Lafontaines Abtritt als Linke-Chef Alphatier a.D.

Er führte einst die SPD und später die Linke - an diesem Wochenende tritt Oskar Lafontaine als Chef der Genossen ab. Will seine Partei mitregieren oder Fundamentalopposition machen? Diese zentrale Frage hat der Saarländer noch nicht beantwortet. Den Job müssen jetzt andere übernehmen.

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Hamburg - Zwei Wörter, ein Rufzeichen, mehr nicht. "Oskar kommt!" Wenn Oskar Lafontaine auftritt, muss vorher nicht viel Ballyhoo gemacht werden, für den Rummel sorgt der Saarländer schon selbst.

"Das größte politische Talent seiner Generation", schwärmte Peter Glotz einmal über ihn. "Er ist ein Demagoge", sagte Gesine Schwan. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen hat sich Lafontaine mehr als vier Jahrzehnte in der Politik bewegt.

"Oskar kommt", so hieß es schon, als Lafontaine in den neunziger Jahren die SPD führte, oder als er für die Sozialdemokraten gegen Helmut Kohl als Kanzlerkandidat antrat. Zuletzt hingen die Plakate in Köln, Hamm, Aachen und Duisburg. Wahlwerbung für die nordrhein-westfälische Linke.

Am Samstag kommt der 66-Jährige nach Rostock, um zu gehen.

Stadthalle Rostock, "11.30 Uhr, Rede des Vorsitzenden der Partei Die Linke, Oskar Lafontaine", so steht es im Programm für den Parteitag. Abschied vom Amt des Parteivorsitzenden, Lafontaine kandidiert nicht mehr, an seiner Rede feilt er seit Wochen.

Den Rückzug aus der großen Politik hat er bereits vor Monaten eingeleitet, zuerst die überraschende Aufgabe des Fraktionsvorsitzes im Bundestag im vergangenen November. Damals ließ er etliche Genossen auf der Klausurtagung in Rheinsberg ratlos zurück. Später legte er sein Bundestagsmandat nieder. Jetzt ist also auch Schluss mit dem Chefposten der Linken, seit Juni 2007 stand Lafontaine an der Spitze der Partei.

25.300 Google-Treffer für die Wörter "Lafontaine" und "Rache"

Seine Parteifreunde lieben ihn nicht gerade. Aber sie wissen, dass der Erfolg der aus Linkspartei.PDS und WASG hervorgegangenen Linken vor allem seiner ist. Ohne ihn wäre es wohl gar nicht erst zu diesem Zusammenschluss gekommen.

87,9 Prozent der Delegierten wählten Lafontaine auf dem Berliner Vereinigungsparteitag im Juni 2007 zu einem ihrer Vorsitzenden, das war noch der Anfangsrausch. Ein knappes Jahr später auf dem Parteitag in Cottbus im Mai 2008 straften sie ihn bereits ab. Nur 78,5 Prozent, ein Denkzettel für seinen Führungsstil, den viele als autoritär empfinden.

Mit der Linken gelang dem Physiker Lafontaine ein beispielloses politisches Comeback. Der Mann, der 1995 auf dem Mannheimer Parteitag die SPD aus ihrem Tiefschlaf riss, mit Gerhard Schröder und Joschka Fischer 1998 die rot-grüne Bundesregierung formte, Finanzminister wurde, sich mit Schröder überwarf, später Regierungsposten, SPD-Vorsitz und Parteibuch hinwarf, bekämpfte plötzlich mit einer neuen Truppe seine alten Genossen. Ein einzigartiger Vorgang.

Die Linke als Lafontaines Rachefeldzug. Bis heute wird ihm dieses Etikett angeheftet, für die Wortkombination "Lafontaine" und "Rache" gibt es bei Google 25.300 Treffer.

Es ist ein dürftiger Erklärungsansatz für den Aufwand und die Energie, die Lafontaine in das Projekt steckte - und für das, was er in den vergangenen Jahren über sich ergehen lassen musste: nörgelnde und stümpernde WASG-Delegierte auf Parteitagen in der tiefsten Provinz, rebellierende Trotzkisten, die den Zusammenschluss von WASG und Linkspartei.PDS torpedieren wollten, Gezeter von Jetzt-wollen-wir-auch-mal-Politik-machen-Leuten, die der frühere Kanzlerkandidat und Minister mindestens als nervenaufreibende Geduldsprobe empfunden haben muss.

