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15. September 2005, 11:29 Uhr

Lafontaine im Heimat-Wahlkampf

"Oskar, rette uns vor den Metzgern!"

Von , Saarbrücken

Im Saarland hat Oskar Lafontaine seine treuesten Fans – und seine wütendsten Gegner. Als Verräter und Egomanen beschimpfen SPD-Politiker im Saarland ihren früheren Parteifreund. Doch wenn "de Oskar" in Saarbrücken auf dem Marktplatz spricht, wird er gefeiert wie ein Popstar.

Oskar Lafontaine und seine Frau Christa Müller beim Wahlkampf in Saarbrücken: Spott, Häme, Zorn
REUTERS

Oskar Lafontaine und seine Frau Christa Müller beim Wahlkampf in Saarbrücken: Spott, Häme, Zorn

Saarbrücken - Es ist erst kurz nach elf am Morgen, aber Thomas Lutze wird in wenigen Augenblicken schon die zweite Niederlage des Tages erleben. Die Nachricht erreicht ihn aus dem Autoradio. Die Nachrichtensprecherin des Saarländischen Rundfunks berichtet von einem heftigen Streit zwischen der Linkspartei und der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG). In Merzig-Wadern lehne der WASG-Kreisvorstand die geplante Zusammenarbeit mit der Linkspartei ab, ein Vorstandsmitglied sei bereits zurückgetreten. Genau dorthin ist Lutze unterwegs.

Die Nachricht ist für Lutze nicht neu - ärgerlich für ihn ist, dass sie jetzt auch über den wichtigsten Sender des Bundeslandes verbreitet wird. "Da kannste dir das ganze Plakatekleben schenken", sagt Lutze, Wahlkampfleiter der saarländischen Linkspartei, zu seinem Beifahrer Volker Schneider, Linksparteikandidat für die Bundestagswahl.

Im Laderaum ihres grünen Bullis haben sie alles, was sie für diesen Tag brauchen: Handzettel, Plakate, Lautsprecher und ein Mobiltelefon, das ständig klingelt: Nein, die Auseinandersetzung in Merzig sei eine Ausnahme, "das kriegen wir in den Griff", ja, der Vorfall sei für den Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine "wenig hilfreich". Wahrscheinlich hatte Lutze sich diesen Morgen etwas anders vorgestellt, denn für seine Partei ist dieser Tag einer der Höhepunkte des Wahlkampfes im Saarland: Lafontaine spricht in St. Wendel, Merzig und Saarbrücken, seine einzigen großen Auftritte im Saarland, ursprünglich war nur der Termin in Saarbrücken geplant - und Lutze muss sich zunächst mit den Radionachrichten, bohrenden Journalisten-Fragen und einer "Bild"-Schlagzeile herumplagen, in der Lafontaine vorgeworfen wird, eine Spende für Arbeitslose verhindert zu haben.

St. Wendel: Es läuft besser als Lutze gedacht hat, der gepflasterte Platz vor dem Eiscafé Venezia füllt sich trotz der frühen Morgenstunden schneller als erwartet: Männer in glänzenden Adidas-Trainingsanzügen, Rentner mit Schlapphüten, Mütter und ihre Kinder, Jugendliche: In der Kleinstadt, in der die SPD zuletzt gar nicht erst einen Bürgermeisterkandidaten gegen die stärkere CDU aufgestellt hat, ist der ehemalige SPD-Politiker Lafontaine ein Ereignis, später in Saarbrücken wird es ein einziges Getose.

Lafontaine ist gut aufgelegt. "Sie haben mir aus der Seele gesprochen", sagt ihm einer in St. Wendel, und Sabine Rauber, 34, gegelte Haare, helle Jeans, schwarze Lederjacke, raunt ihm zu: "Ich werd nur Sie wählen." Die Hotelfachfrau ist sicher, dass "die Leit, wo arbeitslos sind", nur noch bei ihm Hilfe finden können - bei "de Oskar", wie sie hier im Saarland sagen.

