Kunduz-Bombardement Geheimprotokolle offenbaren Vernebelungstaktik der Militärs

Hektische Videokonferenzen, Telefonate, Gesprächsnotizen: Vertrauliche Protokolle, die dem SPIEGEL vorliegen, erlauben erstmals einen Einblick in die Stunden nach dem Luftangriff bei Kunduz. Der Inhalt ist heikel - Deutschen und Nato-Offiziellen ging es offenbar mehr um ihren Ruf als um Aufklärung.
Von Matthias Gebauer, John Goetz und Veit Medick
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Kunduz-Krise: Die Akteure von Kunduz

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Isaf

Isaf-Chef Stanley McChrystal

Luftangriff bei Kunduz

Berlin - Es ist noch sehr früh am Morgen in Deutschland, als sich am 4. September in Kabul und Masar-i-Scharif gegen neun Uhr Ortszeit drei Top-Offiziere der Schutztruppe zu einer Videokonferenz treffen. Brigadegeneral Jörg Vollmer, Chef aller deutschen Soldaten in Afghanistan, sitzt in Nordafghanistan. Zugeschaltet aus dem Hauptquartier sind Konteradmiral Gregory Smith, Pressemann von , und der Geheimdienstchef des US-Vier-Sterne-Generals, Mike Flynn. Thema ist der vom deutschen Oberst Georg Klein angeordnete rund sieben Stunden zuvor.

Die Runde ist alarmiert. Der arabische Fernsehsender al-Dschasira berichtet über den Tod etlicher Zivilisten, das Trio berät über das weitere Vorgehen. Das Gesprächsprotokoll zeugt von Anspannung, die Fragen sind kurz, die Antworten auch. Jeder weiß, wie viel Empörung ein Fehler der Nato auslösen könnte. Deswegen ist auch Smith dabei, McChrystals Mann für Kommunikationsstrategie. Vollmer berichtet stichwortartig: "Kann nicht ausschließen, dass auch Zivilisten involviert waren." Die beiden anderen Militärs weisen ihn an, mehr Informationen zu beschaffen, so schnell wie möglich.

Kunduz

Am Ende der Konferenz ergreift Mike Flynn noch einmal das Wort. Der US-Offizier macht deutlich, was Vollmer zu tun hat, was die Deutschen aus Nato-Sicht machen sollen. "Das Wichtigste ist, dass lokale Stellen den Vorwurf widerlegen, es habe zivile Opfer gegeben", sagt er trocken. Dem erfahrenen Militär ist schon jetzt klar, dass die Situation nach dem Abwurf von zwei Bomben südwestlich von mit Sicherheit "eskalieren" wird. Für die Schadensbegrenzung bietet er Vollmer deswegen vom Hauptquartier aus jede mögliche Hilfe an.

Bombenabwurf bei Kunduz

Das vertrauliche Protokoll der Morgenrunde am 4. September, der zwei weitere Schalten folgten, gemeinsam mit internen Bundeswehr-Papieren ermöglicht einen neuen, besorgniserregenden Blick auf den Tag nach dem verheerenden . Die Protokolle und Papiere liegen dem SPIEGEL vor. Aus den Dossiers entsteht der Eindruck, dass es den Deutschen und auch Nato-Offiziellen bei der Aufarbeitung mehr um ihren Ruf als um wirkliche Aufklärung ging.

Vollmer weiß um 10.50 Uhr von toten Zivilisten

Gleich nach der Morgenschalte sucht Brigadegeneral Vollmer das Gespräch mit afghanischen Spitzenbeamten. Er will hören, was sie über den Angriff denken. Er tauscht sich erst mit dem Polizeichef und dem Gouverneur der Provinz Kunduz aus, dann mit den Distriktmanagern aus Chahar Darreh und Aliabad. Die Herren sind begeistert von dem Luftschlag gegen die Aufständischen, der Gouverneur übergibt gar ein Geschenk. Kein Wort von zivilen Opfern. Das ermutigt.

