Lafontaines allmählicher Abgang Die Geschichte des O

Einst war Oskar Lafontaine der Superstar der SPD, brachte mit seiner Blockadepolitik Kohl zu Fall und bereitete den Wahlsieg für Gerhard Schröder vor. Kurz nach dem Machtwechsel gab er im Streit mit dem Kanzler alle Ämter auf. Jetzt kehrt er den Sozialdemokraten endgültig den Rücken.

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Lafontaine bei Christiansen-Show: Medial präsent
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Lafontaine bei Christiansen-Show: Medial präsent

Berlin - Am späteren Nachmittag des 11. März 1999 standen die Journalisten ratlos vor der niedersächsischen Landesvertretung in Bonn. Kanzler Schröder sollte an diesem Tag dem Autor Anthony Giddens lauschen. Der Brite war eine Art "Hausphilosoph" des Schröder-Vorbilds Tony Blair. Doch Schröder, damals gerade fünf Monate im Amt, kam nicht. Im Kanzleramt musste eine Erklärung vorbereitet werden: Oskar Lafontaine, Bundesfinanzminister und SPD-Parteichef, war am selben Tag von allen Ämtern zurückgetreten.

Zwei Tage später stellte sich Lafontaine den Kameraleuten auf der Dachterrasse seines Hauses im Saarland - huckepack seinen Sohn tragend. Es war das Bild des Jahres 1999. Die Republik rätselte, was den einstigen Hoffnungsträger der SPD zur Auf- und damit Selbstaufgabe veranlasst hatte - und tut es eigentlich noch bis heute. Die Linken in der Partei, die auf ihn ihre Hoffnungen projiziert hatten, verziehen ihm diesen Schritt nie. Ohne Lafontaine waren sie ihrer mächtigsten Stimme beraubt. Die anderen hatten seinen Abgang ohnehin schon lange ersehnt. Als die Partei in Berlin ihren 140ten Geburtstag feierte, wurde Lafontaine mit keinem Wort erwähnt. Lange schon hatte er damit gespielt, der Partei, der er seit 39 Jahren angehört, den Rücken zu kehren.

 Lafontaine und Sohn nach dem Rücktritt 1999: Ein Rätsel
DPA

Lafontaine und Sohn nach dem Rücktritt 1999: Ein Rätsel

Nun ist es so weit. In der "Bild" vom Dienstag ließ er zunächst verkünden, er könne sich vorstellen, bei einer Links-Partei aus PDS und "Wahlalternative" (WASG) im Bundestagswahlkampf mitzumachen. Am späten Nachmittag dann die Bestätigung gegenüber dem ZDF: Sein Parteibuch habe er zwar noch nicht zurückgeschickt, doch sei das nur noch ein formaler Akt.

Lafontaines Abkehr von der SPD fällt zusammen mit dem faktischen Ende von Rot-Grün. Seine Liebe zu dieser Farbenkomposition war schon lange erkaltet - endgültig seit der Verabschiedung der Hartz-Reformen.

Dabei stand er einst wie kein anderer für das rot-grüne Projekt. In seiner Zeit als Parteichef in der SPD hatte er beharrlich auf eine solche Konstellation hingewirkt, nachdem er im November 1995 auf dem Mannheimer Parteitag den glücklosen Rudolf Scharping vom Parteisitz gestürzt hatte.

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Lafontaines SPD-Karriere: Kanzlerkandidat und Querulant
Doch Lafontaine wollte nicht nur Rot-Grün. Er wollte auch Kanzler werden. 1990 war er als Kandidat gegen Helmut Kohl gescheitert. Doch einen zweiten Anlauf verbaute ihm Gerhard Schröder.

Vieles trennte die beiden - eines aber einte sie: auf der Bühne ganz vorne zu stehen. Doch dafür war zu wenig Platz in der SPD. Zwei Männer mussten sich arrangieren, wohl oder übel. Sie spielten das Spiel der Eintracht eine Zeitlang perfekt - ließen sich mit ihren Ehefrauen beim Wanderausflug gemeinsam fotografieren, turtelten öffentlich vor Kameras wie Verliebte. Doch die Homestory-Idylle hielt nur kurz an.

