Kurt Bodewig Das "rote Schaf" vom Niederrhein


Mit dem neuen Verkehrsminister Kurt Bodewig, 45, holt sich Bundeskanzler Gerhard Schröder zum zweiten Mal einen "Netzwerker" an den Kabinettstisch. Auch der Staatsminister im Kanzleramt, Hans Martin Bury, stammt aus dem Kreis dieser jungen, pragmatisch orientierten Abgeordneten, die sich mit ihrem "Netzwerk Berlin" eine eigene politische Heimat zwischen den klassischen Flügeln der SPD-Fraktion, der "Parlamentarischen Linken" und den rechten "Seeheimern", aufgebaut haben.

Mit dem Rechts-Links-Raster konnte der in Rheinsberg am Niederrhein geborene Bodewig ohnehin nie viel anfangen: In seinem politisch tiefschwarzen Elternhaus, einer rheinischen Konditor-Dynastie, galt Kurt stets als das "rote Schaf der Familie". Als er im März nach nur 17-monatiger Abgeordnetenzeit gleich Parlamentarischer Staatssekretär im Verkehrsministerium wurde, höhnten die Linken: "Schröders Liebling".

Dabei hat Bodewig seit seinem SPD-Eintritt 1973 fast alle klassischen Funktionärsstationen in der SPD durchlaufen: sechs Jahre Juso-Chef am Niederrhein, Mitglied im SPD-Bezirksvorstand und seit 1995 Vorsitzender des SPD-Kreises Neuss. Als Einziger aus dem großen Geschwisterkreis wurde er nicht Konditor: Nach der Realschule und Kaufmannslehre machte Bodewig das Fachabitur, wurde Wohnungskaufmann bei der Sparkasse. Bis zu seinem Einzug in den Bundestag arbeitete er als Abteilungsleiter Sozialpolitik beim DGB in Nordrhein-Westfalen.

An diese "sozialen Erfahrungen" wolle er künftig auch als Minister anknüpfen, versicherte Bodewig, der ansonsten alle weiteren Fragen nach seinen künftigen Plänen mit Hinweis auf die noch nicht erfolgte Amtsübergabe abwies. Seinen politischen Standort beschrieb er so: "Links ist soziale Verantwortung nicht nur für die heutige Generation. Neue Mitte ist genau das, was das ausmacht."

Weil Kurt als Konditor-Sohn von klein auf gern naschte, trieb er stets Ausgleichssport. Einmal wanderte der künftige Verkehrsminister gar zu Fuß von Argentinien nach Chile über die Anden. Heute macht er wegen der knappen Zeit eher kurze Radtouren, auch schon mal mit Rudolf Scharping.

Die knappe Freizeit gehört der Familie. Seit dem Parlamentsumzug vom Rhein an die Spree pendelt Bodewig - anders als die meisten Abgeordneten - stets zusammen mit Frau Astrid zwischen dem Haus im Wahlkreis und dem Berliner Appartement hin und her. Und auch die Söhne Marcel (zweieinhalb Jahre) und Hendrik (sechs Monate) reisen immer mit. Bodewig: "Ich wollte an den Abenden in Berlin kein Solo-Kneipengänger werden."

Dennoch gilt bei all seinen Freunden "unser Kurt" als überaus geselliger Rheinländer, der gern feiert, lacht, scherzt und manchmal auch den bitterbösen Spott liebt. Für einen frechen Zwischenruf erhielt er im frisch bezogenen neuen Reichstag als erster Parlamentarier den Ordnungsruf. Sein Lieblingsbuch ist "Dinner for One", die Geschichte vom 90. Geburtstag der Miss Sophie und ihrem Butler James.

Karl-Heinz Reith, dpa



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