Wahl in Hessen Herr Schmidt kandidiert für die SPD - und will kein Mitleid

Der SPD droht in Hessen die nächste Pleite. Trotzdem machen junge Menschen wie Marius Schmidt unverdrossen Wahlkampf - zwischen Hüpfburg, Gemüsestand und wütenden AfD-Rentnern. Warum tut er sich das an?

Marius Schmidt
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Aus Lampertheim berichtet


Wer zum Sozialdemokraten Marius Schmidt will, muss vorbei am Stand der Grünen, der CDU, der FDP, vorbei am Gemüsestand Sonnenhof und am Wagen der Metzgerei Blüm. Dort steht das Zelt der SPD.

Partei im Abseits. Auch hier, im südhessischen Lampertheim, läuft es nicht mehr rund für die SPD. Die Stadt hat etwa 33.000 Einwohner, früher war sie fest in der Hand der Sozialdemokraten. Nun liegt die einstige Dauerregierungspartei landesweit in Umfragen nur noch bei 20 Prozent. Und Marius Schmidt? Der hat als Direktkandidat nur geringe Chancen, in den Landtag einzuziehen.

An diesem Samstagmorgen hat Schmidt aber erst einmal ein Problem mit der Hüpfburg. Und dem Popcorn. Nichts ist da, wo es sein sollte. "Wo sind denn jetzt alle? Ist ja mal wieder typisch, dass wir als Einzige noch nicht aufgebaut haben," sagt Schmidt. Er läuft über den Marktplatz, schwarze Softshelljacke, Jeans, Sneakers ohne Markenlogo, auf der Suche nach den Genossen.

Hüpfburg und Popcorn, um die Gunst der Wähler zurückzugewinnen

Die kommen dann etwas später. Mit Hüpfburg und Popcornmaschine. Marius Schmidt begrüßt jeden persönlich, mit Handschlag. "Danke, dass du gekommen bist. Danke, danke." Schmidt sagt über sich selbst, er habe ein sonniges Gemüt, die Laune lasse er sich so schnell nicht verderben. Sein hessischer Dialekt nimmt seiner Sprache die Spitzen und macht weich, was hart klingt.

"Marius, hältst du noch durch?"
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"Marius, hältst du noch durch?"

Ein älterer Mann tritt heran, kariertes Hemd, Gehstock. Seine Familie habe immer die SPD gewählt, seit Generationen sei das so gewesen. "Aber jetzt - keiner mehr. Alle AfD", sagt er. Dann redet er sich in Rage, bis man Angst haben muss, dass er gleich seinen Stock gegen Schmidt erhebt. "Die Nahles, die Merkel, die sind doch alle gleich. Ihr schert euch doch alle nicht um uns", ruft er.

Schmidt steht da und schweigt, ab und an greift er in die Popcorntüte. Es ist Genosse Peter, der die Diskussion beginnt. Doch sie bleibt ohne Ergebnis, nach fünf Minuten dreht der frühere Stammwähler ab. Schmidt wendet sich Peter zu: "Solche Menschen erreicht man nicht mehr. Aber man muss sie trotzdem ernst nehmen. Immer versuchen, im Gespräch zu bleiben."

Einmal noch Dampf ablassen

Von dieser Art des Gesprächs bekommt die SPD momentan viel ab. An ihren Stand kommen die Wütenden gern. Einmal Dampf ablassen - dafür bietet sich die SPD an. Ihnen gegenüber stehen die Überzeugten, die die Partei trotz allem noch nicht aufgeben. Eine Frau legt Schmidt die Hand auf die Schulter. "Hältst du noch durch, Marius? Das ist ja alles schrecklich." Aber Schmidt will alles, nur kein Mitleid. "Am Sonntag feiern wir, egal wie das hier ausgeht." Das sagt er an diesem Tag häufig.

Seit sieben Monaten ist Schmidt im Wahlkampf. Weiht Kitas ein und verleiht Sozialpreise, fährt vom Schlachterfest zum Wochenmarkt, besucht Bürger an der Haustür. "Am 4. November 2017 wurde ich zum Kreisvorsteher gewählt. Seitdem rennen wir." Die Kosten des Wahlkampfs trägt er selbst. Falls er gewinnt, muss er die Auslagen der Partei für Kugelschreiber, Plakate und Popcorn komplett zurückzahlen. Sonst nur zur Hälfte. "Zum Glück kann ich in Raten zahlen. Andere machen eine Weltreise, ich mache Wahlkampf", sagt Schmidt.

