Kurdischer Flüchtling aus Syrien "Wir wollen niemanden stören"

In Syrien war er glücklich, sagt Suleyman Suleyman - bis die Bomben fielen. Auf der Flucht ging er bis an seine Grenzen. Jetzt, in Deutschland, fühlt er sich sicher, doch der Hass der Fremdenfeinde ist ihm nicht entgangen.

Suleyman Suleyman: "Aus Streitereien halte ich mich raus"
Stanley Kroeger

Suleyman Suleyman: "Aus Streitereien halte ich mich raus"

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Hamburg am Nachmittag, Regen nieselt auf die Dächer der grauen Wohncontainer im Osten der Stadt. Bislang lebten hier Obdachlose. Im Mai zogen die ersten Flüchtlinge ein, etwa 160 sind es mittlerweile. Einer von ihnen ist Suleyman Suleyman. Der 34-jährige Kurde stammt aus Syrien. Ein kleiner, quirliger Mann mit einem verschmitzten Lächeln. Suleyman kommt in ein Besprechungszimmer. Unruhig rutscht er auf seinem Stuhl hin und her, als er seine Geschichte erzählt.

"An meine ersten Tage in Deutschland kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das war vor etwa elf Monaten. Ich kam in München an, fuhr dann mit dem Zug nach Hannover. Dort leben mein Vater, der schon vor mir geflohen ist, und meine Schwester – sie hat hier vor etwa 20 Jahren geheiratet. Was für ein Gefühl, sie wiederzusehen! Was für eine Erleichterung, angekommen zu sein! Ich fühlte mich nach all den Strapazen endlich sicher und beschützt.

Nach vier Tagen ging ich zur Erstaufnahmestelle. Von dort wurde ich nach Hamburg geschickt. Hier ist es in Ordnung, vormittags besuche ich einen Deutschkurs. Ansonsten ist es sehr langweilig. Ich würde gerne arbeiten, aber das geht im Moment noch nicht. Mit den Flüchtlingen aus anderen Ländern habe ich kaum etwas zu tun. Sie sprechen andere Sprachen, ich verstehe sie nicht. Manchmal gibt es Spannungen und Streitereien zwischen den Bewohnern. Ich halte mich da raus.

Wir gehen auch nur selten nach draußen. Deutschland beeindruckt mich, alles ist so modern und ich würde gerne mehr Deutsche kennenlernen. Aber ich traue mich nicht. Mein Deutsch ist noch nicht gut genug.

Ich habe auch mitbekommen, dass es hier Ausländerfeindlichkeit gibt und einige Menschen gegen uns Flüchtlinge sind. Aber sie sollten sich fragen, warum wir erst jetzt nach Deutschland gekommen sind. Nicht, weil wir hier Geld oder bessere Arbeit suchen. Wir wollen niemanden stören. Wir sind gekommen, weil in unserer Heimat Krieg herrscht.

Hochzeitskleider und Bomben

Wir Kurden hatten es in Syrien auch vor dem Bürgerkrieg nicht leicht. Aber wir waren trotzdem sehr glücklich. Wir lebten in einem Dorf an der Grenze zur Türkei. Ich nähte Hochzeitskleider und verdiente genug Geld für meine Familie. Außerdem arbeitete ich als Übersetzer. Ich spreche Türkisch. Aber irgendwann mussten wir jeden Moment damit rechnen, dass eine Bombe auf unser Haus fällt. Als meine Brüder dann zum Militär eingezogen werden sollten, war klar: Wir müssen weg.

Männer brachten meine Familie und mich für Geld in die Türkei. Ich ging dann nach Istanbul. Dort nahm ich Kontakt zu einer weiteren Schlepperorganisation auf, schließlich wollte ich nach Deutschland zu meinem Vater und meiner Schwester. Es war aber auch klar: Nur einer von uns kann sich fürs Erste auf diese Reise machen. Der Weg ist viel zu gefährlich. Außerdem hätte die Flucht mit der ganzen Familie über 42.000 Euro gekostet. Unser Erspartes reichte nur für eine Person. Meine Frau und die Kinder mussten deshalb leider in der Türkei bleiben.

Mit einer Gruppe von etwa zehn Flüchtlingen fuhr ich in Richtung Bulgarien. Über die Grenze mussten wir laufen: Sechs Stunden irrten wir durch einen Wald. Es war stockdunkel, ich hatte große Angst. So ging das immer weiter: Über Serbien, Ungarn, Österreich bis nach Deutschland. Einzelne Etappen fuhren wir in Bussen oder Autos, dann mussten wir wieder laufen. Das war sehr hart.

Was die Zukunft bringt, weiß ich noch nicht genau. Ich habe mittlerweile eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Ich möchte meine Familie nachholen. Ich wünsche mir, dass meine Kinder zur Schule gehen, studieren, sich weiterbilden. Deutschland ist ein hoch entwickeltes Land. Ich hoffe, dass meine Kinder die Möglichkeiten hier nutzen können."



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