geist und sind eine Schande für die Bundesbank ebenso wie für die gesamte Republik."

Auch Ver.di-Chef Frank Bsirske forderte in der "Berliner Zeitung" Sarrazins Ablösung. Der Bundesgeschäftsführers der Linken, Werner Dreibus, sagte, Sarrazin sei ein "Rassist und Antisemit". Er forderte den Vorstand der SPD auf, ihn aus der Partei auszuschließen. "Wenn die SPD jetzt nicht schnell die Kraft zum Sofortausschluss aufbringt, dann muss man an den Selbstreinigungskräften der Partei ernsthaft zweifeln", sagte Dreibus.

Der Vorsitzende der rechtsextremen NPD sieht sich und andere Rechtsextreme durch die Thesen von Thilo Sarrazin bei künftigen Prozessen wegen Volksverhetzung geschützt. Im Gespräch mit dem ARD-Polit-Magazin "Report Mainz" sagte Udo Voigt: "Unsere Aussagen werden damit salonfähiger und es ist dann auch immer schwerer, Volksverhetzungsverurteilungen gegen NPD-Funktionäre anzustreben, wenn wir uns zur Ausländerpolitik äußern, wenn sich etablierte Politiker auch trauen, das zu äußern."

Bundesbank-Chef Weber kündigt Statement zu Sarrazin an

Sarrazin selbst verteidigte seine Thesen. Er könne nichts Schädliches daran erkennen, schwierige und politisch kontroverse Sachverhalte auf den Punkt zu bringen und die Diskussion zu befördern. "Niemand wird in meinem Buch beleidigt, niemand wird diffamiert", sagte er im Gespräch mit "Focus Online". Der Bundesregierung warf Sarrazin vor, in ihrem Integrationsbericht die Tatsachen nicht klar darzustellen. Der Bericht unterscheide nicht nach Migrantengruppen. Als Grund habe ihm der Leiter der zuständigen Abteilung erklärt, man wolle keinen Unfrieden stiften. "Das heißt, die Wahrheit wird nicht klar ausgedrückt. Damit wird einerseits dargestellt, dass die meisten Migranten Probleme hätten, obwohl das nicht stimmt. Und bei den muslimischen Migranten wird das Ausmaß der Probleme nicht benannt. So wird bei uns amtlich Integrationspolitik gemacht", sagte Sarrazin. Seine Kritik an muslimischen Einwanderern bekräftigte Sarrazin.

Über Sarrazins berufliche Zukunft wird am Nachmittag Neues erwartet: Bundesbank-Chef Axel Weber will eine Erklärung zu seinem umstrittenen Vorstandskollegen abgeben. Da sich Weber noch auf dem Rückweg aus den USA befinde, sei frühestens am Nachmittag damit zu rechnen, sagte ein Sprecher am Montag in Frankfurt.

Zuvor hatte Sarrazin bereits den Zorn diverser Spitzenpolitiker auf sich gezogen; seine eigene Partei hatte ihm ohnehin mit Ausschluss gedroht und will ihn loswerden. Tarek Al-Wazir, Landes- und Fraktionsvorsitzender der hessischen Grünen, nannte in einem Beitrag für den SPIEGEL Sarrazins Buch "rassistischen Unsinn", geschrieben von einem "zornigen alten Mann". Und der Chef von Sarrazins Berliner SPD-Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf, Christian Gaebler, sagte dem SPIEGEL: "Das Maß ist voll. Für den Fall, dass Herr Sarrazin nicht freiwillig aus der SPD austritt, bereiten wir ein Parteiausschlussverfahren vor." Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner nannte Sarrazin in einem Gastkommentar auf SPIEGEL ONLINE einen "rhetorischen Kraftmeier", der völlig falsch argumentiere und nur provozieren wolle.

Noch deutlicher äußerte sich der ehemalige Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman: "Es kann keine Toleranz mehr für diese Intoleranz geben. Wir brauchen Brückenbauer und keine Hassprediger, schon gar nicht im Vorstand der Deutschen Bundesbank", schrieb Friedmann in der "BamS". Auch Außenminister Guido Westerwelle attackierte Sarrazin scharf. "Wortmeldungen, die Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub leisten, haben in der politischen Diskussion nichts zu suchen", sagte der FDP-Chef der Zeitung.

Ob Sarrazin im Vorstand der Bundesbank bleibt oder nicht - interessant dürfte in jedem Fall werden, ob er auch rechtliche Konsequenzen zu befürchten hat. Zum einen könnte der SPD-Politiker unter Druck geraten, nachdem der SPIEGEL aufgedeckt hat, dass der Ex-Senator im Besitz einer VIP-Karte für einen Parkplatz auf dem Frankfurter Flughafen war - obwohl er während seiner Amtszeit keine Geschenke annehmen durfte.

Anzeigen wegen Volksverhetzung erwartet auch Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagte Körting weiter über seinen Parteifreund: "Thilo driftet derzeit ab. Er hatte immer eine Vorliebe für Statistiken. Aber er nutzt in der Integrationsdebatte nur jene, die ihm ins Feindbild passen."

anr/dpa/ddp/apn
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.