Lafontaine redet in seiner Heimatstadt: "De Oskar"
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Lafontaine redet in seiner Heimatstadt: "De Oskar"

Natürlich erzählt er auch den Leuten in St. Wendel diese Geschichte von der "goldenen Uhr", die er demjenigen schenken wolle, der widerlegt, dass - bei einer Sozial- und Abgabenquote wie in den Nachbarländern, in den vergangenen Jahren in Deutschland keine sozialen Einschnitte notwendig gewesen wären - "ich musste sie noch keinem schenken". Er kritisiert auch wie zuvor auf anderen Plätzen und an anderen Orten die "verwelkten Grünen", die ihre Ideale verraten hätten - und die Leute quittieren es mit "Juhu", lautem Lachen und prasselndem Beifall.

Oskar Lafontaine, das Saarland und die Saarländer - das ist und bleibt eine besondere Beziehung. Er muss nicht lang auf seine Zeit als Saarbrücker Oberbürgermeister oder saarländischer Ministerpräsident verweisen, und seinen Geburtsort Saarlouis - die meisten wissen das. Auch auf den Plakaten, die vor allem in Saarbrücken breitflächig geklebt wurden, muss nicht viel angekündigt werden. Auf manchen steht nicht mal sein Name, auf anderen einfach nur "Oskar". Natürlich gibt es viele, die ihm seinen Austritt aus der SPD übel nehmen - vor allem die Sozialdemokraten. Aber auf seinen Veranstaltungen ist auf die Frage, ob er damit nicht viele im Stich gelassen habe, vor allem eines zu hören: Der Oskar, seine Leute im Stich gelassen? Nee, genau umgekehrt. Und das passt dann genau zu seiner eigenen Argumentation: Die SPD mit ihrer neoliberalen Politik habe ihm nur diese Wahl gelassen.

Zum Beispiel Thomas Huber aus Merzig: Irgendwann steht er vor dem Merziger historischen Rathaus als Lafontaine auf die Treppe steigt und zum Mikro greift. Selbständig ist er, Haus- und Gartenpflege, und an seiner Blaumannhose kleben noch die Grasbüschel, aber das ist ihm jetzt egal: Eine Kamera hat er mitgebracht, nimmt alles auf, Lafontaine vor dem Rathaus, Lafontaine mit Mikrofon, den gestikulierenden Lafontaine, wie die Leute sich vor der Rathaus-Apotheke und dem City-Optikhaus drängen. Beim letzten Mal hat er noch SPD gewählt, aber das "war auch ein Fehler", sagt Huber. Und jetzt? "Na, den Oskar." Es gehe den Deutschen doch schlechter als zuvor, obwohl ihnen das Gegenteil versprochen wurde.

Oder Heinz Speicher, 69, Rentner, am Saarbrücker Schloss macht er noch manchmal Touristenführungen. Heute ist er schon ganz früh auf den Platz vor dem Saarbrücker Staatstheater gekommen. Es ist kurz nach 14 Uhr, die Wahlkampfveranstaltung ist für 15 Uhr angekündigt. Also sitzt Speicher auf einer der Klappbänke vor der Bühne. Arbeitslosigkeit, Verschuldung, lahmende Wirtschaft, Speicher versteht das alles nicht mehr. Er will davon auch nicht mehr viel hören, viel zu oft haben sie ihm gesagt, dass alles besser wird. Und was ist passiert? "Wir brauchen einen, der da in Berlin aufräumt." Wem er das zutraut, das muss er gar nicht erst lang erklären. Und außerdem geht es jetzt gleich los.

Reden, die Leute unterhalten und begeistern - da muss sich Lafontaine von keinem was vormachen lassen. Und vielleicht braucht das seine Partei gerade auch: Die Umfragen weisen nach unten - sowohl im Bundestrend als auch hier im Saarland. Von 20 auf 13 Prozent ist die Linkspartei in Lafontaines Heimat einer Umfrage von Infratest dimap für den Saarländischen Rundfunk zufolge abgerutscht.

