Kurt Beck Der Menschenfänger aus Mainz

Schon im Herbst hatte Kurt Beck die Chance SPD-Parteichef zu werden - doch damals überließ er den Job Matthias Platzeck. Jetzt führt an dem Ministerpräsidenten aus Rheinland-Pfalz kein Weg mehr vorbei.

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Hamburg - Für einige Momente soll Kurt Beck geschwankt haben, als es im November 2005 darum ging, wer Franz Müntefering als SPD-Chef beerbte. Der Parteivorsitz wäre "eine große Ehre" für ihn gewesen, habe er damals gesagt, heißt es. Und Matthias Platzeck, der später zum neuen ersten Mann der Genossen gewählt wurde, soll zu Beck gesagt haben: "Du hast den ersten Zugriff. Wenn du willst, mach es."

Doch Beck, 57, wollte damals nicht - noch nicht. Denn in Rheinland-Pfalz wurde wenige Monate später gewählt. So kurz vorher den Regierungschef und Spitzenkandidaten auszutauschen, hätte fatale Folgen für die torkelnde Partei haben können. Zumal Beck seinerzeit der einzige SPD-Ministerpräsident eines westlichen Flächenlandes war.

Becks Verzicht zahlte sich für die SPD aus. Denn bei der Landtagswahl Ende März holte der Vizechef die absolute Mehrheit heraus und hat die FDP als Koalitionspartner nicht mehr nötig - für die Genossen heutzutage ein schon in Vergessenheit geratenes Erfolgserlebnis. Das Bündnis mit den Liberalen funktionierte bis dahin reibungslos. Bei den Investitions- und Arbeitslosenquoten hat Rheinland-Pfalz gute Werte.

Über elf Jahre regiert "König Kurt" bereits in Mainz. Damals, am 26. Oktober 1994, trat er als Nachfolger von Rudolf Scharping an. Nach seinem erneuten Wahl-Triumph muss der bekennende Katholik und Fan des 1.FC Kaiserslautern aber keine Rücksicht mehr auf sein Land und die Wähler nehmen. Mit dem Sohn eines Maurers bekäme die SPD einen "Menschenfänger" an die Parteispitze, wie es zuletzt in der Geschichte der Genossen nur Johannes Rau war.

"Nah bei den Menschen sein" nennt Beck denn auch sein Markenzeichen. "Miteinander zu Lösungen kommen - das ist in der Zwischenzeit auch zu einem Markenzeichen für dieses Land geworden", sagt Beck, der 1972 der Partei beitrat. "Für das Funktionieren unseres Alltagslebens ist die Putzfrau genau so wichtig wie der Generaldirektor oder der Krankenpfleger wie die Chefärzte."

Nach der Volksschule und der mittleren Reife auf der Abendschule absolvierte Beck eine Lehre als Elektromechaniker. Das prägt ihn bis heute: Wegen der Verletzungsgefahr trage Beck keinen Ehering, wusste die "Bild" einmal zu berichten. Verheiratet ist der neue Hoffnungsträger mit der gelernten Friseurin Roswitha. Beide haben einen Sohn - Stefan ist Anwalt.

Beck und seine Familie leben noch immer in seinem Geburtsort Steinfeld - ein weiteres Symbol für seine Bodenständigkeit und Leutseligkeit. Bis heute hört sich Beck regelmäßig die Probleme der Einwohner in der kleinen südpfälzischen Gemeinde an, wo er vor vielen Jahren Ortsbürgermeister war. Die Bürgersprechstunde sei ihm "hoch und heilig", heißt es. Neben dem Fußball gibt Beck als Hobbys Radfahren und Wandern an.

Über alle Parteigrenzen hinweg hat Beck hohe Sympathiewerte. Ihm wird zudem Loyalität nachgesagt - eine Eigenschaft, die auch schon Scharping zu würdigen wusste. Beck sei ein "ganz und gar unradikaler Mann", beschreibt der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter den Ministerpräsidenten.

In der SPD gilt Beck von den fünf Stellvertretern Platzecks als der wichtigste. Beim Parteitag im November wurde er mit 92,2 Prozent erneut zu einem der Vizechefs gewählt.

"Ich wünsche, Kurt Beck, dass er seine Aufgabe in Rheinland-Pfalz sieht und allen Anfechtungen widersteht", sagte der Mainzer Fraktionschef Joachim Mertes bei der Suche nach Münteferings Nachfolger. Seine Hoffnung währte nur fünf Monate.



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