Künftiger Bayern-SPD-Chef Kampf dem Selbstmitleid

Selbst die eigenen Genossen nennen es eine hoffnungslose Aufgabe. Florian Pronold soll neuer SPD-Chef in Bayern werden und die Partei aus dem 13-Prozent-Keller holen. Dazu muss der 36-Jährige seinem Landesverband erst einmal die Resignation austreiben - mit Selbstironie.

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Florian Pronold weiß was jetzt kommt. Genau. Warum er sich das überhaupt antue, fragt man. Und wie er denn bitteschön diese Partei wieder flottmachen wolle. Ihm sei bewusst, sagt er, wie oft schon seine Partei von Spöttern aus der Geschichte verabschiedet worden sei. Trotzdem. Der 36-Jährige will an diesem Samstag Vorsitzender der bayerischen SPD werden, Nachfolger von Urgestein Ludwig Stiegler, der sich in den politischen Ruhestand verabschiedet.

Pronold im Fasching: "Fixierung auf CSU ist kontraproduktiv"
ddp

Pronold im Fasching: "Fixierung auf CSU ist kontraproduktiv"

Leidensfähigkeit ist Grundvoraussetzung bei einer SPD in Bayern, die Jahr für Jahr immer noch ein bisschen weiter absackt. Bei der Landtagswahl 2003 holten die weiß-blauen Sozis magere 19,6 Prozent, im letzten Herbst aber nur noch 18,6 und bei der Europawahl gar 12,9 Prozent.

Pronold zieht die Augenbrauen hoch. "Und? Bei der Bundestagswahl 1998 hatten wir in Bayern 34 Prozent. Das können wir wieder schaffen."

Aber wann? Und wie überhaupt?

Seit 1957 sitzt die SPD im Freistaat in der Opposition, in manchen Gegenden des ländlichen Bayern gibt es weit und breit keinen sozialdemokratischen Ortsverein mehr. Die älteste, stolzeste Partei der Republik - einfach nicht mehr da. Die Genossen sind frustriert. "Der Florian hat's schwer, es war noch nie so schwer, bei uns an der Spitze zu stehen", sagt einer aus der Parteiführung.

Kampf gegen die Resignation

Der erste Kampf des Vorsitzenden Pronold wird deshalb nicht der schier übermächtigen CSU, nicht den sehr selbstbewussten Grünen und auch nicht der neuen Konkurrenz der Freien Wähler gelten. Pronold hat in der Resignation der eigenen Leute einen weit härteren Gegner. "Unsere Fixierung auf die CSU ist kontraproduktiv, wir müssen aufhören, uns da abzuarbeiten", sagt er.

Stattdessen der Neuanfang. Pronold nennt das "solide Aufbauarbeit". Tatsächlich hat die SPD ein paar sehr junge Kommunalpolitiker in Verantwortung. Die sollen vor Ort den "Regierungswillen" der Partei zeigen. Pronold hat sich gerade mit ihnen getroffen, im Münchner Edel-Café Tambosi am Hofgarten, mit Blick auf Seehofers Staatskanzlei: "Wir haben keine Lust, die nächsten 20 Jahre so weiterzumachen."

Sie planen den Aufstieg aus Ruinen.

Es gebe Rahmenbedingungen, meint Pronold, mit denen müsse man leben. Zum Beispiel, dass sein Landesverband mit der Bundespartei CSU konkurriere: "Klassische David-gegen-Goliath-Situation". Deshalb werde man sich in den nächsten Jahren so aufstellen, "dass wir mit Steinen und Schleuder auch klarkommen".

Und deshalb will Pronold jetzt durchs Land reisen, Generalinventur machen: "Und dabei nicht hundert kritische Punkte aufschreiben, sondern sechs. Die abarbeiten und dann die nächsten sechs." Er wird die 41-jährige Natascha Kohnen zur Generalsekretärin machen. Das Amt war die letzten Jahre gar nicht erst besetzt worden.

