Datenauswertung zur Hessenwahl CDU verliert fast 100.000 Stimmen an Grüne - mehr als an die AfD

CDU und SPD sind die großen Verlierer der Hessenwahl. Vor allem junge und gebildete Menschen entschieden sich für die Grünen. Von der Unzufriedenheit der Wähler profitierte die AfD. Die Analyse.

Hessenwahl, Stimmenverteilung
Quelle: Infratest dimap/ARD (Schätzung auf Basis von Vor- und Nachwahlbefragungen, Wahl- und Bevölkerungsstatistiken)

Hessenwahl, Stimmenverteilung

Von , und (Grafiken)


Am Morgen nach der Landtagswahl in Hessen sitzt der Schock bei CDU und SPD tief. Die Volksparteien sind die großen Verlierer des Sonntags, beide verloren Stimmanteile im zweistelligen Bereich. Thorsten Schäfer-Gümbel, Spitzenkandidat der SPD, spricht von einer "wirklich bitteren Niederlage", die auch am Montagmorgen noch unfassbar sei. Dem vorläufigen Endergebnis zufolge liegen die Sozialdemokraten mit 19,8 Prozent gleichauf mit den Grünen.

Für CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier könnte es hingegen noch etwas glimpflicher ablaufen. Für ein erneutes schwarz-grünes Bündnis gäbe es eine sehr knappe Mehrheit im Wiesbadener Landtag. Möglich ist rechnerisch auch ein Ampelbündnis aus SPD, Grünen und FDP, ebenso eine Jamaikakoalition aus CDU, FDP und Grünen.

Dabei verlor die CDU viele Stimmen ausgerechnet an den eigenen Koalitionspartner. Ein Trend, der sich spätestens nach der Bayernwahl vor gut zwei Wochen abzeichnete: die Grünen im Höhenflug. Doch auch die AfD profitierte, vor allem von der Enttäuschung der Wähler über die Arbeit der anderen Parteien.


Die Wählerverschiebungen im Detail:

Mehr als 100.000 Bürger in Hessen, die sich 2013 noch für die CDU entschieden hatten, stimmten dieses Mal für die Grünen - ohne dass es in die umgekehrte Richtung eine nennenswerte Verschiebung gab. Bei der SPD fallen die Verluste an die Grünen von Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir mit 142.000 Wählern noch deutlicher aus. Beide Volksparteien verloren auch an alle anderen Parteien Stimmen. Die CDU bekommt nur von der SPD mehr Wähler, als sie an diese verliert.

Das geht aus der Analyse zur Wählerwanderung von Infratest dimap hervor. Das Wahlforschungsinstitut berechnet sie anhand eigener Befragungen und amtlicher Statistiken. Die Werte sind eine grobe Größenordnung dafür, wie viele Wähler im Vergleich zur vergangenen Wahl von und zu einer Partei ab- oder zugewandert sind.

Quelle: Infratest dimap/ARD (Schätzung auf Basis von Vor- und Nachwahlbefragungen, Wahl- und Bevölkerungsstatistiken)

Demnach kann die SPD nur 44 Prozent ihrer Wähler von 2013 halten und kaum andere Wähler für sich gewinnen. Viele ehemalige CDU- und SPD-Wähler gingen diesmal nicht zur Wahl, während alle anderen Parteien ehemalige Nichtwähler in mindestens kleinem Umfang mobilisieren konnten.

Die AfD zieht nach der Wahl vom Sonntag mit 13,1 Prozent der Stimmen auch in den hessischen Landtag ein und ist damit bundesweit in allen Landtagen vertreten. Sie profitierte vor allem von vormaligen CDU-Wählern. 96.000 von ihnen entschieden sich dieses Mal für die AfD. Damit lockte die Partei 2018 mehr ehemalige CDU-Wähler, als sie bei der letzten Hessenwahl überhaupt gewonnen hatte. Auch die SPD verlor an die AfD, allerdings deutlich weniger als die Christdemokraten. Zudem konnte die AfD die meisten früheren Nichtwähler mobilisieren.