Um 10.50 Uhr greift Vollmer laut Protokoll zum Telefon. Die Vorwürfe im Bericht von al-Dschasira, etliche Unbeteiligte seien zu Schaden gekommen, will er selbst überprüfen. Er erreicht einen General der afghanischen Armee. Sie sprechen zehn Minuten, der General bedankt sich für den Angriff - doch freuen kann sich Vollmer darüber nicht. Denn der Herr am anderen Ende der Leitung hat auch eine andere Nachricht: Nach seinen Informationen seien "8-10 Zivilisten verbrannt".

Es dauert nicht lange, da wird eine neue Videokonferenz anberaumt, diesmal sind auch Juristen der Nato dabei. Vollmer steht unter Druck. Der Deutsche muss abermals referieren: Ermittler seien inzwischen am Ort des Bombardements gewesen, die Freude bei lokalen Behörden sei groß. Und: Zwölf Patienten lägen im Krankenhaus. Über zivile Opfer spricht er erst ganz am Ende. Diese könnten "nicht kategorisch ausgeschlossen werden".

"Wo ist der PRT-Chef?"

Der Ton wird schärfer. McChrystals Männer sind ungeduldig. Gar nicht zufrieden sind sie darüber, dass Oberst Klein nicht anwesend ist, der den Angriff befohlen hat. Wo er denn sei, der Chef des Provinzwiederaufbauteams Kunduz, wollen sie von Vollmer wissen: "Where is the PRT Comd?" Zu Deutsch: "Wo ist der PRT-Chef?" Klein sei in Kunduz, um mit der afghanischen Seite den Vorfall zu besprechen: "Er muss viele Fragen zu den laufenden Untersuchungen beantworten", sagt der deutsche Brigadegeneral. Wie denn das Ausmaß des Feindkontakts vor dem Bombenabwurf gewesen sei, wird der Deutsche gefragt. "Sehr kurz", erwidert der, was bei den Isaf-Vertretern Erstaunen ausgelöst haben dürfte. Feindberührung gilt als zentrale Voraussetzung für Luftangriffe, das weiß auch Vollmer. Die Isaf-Regeln sind da eindeutig.

Die Lage ist ernst. Erneut wird die Kommunikation besprochen. "Sind Sie zufrieden mit den Ressourcen in Ihrer Pressestelle?", wird Vollmer gefragt. "Wir haben die Leute, die wir brauchen", antwortet er. Aber zwei Dinge könnten jetzt nützlich sein: "We should be viewed as positive from an AFG and GIRoA (Government of the Islamic Republic of Afghanistan, d. Red.) perspective", schlägt Vollmer vor.

Auf deutsch: "Wir sollten aus Sicht der Afghanen und der afghanischen Regierung positiv rüberkommen." Außerdem müssten Widersprüche schnell aufgeklärt werden. Sein Regionalkommando arbeite gerade an "Radio-Berichten", um eine Informationsoffensive zu "formen".

"Wir beobachten ebenfalls die Medien", heißt es am anderen Ende der Leitung. Außerdem werde man mit einer "sanften Mitteilung die Opfer bedauern und verdeutlichen, dass ausreichend auf die Präsenz von Zivilisten geachtet wurde".

Isaf-Chef McChrystal maßregelt deutsche Generäle

Afghanistan

Es hilft nichts. In Deutschland wächst längst der Zweifel an dieser These, auch in wird die Kritik lauter.

Afghanistan-Krieg

Um 16.30 Uhr beraumt Nato-Kommandeur Stanley McChrystal schließlich eine dritte Videokonferenz an. Vollmer muss wieder antreten, auch der deutsche General Egon Ramms ist diesmal zugeschaltet. McChrystal ist stinksauer. Er hat erst kürzlich die Regeln für Luftangriffe im verschärft. Bomben sollen nur noch bei akuter Gefahr für die eigenen Soldaten geworfen werden und wenn klar ist, dass keine Unbeteiligten zu Schaden kommen. Er ist davon überzeugt, dass nur so das nötige Vertrauen in die ausländischen Truppen hergestellt werden kann. Das Bombardement bei Kunduz passt überhaupt nicht in dieses Bild.