Ein Programmentwurf in Schwarz-Weiß

"Wir wollen die Politik verändern", ist Lafontaines liebster Satz, wenn man ihn danach fragt, was ihn mit seiner Linken antreibt. Die politische Landschaft haben die Genossen nachhaltig verändert: Sie sitzen im Bundestag und 13 Landtagen. Ausgerechnet im fundamentalistischsten Landesverband Nordrhein-Westfalen machen sie sich derzeit Hoffnungen, als erste West-Genossen an einer Landesregierung beteiligt zu werden.

Die Linke sei stabil, betont Lafontaine. Aber ist sie das über Umfragewerte und Wahlerfolge hinaus auch in ihrem Inneren?

Der von Lafontaine wesentlich mitgeprägte Entwurf für das Parteiprogramm zeichnet ein düsteres Bild des Kapitalismus. Mit dem Papier positioniert sich die Linke klar als Protestpartei. "Wo vor allem der Profit regiert, bleibt kein Raum für Demokratie", heißt es in der Präambel. Der Text mute "wie ein kurioser Griff in die ideologische Mottenkiste" an, urteilt der Dortmunder Politikprofessor Thomas Meyer in der für die Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen "Neue Gesellschaft - Frankfurter Hefte".

Das Papier irritiert aber nicht nur externe Beobachter, deutliche Kritik kommt auch aus der Partei selbst. "Ich würde dem Entwurf, so wie er ist, nicht zustimmen. Er ist mir zu Schwarz-Weiß", sagt etwa Petra Pau, Bundestagsvizepräsidentin und Mitglied des Fraktionsvorstands. Für das Forum Demokratischer Sozialismus, dem Netzwerk der Reformer innerhalb der Linken, schrieben der Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich und Inga Nitz, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft: "Der Programmentwurf skizziert geradezu ein Horrorszenario der Welt, in dem einige Konzerne herrschen, Demokratie verhindern, Staaten Kriege um Absatzmärkte führen." Die Linke müsse zudem die Frage beantworten, ob sie Protestpartei sein oder mit anderen Parteien zusammenarbeiten wolle.

"Nicht nur den Garten bestellen und spazieren gehen"

Eben dort verläuft die entscheidende Trennlinie innerhalb der Linken: auf harte Opposition setzende Fundamentalisten gegen reformbereite Realos. Lafontaine hat nicht versucht, diese zerstrittenen Lager zu einen, im Zweifel stand er auf der Seite der Fundamentalisten. Den Job müssen jetzt andere übernehmen, Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi etwa, der wohl einzige Genosse, der Lafontaine dauerhaft auf Augenhöhe begegnete - auch wenn Lafontaine stets die unbestrittene Führungsfigur war. Oder Klaus Ernst und Gesine Lötzsch, die dem Saarländer und dem ebenfalls scheidenden Ko-Parteichef Lothar Bisky folgen sollen.

Nur wenige in der Linken glauben, dass Ernst oder Lötzsch die Lücke schließen können, die Lafontaine hinterlässt. Es wird deshalb auch weiter mit ihm zu rechnen sein. Schließlich behält er seinen Posten als Fraktionschef im saarländischen Landtag. Ein Machtmensch ist er immer gewesen. Dazu einer, der keinen Widerspruch gegen seine Positionen duldet. "Lafontaine ist ja künftig nicht weg", sagen sie in der Berliner Parteizentrale. Für seine Freunde klingt das wie eine Selbstvergewisserung, für seine Gegner in der Partei eher wie eine Drohung: der heimliche Parteichef, der Nimmersatt, der ewige Obergenosse.

Lafontaine zieht sich aus gesundheitlichen Gründen zurück. "Der Krebs war ein Warnschuss, über den ich nachdenken musste", sagte er Ende Januar. Viele von denen, die mit ihm in die Politik gingen, sind längst abgetreten: Schröder etwa, oder Wolfgang Clement. Alphatiere, Ego-Politiker. Jetzt geht einer der letzten von ihnen.

Manches ist unvollendet geblieben in seiner Karriere: Er wollte Kanzler werden und scheiterte 1990 an Helmut Kohl, 1998 an seinem innerparteilichen Rivalen Schröder, der Lafontaine die SPD-Kanzlerkandidatur streitig machte. Er wollte als Finanzminister den großen Wurf hinlegen und schmiss nach ein paar Wochen hin.

