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28. März 2007, 19:14 Uhr

Landrätin-Affäre

"Sankt Pauli", das Höschen und die Brief-Fehde

Von Franziska Badenschier und

Die Fotos von CSU-Rebellin Gabriele Pauli in "Park Avenue" stoßen auf Empörung: bei der Landrätin selbst. In einem offenen Brief attackiert sie die Macher der Zeitschrift, wirft ihnen Unseriosität vor. Die Magazin-Macher reagieren verwundert - und kontern.

Hamburg/München - Mit schwarz-glänzenden eingeölten Latex-Handschuhen und rothaariger Perücke, im goldenen Stretch-Mini und auf High Heels im Cocktailkleid aus schwarzer Seide, in verruchten Posen, dazu ein lasziver Blick: Gabi, der Vamp - Pauli, die Latex-Landrätin. So ist die CSU-Rebellin in einer Fotostrecke der heute erschienenen Ausgabe des Lifestyle-Magazins "Park Avenue" zu sehen, unter dem Titel "Sankt Pauli".

"Mausgraue Politiker gibt es zu Genüge", rechtfertigte sich Gabriele Pauli noch gestern im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Doch da will sie nur einige Bilder gekannt haben, aber nicht den Text, den die Redaktion von "Park Avenue" dazu schrieb. Auszug: "Die Unterhose drückt sich unfotogen unterm Kleid durch? Sie zieht sie aus und lässt sie diskret in ihrer Handtasche verschwinden."

Pauli: "Stets von einer ernsthaften Aufmachung ausgegangen"

Als sie an diesem Mittwoch den Text liest, ist für Gabriele Pauli der Spaß zu Ende. Umgehend schreibt sie einen offenen Brief an Michael Stoessinger, Redaktionsleiter von "Park Avenue".

"Sehr geehrter Herr Stoessinger, auf die Fotostrecke in Ihrem Magazin habe ich mich sehr gefreut", heißt es da zu Beginn. Dann schreibt Gabriele Pauli Klartext: "Der Titel 'Sankt Pauli' in der Überschrift verbunden mit sehr gezielten Foto-Ausschnitten und einigen Textpassagen erwecken bei vielen Betrachtern eine Assoziation, die ich nicht hinnehmen kann."

Sie sei "stets von einer absolut ernsthaften Aufmachung der Fotostrecke ausgegangen", so Pauli in dem Schreiben. Sie habe Aufnahmen und Interview zugestimmt, nachdem ihr "beispielhaft andere Interviews Ihres Magazins" vorgelegt worden seien, "die seriös und sympathisch waren". Sie habe deshalb "entsprechendes Niveau und Professionalität" erwartet.

Empörung über die "Höschen-Passage"

Dann rechnet Pauli mit den Zeitschriften-Machern wegen der Höschen-Passage ab: Es sei nicht abgesprochen gewesen, "dass ich auch während des Fotoshootings 'unter Beobachtung' stehe und private Äußerungen oder Handlungen während des Shootings in den Text einfließen. Bezug nehmend auf die 'Höschen-Passage' möchte ich feststellen, dass ich zur Wahrung meiner Privatsphäre alle Anwesenden darum gebeten hatte, den Raum zu verlassen."

Gabriele Pauli empört: "In jedem Fall hätten Sie die gewählte provokante Aufmachung mit mir absprechen und mir den Text zur Autorisierung vorlegen müssen." Ihr Büro habe "mehrfach darum gebeten", Text und Fotos vorab zu erhalten. Während aber Fernsehsender und Zeitungen "von Ihnen (gezielt?) beliefert wurden", habe sie bis heute keinen Abzug erhalten.

Gabriele Pauli wirft "Park Avenue" vor, die "Grenze seriöser Berichterstattung" überschritten zu haben - "ungeachtet des Ansehens meiner Person". Pauli fordert abschließend den Redaktionsleiter zu einer "umgehenden Stellungnahme" auf und stellt fest: "Ihre Methoden sind untragbar."

"Park Avenue": Pauli hat Zitate autorisiert, Bilder freigegeben

Die Redaktion von "Park Avenue" ist sich hingegen keiner Schuld bewusst, sondern verwundert. "Mit Erstaunen haben wir die Stellungnahme von Frau Dr. Pauli zur Kenntnis genommen", heißt es in einer Stellungnahme. In der werden Paulis Vorwürfe dementiert: Vor Drucklegung der neuen Ausgabe habe es von Frau Pauli "keine Anfrage bezüglich der Bilder oder Bildstrecke" gegeben. Außerdem habe die Redaktion gestern nach Anfragen anderer Redaktionen, die Bilder vorab zeigen zu dürfen, um eine Freigabe für andere Medien gebeten, woraufhin das Büro die Freigabe schriftlich erteilt habe. Außerdem seien "sämtliche Zitate" zur Autorisierung freigegeben worden.

"Im Zusammenhang mit der Bildstrecke sagte Frau Pauli: 'Es ist genau das richtige Kontrastprogramm.'", heißt es in dem "Park Avenue"-Schreiben weiter. Außerdem wird erwähnt, dass ein Bekannter der Landrätin alle Motive für den privaten Gebrauch der Landrätin mitfotografiert habe.

