Künftiger Chef-Liberaler Wer ist Philipp Rösler?

Er ist Waisenkind, Bauchredner, Arzt - und bald FDP-Chef: Der erst 38-jährige Philipp Rösler erscheint wie ein Fremder im Berliner Politikbetrieb. Nun soll er die Liberalen aus dem Tal der Tränen führen. Kann er das, und wer ist der Mann?
Designierter FDP-Chef Rösler: Was kommt nach dem Kuschel-Putsch?

Designierter FDP-Chef Rösler: Was kommt nach dem Kuschel-Putsch?

Foto: Oliver Berg/ dpa

Berlin - Es waren ja schon die unterschiedlichsten Männer FDP-Vorsitzende. Da gab es einen Ritterkreuzträger, den nationalliberalen Erich Mende. Oder Walter Scheel, der die FDP in die sozialliberale Koalition führte. Dann den Marktradikalen Otto Graf Lambsdorff. Schließlich den schrillen Guido Westerwelle.

Und nun soll es Philipp Rösler machen. 38 Jahre, vietnamesische Wurzeln, talentierter Bauchredner (Handpuppe "Willi"). Rösler würde sagen: "Cool."

Der Mann, der die abgestürzte liberale Partei retten will, passt in kein Schema. Er gibt sich gern selbstironisch, ganz ohne politische Ellbogen. Für einen Politiker ist das reichlich ungewöhnlich. Für einen FDP-Mann allemal. Kann Rösler überhaupt Vorsitzender? Ist er hart genug fürs Berliner Polit-Geschäft? "In der Politik muss man misstrauisch werden, und man muss härter werden. Das kann man natürlich machen, wenn es einem gefällt", hat Rösler mal gesagt. Soll heißen: Ihm gefällt das nicht.

Anders als Westerwelle

Manche im bürgerlichen Lager sagen: Ach, der Rösler, der ist doch zu gutgläubig. Er habe sich schon als Gesundheitsminister bei der Kopfpauschale nicht durchsetzen können. Unvergessen, wie ihn CSU-Chef Horst Seehofer im Sommer 2010 in die Münchner Staatskanzlei einlud, sich Röslers Pläne anhörte, den Mann lobte - und kurz darauf seine CSU die Reform Röslers zerschießen ließ.

Und nun den Chefposten in der Partei noch obendrauf, mitten in der liberalen Krise? In der Union scheinen sie sich schon sicher: "Der macht uns keine Schwierigkeiten." Westerwelle hing das Stoiber-Wort vom Leichtmatrosen nach. Dem Nachfolger trauen sie nicht mal das zu. Dass Rösler und Co. nur zum Kuschel-Putsch fähig waren, dass sie Westerwelle das Außenamt und dem onkeligen Rainer Brüderle das Wirtschaftsressort lassen wollen, wird von Kritikern als Bestätigung ihrer Schwäche gelesen.

Oder tut man dem Neuen damit Unrecht? Wird er unterschätzt? "Rösler, du bist bei jeder Operation der Schlechteste am Tisch, aber mit Abstand der Fröhlichste", zitiert Dr. med. Rösler gern einen Arzt aus seiner Studienzeit. "Es ist ein immer wieder merkwürdiger Effekt, dass Selbstironie die Ernstnehmbarkeit erhöht", hat Benjamin Stuckrad-Barre in der "Welt" über den FDP-Politiker bemerkt. Röslers Chance: Er ist anders als die anderen. Mithilfe solcher Exotik konnte sich vor ihm Karl-Theodor zu Guttenberg an die Spitze der Beliebtheitsranglisten katapultieren. Vor allem aber ist Rösler: anders als Westerwelle.

Wo der eine ins Amt drängte, lässt sich Rösler hinein treiben. Während der eine sein Leben auf die Karriere in der Politik ausgerichtet hat, verkündet der andere: Mit 45 ist Schluss. Auch jetzt sagt Rösler das. Er hat noch sieben Jahre bis dahin. Wo der Noch-Vorsitzende die FDP zur One-Man-Show (Westerwelle) und Ein-Themen-Partei (Steuersenkungen) ummodelte, da bildet Rösler ein Team mit Generalsekretär Christian Lindner und seinem Staatssekretär Daniel Bahr, den jungen Milden. "Ich habe keine innere Freude daran, dass man sich gegenseitig bekämpft", sagt er.

Er schläft auf einer Art Feldbett

Rösler gibt sich sozial: "Viele Liberale haben geradezu Angst, das Wort Solidarität in den Mund zu nehmen. Dabei ist doch Solidarität ein urliberaler Gedanke", schrieb er in einem Thesenpapier. Das war durchaus auch eine Spitze gegen Westerwelle. Das war die FDP mit menschlichem Antlitz.

Damals war Rösler gerade vom Landtagsfraktionsvorsitzenden zum Wirtschaftsminister in Niedersachsen befördert worden, hatte einen steilen Aufstieg hingelegt. Nur in die Bundeshauptstadt wollte er nicht: "Wenn ich in Berlin in einem Amt zwei Stellvertreter hätte und würde die im Café sitzen sehen, würde ich alles denken, nur nicht, dass sie sich zufällig träfen." Berlin, die Stadt der Intrigen. Rösler, gerade Vater zweier Zwillingsmädchen, kaufte sich 2009 mit seiner Frau Wiebke ein Haus in der Nähe von Hannover.

Aber dann rief Westerwelle an. Wegen des Gesundheitsminister-Jobs.

Heute sagt Rösler, er sei "auf Montage in Berlin". Im Ministerium schläft er auf einer Art Feldbett. Seine Frau schickt ihm Videos und Fotos von den Töchtern: "Er sieht seine Zwillingsmädchen im iPhone aufwachsen", stellte treffend der "Stern" fest. Zur Entspannung hört Röslers Udo Jürgens auf dem Telefon - und futtert Lakritz, die er sich im Internet bestellt.

Er ist der erste Migrant in einer Bundesregierung. Ein beim Catering-Service im Bundestag angestellter Afrikaner sagte nach der Ernennung zu ihm: "Ich finde es ganz toll, dass einer von uns jetzt Bundesminister wird." Rösler wurde mitten im Krieg geboren, 1973 im südvietnamesischen Dorf Khanh Hungh. Über seine Eltern weiß er nichts. Er war ein Kind ohne Namen, kam ins Waisenhaus. Neun Monate später adoptierte ihn das Ehepaar Rösler aus Niedersachsen und nannte ihn Philipp. Die neuen Eltern ließen sich scheiden, der Junge wuchs beim Vater auf, einem Hubschrauberpiloten der Bundeswehr auf.

Rösler ging ebenfalls zur Armee, studierte Medizin, wurde Sanitätsoffizier. Eine Facharzt-Ausbildung zum Augenarzt schloss er nicht mehr ab, weil er sich längst für die Politik entschieden hatte. Als gerade 27-Jährigen machten ihn die niedersächsischen Liberalen zum Generalsekretär. Rösler kann gut mit David McAllister von der CDU, damals dem kommenden Mann an der Leine. Sie haben zusammen studiert. Doch aus der gemeinsamen Polit-Zukunft in Hannover ist nichts geworden. Mittlerweile ist McAllister zwar Ministerpräsident, Rösler aber als Gesundheitsminister und FDP-Wiederaufbauchef nach Berlin abkommandiert.

Wie lange wird der meist fröhliche Rösler, der so vieles "cool" und "toll" findet, in einem solchen Knochenjob durchhalten? "Man muss den Tiger reiten, ohne sich von ihm fressen zu lassen", hat er mal gesagt.

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