Trotzdem: Zweifel an der Partei hört man selbst bei Schmidt heraus. Etwa, wenn Genosse Reimund fragt, wie es ihm geht. "Bei uns herrscht gerade Endzeitstimmung", sagt Schmidt. Und korrigiert sich dann schnell. "Endspurtstimmung, meine ich."

Oder wenn Juso-Freund Nico von ihm wissen will, ob er eigentlich für die Große Koalition war. Schmidt schüttelt stumm den Kopf und verdreht die Augen. "Jedenfalls bestätigen sich in dieser Hinsicht gerade meine schlimmsten Befürchtungen."

Man könnte es für billigen Politikersprech halten - aber Schmidt meint es ernst

Schmidt verpackt seine Kritik diplomatisch. "Wir machen ja keine schlechte Politik. Wir verkaufen sie nur schlecht." Versteht er den Frust über die Berliner SPD-Riege? "Wenn sich jemand wichtiger nimmt als die Position, die er ausfüllt, dann läuft etwas gewaltig schief."

Schmidt glaubt an die SPD, an den Wertekanon aus sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe. "Wenn ich den Tag nur für einen Menschen besser gemacht habe, dann habe ich mein Ziel erreicht", sagt er. Man könnte das für Politikersprech halten. Aber Schmidt ist 26. Er meint das ernst.

Überhaupt - würde man einen Werbefilm für die Sozialdemokratie drehen wollen, Schmidt könnte die Hauptrolle einnehmen. Geboren 1991 in eine Arbeiterfamilie in Lampertheim, das Geld reichte nie aus.

Als die Eltern sich trennten, wurde es noch knapper. Die Klassenreise sollte nach St. Johann in Tirol gehen, zum Skifahren. Allein die Fahrt kostete 300 Euro. "Meine Mutter hätte sich Geld von meinem Opa leihen müssen, um das zu bezahlen. Aber das wollte ich nicht", sagt Schmidt. Sie hätte es kaum zurückzahlen können. "Ich bin dann nicht mitgefahren. Das hat meine Mutter sehr getroffen."

"Nicht nur nach den Umfragen springen"

Das ist der Punkt, so erzählt es Schmidt, an dem er sich entschied: Ich will etwas verändern. Er trat in die SPD ein, 16 Jahre war er da. Wurde erst Juso-Chef, dann Kreisvorsteher. Machte sein Abitur, studierte in Mannheim Politikwissenschaft. Und jetzt eben der Versuch mit dem Landtag.

"Wir müssen den Leuten wieder zuhören"
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"Wir müssen den Leuten wieder zuhören"

An seiner Partei vermisst er die einfachen Dinge. "Wir müssen den Leuten wieder zuhören. Wir müssen uns selbst treu bleiben. Und nicht nur nach den Umfragen springen."

"Ein ziemlich entspannter Tag"

Schmidt hat den Marktplatz mit der Hüpfburg verlassen, ist über den Bauernmarkt spaziert, hat dort einen CDU-Wähler für sich einnehmen können - "das beste Ereignis des Tages" - hat das Repair-Café seiner Juso-Gruppe besucht, bei dem Bürger kaputte Gegenstände mit der Hilfe Freiwilliger reparieren; hat eine Tauschbörse eingeweiht; hat den Leerstand im Stadtzentrum angeprangert und Mannheims Oberbürgermeister getroffen; und hat das Grußwort bei einer Demo gegen die AfD gesprochen.

Es ist dunkel geworden und kühl, von den Feldern weht der Wind zwischen den Reihenhäusern. "Mist, jetzt habe ich mir eine Blase gelaufen." Schmidt humpelt die Straße entlang. Er ist jetzt seit knapp zwölf Stunden unterwegs. "Willst du ein Pflaster?" fragt Bianca von den Jusos, die neben ihm läuft. Schmidt richtet sich auf. "Das passt schon." Schmidt muss weiter.



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