Und jetzt eben die Linke: "Unvollendet ist wahrscheinlich jedes politische Projekt. Wenn ich erst gegangen wäre, wenn die Sache vollendet ist, dann wäre ich auf dem Stuhl des Parteivorsitzenden gestorben." Das sagte Lafontaine Anfang Mai dem "Tagesspiegel" und kündigte an, dass die Genossen in Berlin seine Stimme auch in Zukunft vernehmen werden: "Was heißt Ausstieg? Ich werde auch künftig nicht nur den Garten bestellen und spazieren gehen."



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Seite 1
Oskar ist der Beste 15.05.2010
1. Oskar wird allen fehlen, vor allem der Bevoelkerung
Fuer den SPON ein relativ gnaediger Artikel, der immerhin einmal eindeutig klarstellt, dass vermeintliche Rachegelueste das Streben Oskar Lafontaines in den letzten 10 Jahren seit Aufloesung der SPD wenn ueberhaupt nur ungenuegend beschreiben. So tritt jetzt nun leider der faehigste deutsche Politiker der letzten 30 Jahre von der Bundesbuehne ab und man wird sich leider wohl auf absehbare Zeit mit mittelmaessigen Hartzpolitikern begnuegen muessen, dessen einziges Streben darin liegt, die Finanzmaerkte weiterhin zufriedenzustellen. Mit beidem konnte und kann und vor allem wollte und will Oskar nie dienen.
mulledinger 15.05.2010
2. Wieder ein Populist weniger
Zitat von Oskar ist der BesteFuer den SPON ein relativ gnaediger Artikel, der immerhin einmal eindeutig klarstellt, dass vermeintliche Rachegelueste das Streben Oskar Lafontaines in den letzten 10 Jahren seit Aufloesung der SPD wenn ueberhaupt nur ungenuegend beschreiben. So tritt jetzt nun leider der faehigste deutsche Politiker der letzten 30 Jahre von der Bundesbuehne ab und man wird sich leider wohl auf absehbare Zeit mit mittelmaessigen Hartzpolitikern begnuegen muessen, dessen einziges Streben darin liegt, die Finanzmaerkte weiterhin zufriedenzustellen. Mit beidem konnte und kann und vor allem wollte und will Oskar nie dienen.
Oskar war nichts anderes als ein Populist. Genau wie viele seiner Kollegen auch..... Keiner wird ihn lange vermissen!!!
zenobit 15.05.2010
3. Titelstreik
Zitat von Oskar ist der BesteFuer den SPON ein relativ gnaediger Artikel, der immerhin einmal eindeutig klarstellt, dass vermeintliche Rachegelueste das Streben Oskar Lafontaines in den letzten 10 Jahren seit Aufloesung der SPD wenn ueberhaupt nur ungenuegend beschreiben. So tritt jetzt nun leider der faehigste deutsche Politiker der letzten 30 Jahre von der Bundesbuehne ab und man wird sich leider wohl auf absehbare Zeit mit mittelmaessigen Hartzpolitikern begnuegen muessen, dessen einziges Streben darin liegt, die Finanzmaerkte weiterhin zufriedenzustellen. Mit beidem konnte und kann und vor allem wollte und will Oskar nie dienen.
Für Spon allerdings, auch wenn mal wieder ne Menge Bashing enthalten ist. Grossartiges Interview mit Oskar gestern in der FR: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=2644861&em_cnt_page=1
Haio Forler 15.05.2010
4. .
Zitat von mulledingerOskar war nichts anderes als ein Populist. Genau wie viele seiner Kollegen auch..... Keiner wird ihn lange vermissen!!!
Im Gegensatz zu Politikern wie Merkel, Westerwelle, Koch und andere ... die versteht überhaupt niemand mehr.
gertpablo 15.05.2010
5. Kleiner Mann der nichts großes fertiggebracht hat
[QUOTE=So tritt jetzt nun leider der faehigste deutsche Politiker der letzten 30 Jahre von der Bundesbuehne ab [/QUOTE] Wie begabt er war, das haben wir bei seinem Abgang bei Schröder gesehen. Er war nichts weiter als ein ekelhafter kleiner Egomane! Ich bin froh nichts mehr von dem zu hören.
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