Absage an Universität Der Plagiate-Feldzug des Dr. Lammert

Norbert Lammert war fest für eine Jubiläumsrede an der Uni Düsseldorf gebucht. Doch wegen deren Umgangs mit Annette Schavan lässt der Bundestagspräsident den Termin platzen. An der Hochschule ist man irritiert.
Parlamentspräsident Lammert: "Kein unbefangener Beobachter"

Parlamentspräsident Lammert: "Kein unbefangener Beobachter"

Foto: DPA

Berlin/Düsseldorf - Norbert Lammert hat seine eigene Meinung, und die hält er selten zurück. Mal verteidigt er politische Minderheiten, mal schimpft er auf das Fernsehprogramm, mal kommentiert er die NSA-Spähaffäre. Der Bundestagspräsident will nicht nur stiller Verwalter des Parlaments sein, sondern Debatten prägen.

Nun macht er seine Haltung zum Fall Annette Schavan (CDU) auf ungewöhnliche Weise öffentlich. Lammert, der aus Nordrhein-Westfalen stammt, war fest für eine Rede zum 50-jährigen Bestehen der Universität Düsseldorf eingeplant. Am Mittwoch wurde bekannt, dass er den Termin im November 2015 platzen lässt.

Lammert begründet seine Absage in einem Brief an den Rektor der Universität. Darin kritisiert er scharf den Umgang der Hochschule mit der früheren Bildungsministerin, die vor anderthalb Jahren wegen Plagiatsvorwürfen ihren Doktortitel verlor.

Der CDU-Politiker erklärt, er habe "unterschätzt, welche Bedeutung das Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades von Annette Schavan noch immer nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung, sondern auch im Selbstverständnis der Düsseldorfer Hochschule hat".

Groll über Professoren-Medaille

An der Universität erfuhr man von der Absage aus den Medien, der Brief des Bundestagspräsidenten lag nach Angaben eines Sprechers am Mittwoch noch nicht vor. Man bedaure die Entscheidung. "Wir hätten uns sehr gefreut, Herrn Doktor Lammert als Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland zu empfangen."

Offizieller Auslöser für Lammerts Groll ist die seiner Ansicht nach "demonstrative Auszeichnung" zweier Professoren, die bei dem Schavan-Verfahren eine zentrale Rolle gespielt hatten. Kürzlich wurden Bruno Bleckmann und Stefan Rohrbacher vom Rektor mit einer Universitätsmedaille ausgezeichnet.

Rohrbacher hatte die Dissertation Schavans damals überprüft, Bleckmanns Fakultätsrat den Doktortitel wegen "vorsätzlicher Täuschung" schließlich entzogen. Daraufhin trat Schavan im Februar 2013 zurück, inzwischen ist sie Botschafterin im Vatikan. Dass Bleckmann und Rohrbacher nun auch noch für ihre "beispielhafte akademische Zivilcourage" geehrt wurden, war für den Bundestagspräsidenten anscheinend zu viel.

Gezielt gewählter Zeitpunkt

Lammert lancierte seine Absage über die Medien und platzierte sie mehr als ein Jahr vor dem Termin. Das legt nahe, dass der Parlamentspräsident auf eine gute Gelegenheit wartete, um sich öffentlich mit Schavan zu solidarisieren.

Auch Lammert wurde 2013 verdächtigt, in seiner Dissertation abgeschrieben zu haben. Dahinter steckte derselbe anonyme Plagiatsjäger im Internet wie im Fall Schavan. Den Verdacht wies Lammert als "ehrenrührig" zurück. Von den Vorwürfen wurde er später entlastet. Der CDU-Politiker ist auf die meist anonym agierenden Aktivisten auch im Nachhinein nicht gut zu sprechen. Selbst wenn sich die Vorwürfe als falsch erweisen, sei der Ruf angekratzt, so seine Haltung.

Jetzt schien aus seiner Sicht wohl der ideale Zeitpunkt für ein Signal der Missbilligung gekommen. Erst in der vergangenen Woche hatte die Plagiatsaffäre um Schavan erneut Schlagzeilen gemacht. Ein interner Bericht der Uni Düsseldorf dokumentierte, wie die Hochschule massiv von Politikern und Wissenschaftlern unter Druck gesetzt wurde, während sie die Vorwürfe gegen Schavan prüfte. In dem Papier ist von "Kampagnen" die Rede, von "verbalen Entgleisungen" und "sachfremder Intervention".

Lammert räumt Befangenheit ein

Lammert macht in seinem Brief klar, dass er die Anschuldigungen der Universität für einseitig und falsch hält. Zudem habe die Hochschule kritische Stimmen am Umgang mit dem Schavan-Fall "ausnahmslos für eine unerwünschte Einmischung und unzulässige versuchte Einflussnahme erklärt". Die Uni wurde im Verlauf des Plagiatsverfahrens heftig angegriffen - allerdings attestierte ihr ein Gericht, sich stets korrekt verhalten zu haben.

Die Entscheidung Lammerts dürfte auch abseits der akademischen Spitzenzirkel diskutiert werden. Den Korb gab er der Uni nicht nur als CDU-Politiker aus der Region, sondern als Parlamentspräsident und ehemals Betroffener. All das macht aus einer eigentlich harmlosen Terminsache ein Politikum.

In seinem Brief räumt er aber auch ein, dass er beim Thema Doktortitel nicht neutral sein kann: "Für einen unbefangenen Beobachter des Düsseldorfer Verfahrens kann und will ich mich nicht halten, aber für fragwürdig im wörtlichen Sinne halte ich es allerdings."

mit Material von dpa
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