Künast auf dem Bauerntag "Das ist ja wie bei Hertha BSC in der Südkurve"

Munter betrat Verbraucherschutzministerin Künast die mit 5000 Bauern vollbesetzte "Arena" und musste ein Pfeifkonzert über sich ergehen lassen. Doch das schien ihr nicht viel auszumachen. Künast verteidigte die Agrarwende und erntete neben Pfiffen auch Beifall.


Verbraucherschutzministerin Künast und Bauernpräsident Sonnleitner bahnen sich einen Weg durch die Menge
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Verbraucherschutzministerin Künast und Bauernpräsident Sonnleitner bahnen sich einen Weg durch die Menge

Münster - Mit einem Lächeln auf dem Gesicht lässt Renate Künast das gellende Pfeifkonzert und die Buh-Rufe über sich ergehen. Dann gießt sich die Bundeslandwirtschaftsministerin ein Glas Wasser ein und sagt: Das ist ja wie bei Hertha BSC in der Südkurve."

Das mit Spannung erwartete Rededuell von Landwirtschaftsministerin Renate Künast (Grüne) und Bauernpräsident Gerd Sonnleitner beim Deutschen Bauerntag ist eher versöhnlich zu Ende gegangen. "Wir haben schon viele Gemeinsamkeiten", sagte Künast am Freitag im Anschluss an eine Kundgebung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) in Münster mit mehr als 5000 Landwirten. Sonnleitner sagte: "Ich habe gespürt, dass sie den Dialog will, und wir müssen uns auch unterhalten."

Künast hatte zuvor die Agrarwende verteidigt, begleitet von heftigen Protesten der aus ganz Deutschland angereisten Bauern. Im Verlauf der Rede erntete sie aber neben Pfiffen auch Beifall.

Der Verzicht auf Leistungsförderer im Futter, das Verbot von Tiermehl und Tierfett, BSE-Schnelltests und eine bessere Kennzeichnung seien erste Schritte der Agrarwende, die von den Bauern bereits mitgetragen würden, sagte Künast. Der Wunsch nach mehr Ökolandbau werde von vielen noch skeptisch betrachtet. "Der Ökomarkt boomt, die Frage ist, ob Sie daran verdienen - es ist Ihre Entscheidung", ergänzte sie.

Künast machte den Bauern "in der Stadt des Westfälischen Friedens" ein Angebot: "Lassen Sie uns gemeinsam das Neue schaffen." Die deutsche Landwirtschaft solle nicht am Ende, sondern an der Spitze Europas stehen. Durch Verbraucherorientierung, nachhaltige Erzeugung und artgerechte Tierhaltung seien langfristige Perspektiven für Bauern zu sichern. "Ich will erreichen, dass die Steuerzahler wieder sagen: Ja, für diese Art von Landwirtschaft zahlen wir gerne", sagte Künast.

Sonnleitner betonte, dass die wahren Subventionsempfänger "die Verbraucher" seien, die ihre Lebensmittel in Deutschland zu Billigstpreisen erhielten und so den Landwirten keine kostendeckende Arbeit ermöglichten. Bei der Qualifizierung hin zu einer "gläsernen Produktion" seien die Landwirte bereits dabei. Eine Agrarwende lehne der DBV aber weiterhin ab. Der Staat dürfe keine Produktionsform wie etwa den Ökolandbau einseitig bevorzugen.

Künast sagte dagegen, die Mehrheit der Bevölkerung wolle die Agrarwende und habe nach dem ersten BSE-Fall in Deutschland "mit den Einkaufskörben, mit Messer und Gabel abgestimmt". Zudem stünden EU- Osterweiterung und Welthandelskonferenzen bevor, bei denen eine Neuordnung der EU-Zahlungen an die Landwirte zu erwarten sei. "Sie wissen besser als ich, was die anderen Länder uns vorwerfen", sagte Künast mit Bezug auf internationale Kritik an Ausgleichszahlungen.





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