"So schnell als möglich in die Regierung"

Da die bayerische SPD mit anhaltender Erfolglosigkeit immer weniger Ämter und Mandate zu verteilen hatte, rangelte man umso entschlossener und ideologischer um das wenige Verbliebene. Der Verband, mit 70.000 Mitgliedern immerhin der zweitstärkste nach Nordrhein-Westfalen, gilt als Linksausleger der Bundespartei. Und manchmal fanden sie dann eben gar keine Lösung. Kohnen nun verkörpert den "Generationsbruch", wie Pronold das nennt. Gerade erst ist die Biologin in den Landtag gewählt worden, sie soll das Versager-Image wegdrücken. Jünger und weiblicher müsse sein Verband werden, sagt der designierte Chef.

Der Pronold-Plan: Bei der Bundestagswahl soll die Bayern-SPD das Europawahlergebnis verdoppeln, in fünf Jahren bei der Landtagswahl "ordentlich zulegen" und dann "so schnell als möglich in bayerische Regierungsverantwortung kommen".

Pronold gegen Seehofer? "David gegen Goliath", sagt Pronold. Aber nein, wer für die SPD antrete, das werde erst am Ende der Erneuerung entschieden. Früher hat er spaßeshalber mal gesagt, Bundeskanzler sei ihm zu einfach, er wolle der zweite SPD-Ministerpräsident in Bayern werden.

Irgendetwas stimmt an dem Bild nicht. Im barock-bombastischen Tambosi sitzt man auf roten Sesseln, die wie Throne anmuten. Und darin spricht Pronold - schwarzer Anzug, knallrote Krawatte - davon, dass er "ins Gewinnen verliebt" sei. Es sind Sätze, die er schon anderswo gesagt hat. Worte, die er sich zurechtgelegt hat. Kraftsprüche. Man erkennt die jovialen Gesten, die er sich in sieben Jahren Bundestag antrainiert hat. Er trägt jetzt eine schwarze Designerbrille statt des silbernen Standardgestells von früher, der Mittelscheitel ist aus der Frisur verbannt.

Diese Inszenierung passt nicht zu dem schlaksigen Mann Pronold, dem ewigen Juso, der da noch herauslugt. Alles wirkt eine Nummer zu groß. Manche machen den Fehler und halten ihn deshalb für ein Leichtgewicht. In der CSU sagen sie, schaut euch unseren Horst an - und dann seht dieses Jüngelchen von der SPD.

Alles andere als authentisch

Es ist das Ziel der Politiker, ihr Selbst mit ihrer Inszenierung davon verschmelzen zu lassen. Wenn es gelingt, dann schreiben die Journalisten, er oder sie sei authentisch. So gesehen ist Pronold gegenwärtig alles andere als authentisch. Doch macht er sich einen Spaß daraus. Bei der Fastnacht in Veitshöchheim zeigte er sich im Superman-Kostüm: das war ein paar Nummern zu groß, überall schlabberte es. Gefielen sich die Bayern-Sozis bisher in ihrem Selbstmitleid, so kommt ihnen Pronold jetzt mit Selbstironie - und Respektlosigkeit.

Er war gerade ein paar Monate im Bundestag, hatte das schlechteste Erststimmenergebnis ganz Deutschlands daheim im Niederbayerischen eingefahren und ging trotzdem gleich gegen den eigenen Kanzler auf die Barrikaden. Damals, im Jahr 2003, initiierte Pronold das erste Mitgliederbegehren in der SPD-Geschichte, gegen die Agenda 2010 von Gerhard Schröder. Der erst 30-Jährige galt bald als Traditionalist, als Betonsozi.

Doch während mancher Kampfgenosse zur Linkspartei wechselte, machte Pronold in der SPD weiter. "Der Florian ist heute Lichtjahre von 2003 entfernt", sagt ein Weggefährte. Pronold sagt, er sei eben loyal und halte nichts von Schwarzweißmalerei. Er habe damals verloren, sich folglich der Mehrheit gebeugt.

Das Mitgliederbegehren aber hat er nicht aus der Vita getilgt, auf seiner Homepage verweist er noch immer auf die Artikel von damals: "Der Rebell und die Reformen", "Der Mann links unten", "Ein Milchbubi als Rädelsführer". Im Bundestag hat sich der gelernte Bankkaufmann und studierte Jurist seitdem als Finanzpolitiker profiliert, war zuletzt Berichterstatter seiner Fraktion für die Reform der Erbschaftsteuer.

"Das Beste, was dem Florian passieren kann", sagt ein Münchner Genosse, "ist, dass ihn jetzt alle unterschätzen."



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