Die Linke profitierte am meisten von einer Abwanderung aus dem SPD-Lager. Die FDP jagte hingegen vor allem der CDU Wähler ab. Die größten Verluste müssen die Liberalen zu Gunsten der AfD hinnehmen. Die Grünen bekamen neben den Stimmen der ehemaligen SPD- und CDU-Wähler auch einen großen Anteil der Erstwähler (46.000 Stimmen), unter denen sie die mit Abstand beliebteste Partei sind.

Motive der Wahlentscheidung

Auf die Frage, ob die Wähler ihre Partei aus Überzeugung oder aus Enttäuschung über andere Parteien wählten, zeigten sich vor allem die CDU-Anhänger als vergleichsweise treu. 76 Prozent von ihnen gaben laut Infratest dimap Überzeugung als Wahlmotivation an. Bei SPD und Grünen waren es etwas weniger (66 und 65 Prozent), bei der AfD waren hingegen nur 29 Prozent wirklich überzeugt. Schwerer wog bei den AfD-Wählern in Hessen demnach die Enttäuschung über andere Parteien. 62 Prozent von ihnen gaben dies als Motivation an. Bei SPD und Grünen lag der Wert knapp unter 30 Prozent, bei der CDU nur bei 18 Prozent.

Vor allem die Jungen wählten die Grünen

Etwa jeder vierte Wähler der Grünen ist zwischen 18 und 24 Jahre alt. Im Vergleich zur Wahl 2013 ist das ein Plus von zwölf Prozent und der deutlichste Zuwachs. Auch das geht aus den Infratest-dimap-Daten hervor. Damit liegen die Grünen in der Altersklasse deutlich vorne, danach kommt die CDU mit 17 Prozent, bei der Linken, FDP und AfD ist nur jeder Zehnte dem jüngsten Wählerlager zuzurechnen.

CDU und Sozialdemokraten waren hingegen bei den Wählern, die schon 60 Jahre und älter sind, am erfolgreichsten. Die CDU bekam 35 Prozent ihrer Stimmen von älteren Wählern, bei den Genossen sind es 26 Prozent. Bei den Grünen sind es hier hingegen nur 14 Prozent. Die AfD holte aus dem Bereich der Wähler zwischen 35 bis 59 Jahren die meisten Stimmen.

Die FDP verbesserte sich in allen Altersgruppen unter 60 Jahren. Die Liberalen punkteten besonders in der jüngsten Wählergruppe, wo sie ein Ergebnis von zehn Prozent erreichten und sich um sechs Prozentpunkte verbesserten.

Die Altersstruktur der CDU-, SPD- und FDP-Wähler macht sich auch bei einer weiteren Wählerveränderung bemerkbar: Mindestens acht Prozent ihrer Wähler von 2013 sind seitdem verstorben.

CDU und SPD verloren etwa gleichviele Stimmen bei Männern und Frauen. Das Minus liegt bei beiden bei etwa elf Prozent. Am deutlichsten konnten die Grünen hingegen bei den weiblichen Wählern punkten (plus zehn Prozent), aber auch die AfD (plus sieben Prozent). Der Zuwachs für die AfD ist unter den Männern allerdings noch deutlicher. Da legte die Partei um elf Prozent zu und liegt nun bei 16 Prozent. Im Vergleich entschieden sich nur zehn Prozent der Frauen in Hessen für die AfD. In keiner anderen Partei ist der Unterschied so deutlich ausgefallen.

Ein Blick auf die Aufschlüsselung nach Tätigkeit zeigt: Nicht mehr die SPD, sondern die AfD ist bei den Arbeitern in Hessen die meistgewählte Partei. 22 Prozent von ihnen setzten ihr Kreuz bei den Sozialdemokraten, bei der AfD waren es 24 Prozent. Die Grünen hingegen bekamen mehr als ein Viertel ihrer Stimmen von Beamten, fast ebenso viele ihrer Wähler sind Angestellte oder Selbstständige. Die CDU punktete am meisten bei den Rentnern (37 Prozent). Die SPD holte ebenfalls unter den Rentnern ihre meisten Stimmen (28 Prozent).

Bei der Bildung der Wähler zeigt sich, dass vor allem solche mit hoher Bildung die Grünen wählten (26 Prozent). Die CDU liegt fast gleichauf mit den Grünen (25 Prozent). Wähler mit niedriger Bildung entscheiden sich vor allem für CDU (31 Prozent), SPD (27 Prozent) und die AfD (20 Prozent).