Entsprechend kurz angebunden ist der Vier-Sterne-General: "Updaten Sie bitte."

Taliban

Inzwischen hat Brigadegeneral Vollmer ein paar neue Details zu berichten: 56 seien umgekommen, dazu einige Zivilisten. Im Krankenhaus lägen elf männliche Verwundete und ein zehnjähriges Kind. Sein Team habe bei der Erkundung des Tatorts zwar keine Leichen, aber "einige Körperteile" finden können.

Beschwerde über "Albernheit" der Deutschen

Franz Josef Jung

General Ramms ergänzt, dass der Angriff "großen Aufruhr in Europa" verursache, in Berlin würden Journalisten schon den Verteidigungsminister "attackieren". Seine eigene Begründung liefert er gleich hinterher: "Nicht alle Antworten wurden intelligent verkündet" - eine deutliche Spitze gegen den damaligen Amtsinhaber und sein Ministerium.

Die deutschen Tumulte interessieren McChrystal wenig. Er ist offensichtlich dafür, erst gar keine Vernebelungsstrategie zu versuchen - sondern Klarheit in die Sache zu bringen. Und das macht er den Deutschen auch deutlich.

Er gibt Ramms und Vollmer eine knappe "Anleitung": "Geben Sie offen zu, dass wir nicht alles wissen, und verweisen Sie auf die Untersuchungen", herrscht er die Deutschen an. Er gehe nicht davon aus, dass man mit der ersten Einschätzung richtig lag, es habe keine zivilen Opfer gegeben. Aus der Luft habe man das niemals erkennen können. "Ich bin zutiefst enttäuscht", zürnt der Isaf-Chef. Die ersten Meldungen der Deutschen seien eine "Albernheit". Auch habe er Zweifel, dass die Einsatzregeln eingehalten wurden. Und warum denn eigentlich erst drei Stunden nach den ersten Beschuldigungen in den Medien Soldaten zum Tatort geschickt worden seien?

Er "werde ermitteln", sagt Vollmer laut Protokoll. Es wirkt kleinlaut. Derzeit habe er "keine passende Antwort, warum das so lang gedauert" habe.

"KEINE WEITERLEITUNG AN DRITTE"

Vollmer wird auch noch anderes zu erklären haben. Zu den vielen Merkwürdigkeiten des Tages passen auch die E-Mails, die er von einem deutschen Oberstleutnant im Feldlager Kunduz zugeschickt bekommt.

Da der Teamleiter der ersten Nato-Untersuchungskommission, der Brite Paddy Teakle, an dessen Rechner im deutschen Camp arbeitet und von dort seine streng geheimen Einschätzungen ("NATO/ISAF SECRET") an seinen Chef McChrystal in Kabul schickt, bleiben diese Vollmer und dem deutschen Einsatzführungskommando in Potsdam nicht lange verborgen.

Aus der Ablage des Rechners kopiert der Oberstleutnant mit wenigen Handgriffen die Dokumente der Rechercheure und leitet sie per E-Mail weiter. Zur "persönlichen Information" des Generals fügt er freudig hinzu: "Die HQ-Kameraden arbeiten auf meinem Rechner." Vollmer wiederum gibt die Berichte sofort nach Potsdam weiter.

Die Brisanz der Zeilen, in denen bereits von den ersten Fehlern deutscher Offiziere berichtet wird, erkennt Vollmer offenbar genauso wie die Tatsache, dass sie durch einen seiner Offiziere unter dubiosen Umständen weitergegeben wurden.

Seine E-Mails nach Potsdam tragen in Versalien einen eindeutigen Hinweis: "KEINE WEITERLEITUNG AN DRITTE".

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