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Lufthansa-Wrack Brandbrief an Olaf Scholz – »Landshut«-Geiseln sind sauer auf SPD

Opfer der »Landshut«-Entführung 1977 werfen nach SPIEGEL-Informationen der Bundeszentrale für Politische Bildung vor, die Restaurierung des Wracks zu torpedieren. Sie fordern mehr Hilfe von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz.
aus DER SPIEGEL 36/2021
Ehemalige Geiseln mit Initiator David Dornier (l.) bei der Ankunft des Wracks am 23. September 2017

Ehemalige Geiseln mit Initiator David Dornier (l.) bei der Ankunft des Wracks am 23. September 2017

Foto: Arnd Wiegmann / REUTERS

Ehemalige Geiseln und Befreier der 1977 von palästinensischen Terroristen im Auftrag der RAF entführten Lufthansa-Maschine »Landshut« haben nach SPIEGEL-Informationen einen Wutbrief an SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz geschrieben. Die insgesamt 31 Absender sind verärgert, weil auch vier Jahre nach der Rückholung des Wracks aus Brasilien offen ist, wann und in welcher Form das auf Geheiß des damaligen SPD-Bundeskanzlers Helmut Schmidt befreite Flugzeug der Öffentlichkeit präsentiert werden kann.

»Sie und Ihre Partei beziehen sich im aktuellen Bundestagswahlkampf gern auf den früheren sozialdemokratischen Bundeskanzler Helmut Schmidt«, schreiben die Überlebenden, darunter Ex-Co-Pilot Jürgen Vietor, Ex-Flugbegleiterin Gabriele von Lutzau und die »Landshut«-Passagierin Diana Müll. »Tatsächlich sind Ihre Genossinnen und Genossen dabei, Helmut Schmidts politisch-moralisches Erbe zu verschleudern.«

Der später von den Terroristen ermordete »Landshut«-Pilot Jürgen Schumann am 15. Oktober 1977 in der offenen Flugzeugtür auf dem Flughafen Dubai

Der später von den Terroristen ermordete »Landshut«-Pilot Jürgen Schumann am 15. Oktober 1977 in der offenen Flugzeugtür auf dem Flughafen Dubai

Foto: Harry Koundakjian/AP

Der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel, ebenfalls SPD, hatte die Maschine 2017 aufkaufen und aus Brasilien nach Friedrichshafen bringen lassen. Dort sollte sie restauriert und als zentrales Objekt eines Erinnerungsorts ausgestellt werden. Doch das Projekt kam nicht vom Fleck. Die zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) äußerte erhebliche Vorbehalte.

Im vergangenen Jahr entschied dann der Haushaltsausschuss des Bundestags auf Betreiben des SPD-Abgeordneten Martin Gerster, das Projekt dem Bundesinnenministerium von Horst Seehofer (CSU) zu unterstellen. Die Bundeszentrale für Politische Bildung wurde beauftragt, ein Bildungszentrum zu konzipieren.

Kritik am Präsidenten der Bundeszentrale für Bildung

Die ehemaligen Geiseln und Befreier kritisieren im Brief an Scholz die bisherige Arbeit der Bundeszentrale. »Ein Jahr, nachdem Ihr Parteifreund Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, das Projekt in seine Obhut nahm, ist von einer ›Landshut‹-Restaurierung nicht mehr die Rede«, kritisieren die Ex-Geiseln. Sie plädieren dafür, dass die Maschine möglichst in ihren Original-Zustand versetzt wird und die Besucher dadurch die Torturen nachvollziehen können, denen die Geiseln während der sechstägigen Irrfahrt von Mallorca nach Mogadischu ausgesetzt waren.

Von einer vollständigen Restaurierung ist jedoch keine Rede mehr. Die Überlebenden trauen daher der Ansage des Bundesinnenministeriums nicht, dass die Maschine als Ganzes erhalten bleiben soll. Auch den Umgang mit dem Friedrichshafener Initiator der Rückholung, David Dornier, nennen die Ex-Geiseln »menschlich schäbig«. Dornier hat der Bundeszentrale für das Flugzeug ein Grundstück kostenlos und für die Ausstellungsfläche zur Miete angeboten, aber die Bundeszentrale will offenbar ein anderes Grundstück kaufen.

Aus: DER SPIEGEL 36/2021

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»Präsident Thomas Krüger will kein Grundstück von David Dornier, der die ›Landshut‹ an den Bodensee holte, pachten, sondern millionenteuer kaufen zur Rettung des bankrotten Flughafens von Friedrichshafen«, kritisieren die Briefeschreiber. Dornier sei ein »zivilgesellschaftlicher Held« und der Umgang mit ihm »symptomatisch für die Arroganz führender Köpfe in Bundesministerien und -behörden«.

SPD-Abgeordneter bittet um Geduld

Dornier sagte dem SPIEGEL, er sei »enttäuscht, weil seit zehn Monaten nichts passiert ist. Wenn das Flugzeug am Ende nicht restauriert oder gar zerlegt wird, hätten wir das Wrack doch nicht mit einem Millionen-Aufwand aus Brasilien zurückholen müssen.«

Der SPD-Haushälter Martin Gerster verteidigt hingegen die Bundeszentrale für Politische Bildung. »Wenn wir das Projekt ›Landshut‹ in den Händen der Kulturstaatsministerin gelassen hätten, wäre das Wrack möglicherweise heute schon zerlegt«, sagt Gerster. Der Abgeordnete aus Baden-Württemberg bittet die Überlebenden um Geduld. Am Ende werde es den »Lernort für die wehrhafte Demokratie« geben, das Wrack werde auf keinen Fall zerlegt. »Aber in den Originalzustand werden wir es nicht zurückversetzen können, zumal es etliche Teile gar nicht mehr gibt.«

Nicht die Technik von damals stehe im Vordergrund, sondern es gehe um die politische Bedeutung und Einordnung mit möglichst modernen didaktischen Mitteln. »Das Leiden der Geiseln, die Enge in der Maschine kann auch nachempfunden werden, wenn nicht alle Teile original vorhanden sind«, sagt Gerster.

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