Lafontaine, der Mann mit den umwelt-, wirtschafts- und finanzpolitischen Visionen im Weltmaßstab, über die er gerne auch mal am Kabinettstisch dozierte - und der Pragmatiker Schröder, der die Nähe zur Industrie schätzte, das konnte nicht gut gehen. Kaum war Schröder im Amt, begann Lafontaines Demontage, an der damals unter dem Schröder-Vertrauten Bodo Hombach aus dem Kanzleramt heraus kräftig mitgearbeitet wurde. Es ging damals um nichts weniger als die Frage: welchen Kurs nimmt die Republik, mehr oder weniger Staat? Und es ging auch, wie immer in der Politik, um einen Hahnenkampf zweier Männer: Am Ende nahm Lafontaine spektakulär Reißaus und bewies die schlechteren Nerven.

 Fischer, Schröder, Lafontaine 1998: Gute Laune spielen
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Fischer, Schröder, Lafontaine 1998: Gute Laune spielen

Die Zeit nach seinem Abgang glich einem Irrlichtern durch die Republik. Er schrieb ein Buch mit dem Titel "Das Herz schlägt links", in dem er behauptete, auch die Zustimmung Schröders und Fischers zum Nato-Einsatz im Kosovo sei ein Grund für seinen Rücktritt gewesen. Er stilisierte sich zum guten Gewissen der Rot-Grünen, er tourte durch die Talkshows, er suchte wieder Anschluss. "Oskar, der zuhause mit seinem Sohn spielt, das kann sich niemand auf Dauer vorstellen", sagt Ottmar Schreiner damals, einer der Weggefährten aus dem Saarland und heute Wortführer der Linken in der Bundestagsfraktion. Lafontaine trat den Globalisierungsgegnern von Attac bei, er schrieb, abwechselnd mit dem CSU-Außenseiter Peter Gauweiler, wöchentlich eine Kolumne in der "Bild". Er suchte Gehör, so viel wie möglich, vor allem aber eine neue politische Heimat, die den Resonanzboden dafür hergeben würde.

An eine Karriere in der SPD, an die war ohnehin nicht mehr so denken. Zwar riss er - wie auf dem SPD-Parteitag im März 2004 im Saarland - die Basis zu Ovationen hin. Aber Lafontaine war nur noch ein geduldeter Gast in seiner eigenen Partei, ein rhetorischer Abglanz alter Tage. Immer wieder lockte die PDS, aber Lafontaine zögerte. Er ahnte wohl, dass seine Wirkung bei der Oststimme regional begrenzt bliebe.

Als sich im Gefolge der Hartzreformen in Nordrhein-Westfalen die "Wähleralternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit" (WASG) gründete, keimte bei ihm wohl Hoffnung auf. Doch selbst da zauderte er noch. Bei einem Auftritt vor der WASG vor der NRW-Wahl legte er sich nicht fest. Er war vielen Zuhörern ein Orakel. Vielleicht war er es sich auch selbst.

 Lafontaine bei WASG-Veranstaltung: Zaudern und Zögern
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Lafontaine bei WASG-Veranstaltung: Zaudern und Zögern

Nun will er offenbar auf zu neuen Ufern. Die WASG holte in NRW 2,2 Prozent, immerhin ein Achtungserfolg. Via "Bild" testete Lafontaine sogleich seinen Marktwert. Für seine Rückkehr in die aktive Politik macht er eine gemeinsame linke Liste von WASG und PDS zur Bedingung. Dazu wird es wohl nicht kommen. Und wohl auch nicht zu jenem Projekt eines "Olivenbaum", wie es in Italien existiert und das er gleich mitforderte. Selbst eine Mitarbeit von CDU-Streiter Heiner Geißler hält er für denkbar. In dieser Hinsicht bleibt sich Lafontaine treu: Wenn er denkt, dann muss es gleich das ganze Große sein.

Aber vielleicht überlegt es sich Lafontaine ja doch noch einmal anders. Und tritt tatsächlich auf der offenen Liste der PDS an. Mit dem Mann, der, wie er, eigentlich schon von der politischen Bühne abgetreten war und sie doch immer wieder sucht: Gregor Gysi.

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Lafontaines Austritt

Oskar Lafontaine ist aus der SPD ausgetreten.



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