Kujat-Interview "Natürlich wollen unsere Verbündeten entlastet werden"

Das klare Nein der Bundesregierung überrascht ihn: Ex-Generalinspekteur Harald Kujat hat keine grundsätzlichen Bedenken gegen einen Kampfeinsatz der Bundeswehr in Südafghanistan. Zunächst müsse allerdings die Ausrüstung verbessert werden, sagt er im SPIEGEL-ONLINE-Interview.


SPIEGEL ONLINE: Das Bundesverteidigungsministerium hält die scharf formulierte Anfrage aus den USA, deutsche Truppen in den Süden Afghanistans zu schicken, für "unverschämt". Teilen Sie diese Einschätzung?

Kujat: Nein. Es ist durchaus üblich, im Vorfeld eines Nato-Treffens wie demnächst in Vilnius, mit den Partnern wichtige Themen anzusprechen. Und die Frage, wie es im Süden Afghanistans weitergeht, wird das zentrale Thema kommende Woche sein. Ich warne allerdings davor, dieses Thema zu einem bilateralen zwischen Berlin und Washington zu machen. Welche Truppen wo benötigt werden, muss innerhalb der Nato auf der Grundlage einer sorgfältigen militärischen Bedarfsforderung geklärt werden.

Ex-Generalinspekteur Kujat: "Die bestehenden Ausrüstungsdefizite müssen zuvor behoben werden"
DDP

Ex-Generalinspekteur Kujat: "Die bestehenden Ausrüstungsdefizite müssen zuvor behoben werden"

SPIEGEL ONLINE: Wäre die Bundeswehr denn zu einem Einsatz im Süden Afghanistans überhaupt in der Lage?

Kujat: Grundsätzlich gilt eines: Die Soldaten der Bundeswehr sind hervorragend ausgebildet. Allerdings gibt es in der Ausrüstung einige Defizite, die dringend behoben werden müssen. Das gilt auch für die von Verteidigungsminister Jung bereits bewilligte Bereitstellung von 250 Soldaten für die "Quick Reaction Force", als Nachfolge der Norweger. Konkret: Die Bundeswehr kann in Afghanistan von der Hilfe beim zivilen Wiederaufbau bis zu defensiven Kampfhandlungen eine Menge tun. Da Deutschland außenpolitisch immer einflussreicher wird, scheint es aus Sicht der Nato-Partner, nicht nur der USA, beinahe zwingend zu sein, dass Deutschland sich militärisch stärker als bisher engagiert. Hinzu kommt, dass im Süden Verbündete in Schwierigkeiten sind. Die Frage ist deshalb sicherlich berechtigt, wie es in Afghanistan weitergeht, wenn die im Süden engagierten Staaten ihre Truppen abziehen, weil sie sich von ihren Alliierten im Stich gelassen fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte denn die Bundeswehr im Süden leisten?

Kujat: Es fehlen auch hier Transporthubschrauber und eine lückenlose, permanente Aufklärung in Echtzeit. Und natürlich wollen unsere Verbündeten auf Dauer auch bei der Truppengestellung entlastet werden.

SPIEGEL ONLINE: Die andere Frage ist: Sollen deutsche Soldaten in einen Kampfeinsatz?

Kujat: Das ist in der Tat die entscheidende Frage - aber die muss die Politik beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Wozu raten Sie?

Kujat: Klar ist, dass die entscheidenden Mängel in Afghanistan nach wie vor auf der zivilen Seite liegen. Justiz- und Polizeisystem sind immer noch in katastrophalem Zustand, der Drogenanbau floriert - da müssen wir ran, und zwar im Rahmen eines kohärenten Gesamtkonzeptes. Denn all das hat unmittelbare Konsequenzen für den militärischen Einsatz. Deshalb nützt es sicherlich nichts, immer nur zusätzliche Soldaten zu fordern.

SPIEGEL ONLINE: Immer mehr Soldaten nach Afghanistan - manche Kollegen von Ihnen sehen die Nato in Afghanistan bereits in die gleiche Falle tappen wie damals die Sowjetrussen…

Kujat: …was ich anders sehe. Einerseits, weil die Nato sich aus 26 demokratischen Ländern zusammensetzt. Und andererseits, weil die Art und Weise des Nato-Einsatzes in Afghanistan überhaupt nicht mit dem der Russen vergleichbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Soldaten im Süden würden gezielt töten - dürfen Sie das?

Kujat: Ich weiß, dass es da Zweifel gibt. Aber aus meiner Erfahrung bei der Nato sehe ich keine Probleme, wenn man sich an die vereinbarten "Rules of Engagement" des Bündnisses hält.

SPIEGEL ONLINE: Der bisherige Einsatz der Bundeswehr findet im Rahmen des zivilen Isaf-Mandats statt - lässt sich das denn überhaupt noch von der Kampf-Mission "Operation Enduring Freedom" trennen?

Kujat: Die Missionen sind auch weiterhin klar getrennt. Die klare Trennung habe ich damals persönlich ausgearbeitet, anders wäre das Mandat in Deutschland und einigen anderen Nato-Staaten auch politisch nicht durchsetzbar gewesen. Diese Regelung hat sicherlich auch einige militärische Nachteile, aber es sollte dabei bleiben.

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Kanada hat bereits 78 Soldaten in Afghanistan verloren. Muss sich die Bundeswehr - sollte sie im Süden eingesetzt werden - auf ähnlich hohe Verluste einstellen?

Kujat: Das hängt von der Art des Einsatzes ab. Generell ist es so: Der Erfolg eines Einsatzes und das Maß an Sicherheit der eingesetzten Soldaten hängt immer vom Stand der Ausbildung und der Qualität Ausrüstung ab. Sollte sich die Bundesregierung für einen Einsatz im Süden entscheiden, müssten die bestehenden Ausrüstungsdefizite zuvor behoben werden.

Das Gespräch führte Florian Gathmann



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