Gefragt nach der persönlichen wirtschaftlichen Lage gab fast ein Drittel der CDU-Wähler an, zufrieden zu sein. Bei den SPD-Wählern ist es jeder Fünfte, ebenso bei den Grünen. Menschen, die unzufrieden mit ihrer wirtschaftlichen Situation sind, entschieden sich besonders oft für die AfD (24 Prozent) und die SPD (21 Prozent).

insgesamt 83 Beiträge
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realistano 29.10.2018
1.
Es gibt nicht viel Alternativen . Daher ist doch nicht schlimm, wenn die CDU ler ihre Stimme lieber den Grünen vergeben,als an die AFD. Daher was soll diese Frage?
chewbakka 29.10.2018
2.
Das ist die Quittung für Behäbigkeit sowohl der SPD als auch der CDU. Die beiden einzigen Parteien, die wirklich Politik machen - nicht dass mir das gefällt - sind die Grünen und die AfD. Alle anderen lassen sich von denen vor sich hertreiben statt selber Politik zu gestalten - die verwalten nur. Sowohl die Grünen als auch die AfD malen ein Katastrophenszenario nach dem anderen an die Wand und versprechen natürlich auch gleich eine Lösung, die dann im Sinne ihrer eigenen politischen Agenda ist. Niemand hält vernünftig dagegen und bietet eigene Politik an, sondern es wird versucht, - je nach Stimmung - die Herausforderer auf ihrem eigenen Feld zu übertreffen. So wird das nichts! Es reicht halt nicht, lauf 'Populismus' zu rufen - dieser Wettbewerb ist nur durch aktive Politik zu geweinnen - wir sehen ja, daß sowohl die Poupilsten der AfD als auch die der Grünen mit ihrem Katastrophengeschrei Stimmen fangen. Und wo bleiben die ZIELVORSTELLUNGEN der anderen?
claus7447 29.10.2018
3. Schlechte Zeiten!
Die SPD hat es schon erwischt. Aber der CDU stehen schwere Zeiten bevor. Wenn die Analysen gestern richtig waren, sterben der CDU die Wähler weg. Denn JUNG und DYNAMISCH ist die CDU nicht. Zudem wird sie zwar nach außen einen neuen Anstrich bekommen mit Brinkhaus, bei dem Parteivorsitz bin ich mir nicht sicher ob AKK es macht - da gibt es zu viele die Ambitionen haben. Wenn Spähnchen den Handschuh in den Ring wirft lache ich mich tot! Dann macht die CDU die AfD light und kann gleich die CSU ins Land holen. Aber es wird um eine "vernünftige" Regierung zu bekommen wird es spannend. Die FDP hat unter Lindner keinerlei Programm aus Lindner (es sei den noch für gut bezahlte Randgruppen, ohne Sozialverständnis) - ob dann GRÜN die neue tragende Staatsrolle macht - man wird sehen, inwieweit sich dort die Flügel "zähmen" lassen muss man sehen. In BW hat es ja geklappt. Aber als CDU'ler würde ich mich schon mal warm anziehen und nicht zuviel Häme über der SPD ausschütten!
Rüdiger IHLE, Dresden 29.10.2018
4. Frau Merkel will nicht mehr ... und Friedrisch Merz kandidiert ..
für den Parteivorsitz ! Jetzt - so scheint mir - kommt Bewegung in die Sache !
frankfurtbeat 29.10.2018
5. etwas ...
etwas zu trivial finde ich die Feststellung "Vor allem junge und gebildete Menschen entschieden sich für die Grünen. Von der Unzufriedenheit der Wähler profitierte die AfD. Die Analyse." denn daraus entnehme ich das Wähler der AfD dann wohl eher älter und ungebildeter Natur sind? Man muss nicht rechts denken aber statements wie diese deuten auf "Diskriminierung auf die feine Art" ... grün = gebildet und rechts = ungebildet? So trivial ist das meinem Ermessen nach definitiv nicht zu differenzieren denn ich kenne viele gebildete Menschen die mit der Politik nicht zufrieden sind und eher der AfD zuzuordnen sind. Persönlich kann ich weder grün noch rechts wählen ... obwohl es Punkte bei beiden Seiten gibt welche meinen Vorstellungen entgegen kommen.
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