Lesen Sie im zweiten Teil: "Das ist der Traum einer 16-Jährigen" und "Das ist Selbsthinrichtung" - die Reaktionen von Poltiker-Kollegen zur Causa Pauli

Der CSU-Spitze sind heute keine Kommentare zur Causa Pauli zu entlocken. Allein der christsoziale Landtagsfraktionschef Joachim Herrmann lässt mit Blick auf die RAF-Debatte und die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt SPIEGEL ONLINE mitteilen: "Wir beschäftigen uns lieber mit der Haftdauer für Terroristen."

Domina Pauli und der Masochismus der CSU

Bayerns SPD gibt sich da offener: Die CSU lebe bei ihren innerparteilichen Kämpfen "derzeit viel Masochismus aus", sagt Florian Pronold zu SPIEGEL ONLINE. Der bayerische SPD-Landesgruppenchef im Bundestag diagnostiziert: "Es wird die Lust der CSU-Funktionäre noch steigern, dass die Frau Pauli da als Domina entsprechend draufhaut."

Ludwig Stiegler, Vorsitzender der Freitstaats-SPD, gibt den Gelassenen: "Mei, ich fahre auf so was nicht unbedingt ab", sagte er dem TV-Sender N24. Er gönnt der CSU-Rebellin den glamourösen Auftritt in dem Hochglanzheft: "Das ist der Traum jedes 16-jährigen Mädchens. Und warum soll nicht eine um ein paar Jahre gereifte Frau auch solche Träume haben?"

Stiegler stichelt weiter: Wenn er "an den ganzen konservativen Mief in der CSU denke", würden der Frau die Fotos "bei einigen natürlich schaden". "Wenn sie jetzt das volle Leben genießen will, soll sie's ausleben. Ich bin da tolerant und liberal. Aber Politik ist anders."

"Eine ungewöhnliche Bewerbung für höhere Ämter"

Während der heutigen CSU-Fraktionssitzung im Bayerischen Landtag geht das "Park Avenue"-Heft mit den Fotos von Pauli durch die Reihen. Man habe an der Basis wenig Verständnis für die Bilder, sagt die CSU-Landtagsabgeordnete Ingrid Heckner entschieden. "Ich kann deshalb noch weniger als früher erkennen, wie auf dem Parteitag eine Mehrheit für Frau Pauli als stellvertretende Parteivorsitzende zustande kommen soll", so die Altöttinger CSU-Kreisvorsitzende. "Die Seriosität von Frau Pauli leidet unter ihren Äußerungen und Auftritten."

Heckner fordert Pauli auf, "von ihrem Ego-Trip" herunterzukommen und "wieder die konstruktive Zusammenarbeit in der CSU" zu suchen. Gerade für kommunalpolitisch engagierte Frauen in der CSU sei Pauli lange Zeit ein Vorbild gewesen. "Es wäre schade, wenn sie das alles jetzt zerstört und aus Machtkalkül die Partei wechselt", sagt Heckner.

Ähnlich sieht es CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis: Politik müsse ein gewisses Maß an Seriosität bewahren, aber "Frau Pauli hat diese Seriosität verletzt". Sie könne nicht damit rechnen, auf diesem Weg höhere Ämter in der CSU zu erreichen. "So kann man in der CSU nichts werden." Der Innenexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl (CSU), bezeichnete Paulis Verhalten als "indiskutabel". Damit habe sie "sich selbst gerichtet".

Dagegen äußert sich Petra Guttenberger, stellvertretende Vorsitzende der bayerischen Frauenunion, weniger kritisch über die Bilder: "Die Fotos sind eigenwillig", sagt sie zu SPIEGEL ONLINE. Paulis Auftritt in "Park Avenue" sei "eine ungewöhnliche Bewerbung für höhere Ämter", so Guttenberger. Aber: "Ich bin der Ansicht, dass sich über Geschmack bekanntlich streiten lässt."

Pauli schließt Abkehr von CSU nicht aus

Gabriele Pauli heizt inzwischen Spekulationen über eine Abkehr von ihrer Partei an. Ihre Heimat sei die CSU, sagte sie der Illustrierten "Bunte". "Aber es kann keine einseitige Liebe auf Dauer sein." Es seien schon einige politische Gruppierungen wie die Freien Wähler auf sie zugekommen. "Die CSU sollte sich darüber klar werden, was sie an mir hat", betonte Pauli selbstbewusst. Die Avancen anderer Parteien hatte sie bisher allerdings immer abgelehnt.

Bereits Anfang März hatte die 49-Jährige angekündigt, bei der Kommunalwahl 2008 nicht mehr zu kandidieren. Sie könne sich einen Wechsel in die freie Wirtschaft oder in ein "höheres politisches Amt" vorstellen, erklärte sie damals. "Ich will mehr Verantwortung für mehr Menschen übernehmen", sagte sie. "Und da bleibt nicht mehr viel anderes als das Kabinett." Doch der designierte Ober-Bayer Günther Beckstein erteilte der Noch-Landrätin bereits eine Absage: Pauli komme für "ein höheres politisches Amt" unter ihm nicht in Frage.

Mit Material von ddp

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