In Saarbrücken geht es deshalb schnell zur Sache: Auf dem Platz vor dem Staatstheater sitzen rund tausend Leute, sie skandieren "Oskar, Oskar" schon bevor er in das Mikro spricht, und er gibt ihnen alles, was sie sehen und hören wollen: Spott, Häme, Zorn, Aggression, geballte Fäuste, den ganzen Oskar. Gerhard Schröder, sein "alter Freund" - zu "feige", um sich mit ihm in einer TV-Diskussion zu messen. Die großen Unternehmen - "Ausbeuter", denen man das "Handwerk" legen müsse. Die vielen Millionäre - "Menschen in Not", weil sie im Grundgesetz lesen, dass Eigentum verpflichte und sie erst durch eine Reichensteuer verfassungstreue Bürger werden können. Joschka Fischer - ein Mann mit "Bittermiene". Die Journalisten, die ihn verleumden würden - "Presselümmel", die besser "ihr ungewaschenes Maul" halten sollten.

Lafontaine und Gysi umringt von Journalisten: "Presselümmel, die ihr ungewaschenes Maul halten sollten"
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Lafontaine und Gysi umringt von Journalisten: "Presselümmel, die ihr ungewaschenes Maul halten sollten"

Schilder werden hochgehalten: "Oskar, rette uns vor den Metzgern Stoiber, Merkel, Schröder, Westerwelle". Jeder seiner Angriffe erzeugt ein Echo - tosenden Beifall. Gegen wen sich Lafontaines Attacken richten - vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Hauptsache, da schnaubt einer vor Wut. Wenn Lafontaine auf der Bühne steht, mit grimmigem Blick nach vorn, die Beine leicht eingeknickt, die Arme angewinkelt vor dem Körper, dann sieht er aus wie ein Skifahrer bei der Abfahrt - das Ziel fest vor Augen. Und das liefert er auch gleich mit. Er will den Bundestag "zum Tanzen" bringen. Auch Elke Ferner, seine ehemalige Parteifreundin von der SPD, hätte bei seinem Auftritt erfahren können, warum er im Wahlkreis 296 gegen sie antritt: Weil sie für die Hartz-IV-Gesetze gestimmt habe. "Sonst hätte ich das nicht gemacht", sagt er.

Für Ferner könnte die Wahl eng werden. Zwar gilt es als unwahrscheinlich, dass Lafontaine den Wahlkreis gewinnt, aber dafür könnte er der Sozialdemokratin wichtige Stimmen nehmen, so dass am Ende Anette Hübinger von der CDU in den Bundestag einzieht. Bei der SPD sind sie sich jedenfalls ziemlich sicher, dass Lafontaines Kandidatur der eigenen Partei schaden wird. "Eine unmögliche Art und Weise", nennt Hajo Hoffmann die Entscheidung Lafontaines, ausgerechnet in dem Wahlkreis anzutreten, in dem früher die Genossen für ihn und mit ihm gearbeitet haben. "Lafontaine ist ein Egomane, wie ich kaum jemanden kenne", sagt der SPD-Politiker, der einst Minister beim früheren saarländischen Ministerpräsidenten Lafontaine war.

Auch Ferner rechnet mit Stimmeinbußen. Dafür spottet sie über Lafontaine, der den Wahlkreis nicht ernsthaft vertreten wolle. "Oskar kommt" hätte die Linkspartei in Saarbrücken plakatiert. "Ich bin schon da", sagt Ferner. Etliche Hausbesuche habe sie in den vergangenen Wochen gemacht, Dorffeste besucht und den ständigen Kontakt zu den Bürgern gesucht - und Lafontaine sei überall unterwegs, aber eben nur selten in Saarbrücken.

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