Landtagswahl in Hessen Der Ypsilanti-Faktor - links, weich, weiblich

Andrea Ypsilanti hat Chancen, Roland Koch als hessischen Ministerpräsidenten abzulösen. In Umfragen liegt die SPD-Kandidatin mit ihm gleichauf. Ihre Strategie: Sie inszeniert sich als die nette Alternative zum Hardliner. Das klappt nicht immer.

Von , Wiesbaden


Wiesbaden - Seniorenkaffee in Mühlheim am Main - die hessische SPD hat geladen. Die Gäste drängeln sich in die Gaststätte "Rote Warte". Nicht alle sind Genossen. Auch Wechselwähler und Unentschlossene warten auf Andrea Ypsilanti. Die Frau, die Ministerpräsident Roland Koch ablösen will.

So wie Osmonde Brehme. Die 64-Jährige nennt sich selbst eine Wechselwählerin. Als selbständige Krankengymnastin und Frau eines Unternehmers hat sie bislang zumeist die CDU gewählt, Koch könne sie allerdings nicht ausstehen. "Ypsilanti kann ich noch nicht einschätzen, die will ich mir heute mal angucken."

Um Koch zu schlagen, muss Ypsilanti Menschen wie Osmonde Brehme überzeugen. Zehn Tage vor der Landtagswahl hat der Endspurt begonnen. Nach der letzten Umfrage verfügt weder die SPD-Kandidatin noch Amtsinhaber Koch über eine eigene Mehrheit. Für die SPD ist bereits das ein Erfolg. Bei der Wahl 2003 waren die Sozialdemokraten mit 29,1 Prozent auf dem historischen Tiefpunkt angelangt. Um Koch abzulösen, inszeniert sich Ypsilanti als Gegenmodell zu Koch: Links, weich und weiblich.

Wie zeigt sie das in der "Roten Warte" zum Beispiel beim Thema Bildungspolitik? Sie sagt: "Das sage ich jetzt nicht nur als Politikerin. Da weiß ich auch als Mutter eines zwölfjährigen Jungen, wovon ich rede." Vereinzeltes Nicken, aber der Funke springt nicht über. Osmonde Brehme klatscht dreimal zaghaft in die Hände. Nach der Rede sagt sie: "Ich fand sie nicht gerade umwerfend, aber schon ganz gut." Sympathischer als Koch sei sie jedenfalls.

Eine gute Rednerin ist Ypsilanti tatsächlich nicht. Sie verhaspelt sich häufig, wirkt fahrig und unkonzentriert. Das wird umso deutlicher, als unmittelbar nach ihr Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck spricht. Der war immerhin mal für fünf Monate SPD-Vorsitzender. Platzeck hält eine offensive Rede, sagt, Wahlkampf mache ihm Spaß und fordert die Leute auf, Koch bei der Wahl einen Denkzettel zu verpassen. Osmonde Brehme ist begeistert: "Ein toller Redner. Vor dem habe ich großen Respekt." Nur steht er in Hessen nicht zur Wahl.

Ypsilanti verzieht das Gesicht. Nicht nur, dass Platzeck besser ankommt als sie - auch was er sagt, passt der Hessin nicht. Der Ministerpräsident lobt die Erfolge der Schröder-Regierung: "Es war nicht alles richtig, aber der Kurs hat gestimmt." Das sieht Ypsilanti ganz anders. Sie gehörte zu den härtesten innerparteilichen Kritikern der schröderschen Agenda-Politik. Was den Kanzler einmal zu der Bemerkung veranlasste, "von den Ypsilantis in der Partei" lasse er sich das Regieren nicht vorschreiben.

Locker sein - das fällt ihr schwer

So ist die dezidiert linke Kandidatin beim rechten Flügel der Partei auch nicht besonders beliebt. Lieber hätte man dort vor einem Jahr ihren Vorgänger als Fraktionschef, Jürgen Walter, zum Spitzenkandidat gemacht. Dazu kommt: Ypsilanti reißt niemanden mit, sie erzeugt keine Aufbruchsstimmung, bleibt insgesamt blass. Beim nächsten Termin - im Frankfurter Flughafen - fällt dies besonders auf. Vor der SPD-Betriebsgruppe redet sie kurz, damit Zeit für Fragen bleibe. Doch bereits nach vier Wortmeldungen muss Moderator Joachim Neiß feststellen: Niemand möchte Genossin Andrea mehr eine Frage stellen.

Und daran ist die Kandidatin selbst schuld. Wenn ihre Parteikollegen reden, wirkt sie abwesend. Sie hört nicht zu. Ihr Bemühen um Lockerheit schlägt fehl, sie spricht gestanzt und unnatürlich. Mehrfach wiederholt sie an diesem Tag einen Spruch ihrer Großmutter. Bezogen auf Kochs "schlechte Bilanz" bei der Jugendkriminalität sagt sie: "So was kommt von so was, hat meine Oma immer gesagt." Der Applaus ist dürftig, begeistern kann Ypsilanti die Basis mit solchen Sätzen nicht.

Fraglich bleibt zudem, wie Ypsilanti den Machtwechsel schaffen will. Rot-Grün alleine hatte bislang noch in keiner Umfrage die Mehrheit. Eine Koalition mit der Linkspartei schließt Ypsilanti ebenso kategorisch aus wie eine Große Koalition. Eher vorstellen könne sie sich eine Ampel-Konstellation, sagt sie. Es gebe ja auch noch die FDP. Doch deren Parteichef Jörg-Uwe Hahn hat eine Zusammenarbeit mit der SPD bereits mit Bestimmtheit ausgeschlossen. "Hahn eben", winkt sie verächtlich ab - mit Blick auf dessen Männerfreundschaft mit Roland Koch.

Doch um überhaupt in die Nähe eines Sieges gegen Koch zu kommen, muss sie die SPD zu einem starken Ergebnis führen. Bei einem Neujahrsempfang der SPD Ober-Ramstadt zeigt sich noch einmal, wie schwierig das wird. Sie wolle hier "keine richtige Wahlkampfrede halten", raunt Ypsilanti ihren Gastgebern zu. Da nicht nur Genossen da seien, wähle sie "lieber einen moderateren Ton". Doch der verfängt nicht. Die Gäste verschränken die Arme vor der Brust. Viele wirken gelangweilt.

Auch die mitreisenden Journalisten sind enttäuscht an diesem Tag. Über 50 haben sich für eine Bustour mit der Kandidatin eingefunden und hoffen auf ein kurzes Interview. Doch zur Überraschung aller fährt Ypsilanti die meiste Zeit gar nicht im Bus mit. Und steht deshalb auch nicht für Fragen zur Verfügung. Auf Beschwerden der Journalisten entgegnet ihr Sprecher lapidar: "Mehr als fragen kann ich sie nicht. Sie will es halt nicht."



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