SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

16. Oktober 2017, 12:35 Uhr

Landtagswahl Niedersachsen

Der Wähler als Sadist

Eine Kolumne von

Erst Schläge, dann wieder Zärtlichkeiten - was der SPD widerfährt, ist grausam. Der Wähler neigt zum Sadismus. Aber er ist auch gerecht: In Niedersachsen wurden nicht nur die Richtigen belohnt - sondern auch die Richtigen bestraft.

In Niedersachsen kam die SPD bei der Landtagswahl auf 36,9 Prozent der Stimmen. Bei der Bundestagswahl waren es in dem Land nur 27,4 Prozent. Ein Zuwachs von fast zehn Prozentpunkten in drei Wochen - das erklärt sich nicht nur aus dem Unterschied von Land und Bund. Dahinter steckt mehr.

Sadismus wäre eine Variante. Vielleicht finden die Wähler ein grausames Vergnügen daran, die Sozis erst von sich zu stoßen und sie dann gleich wieder an die Brust zu ziehen. Doublebind nennt man solche paradoxen Beziehungen, die etwa durch die rasche Abfolge von Nähe und Entfremdung gekennzeichnet sind. Wenn man "Ich liebe Dich" sagt und sich gleichzeitig abwendet, ist das die klassische Doublebind-Situation. Auf die Dauer führt das in den Wahnsinn. Es ist schwierig, dem Doublebind zu entrinnen: Was man auch macht, es ist falsch. Welche Lehre sollen die Sozis aus der Niederlage von Berlin ziehen - und welche aus dem Sieg von Hannover?

Da muss man ja wuschig werden. Kein Wunder also, wenn demnächst ganz viele Sozialdemokraten zum Therapeuten rennen. Und was würde der Therapeut ihnen raten? Selbstbesinnung! Die SPD muss sich finden. Jeder, der das mal versucht hat, weiß: Das ist keine Kleinigkeit. Der Erfolg in Niedersachsen sorgt jetzt für ein wenig Ruhe. Die Genossen sollten das nutzen: Behaltet jetzt die Nerven - und vor allem, behaltet euren Parteivorsitzenden! Erspart uns die elenden Personaldebatten. Niemand löst die Probleme, die er mit sich selber hat, wenn er sich dauernd ein neues Gspusi sucht. Für Parteien gilt dasselbe. Martin Schulz ist in den kommenden vier Jahren der Schattenkanzler. Er ist der Vorsitzende und damit der natürliche Kandidat. Alles andere würde Verzettelung bedeuten, Unklarheit.

Außerdem gilt natürlich: Der nächste SPD-Kandidat, der gegen Merkel antritt, hat automatisch gute Chancen: Denn die Kanzlerin ist ja geschwächt. Sie hat die Bundestagswahl ja nicht wirklich glorios gewonnen - sie hat sie nur nicht so elend verloren wie die SPD. Das genügte schon. Nun schleppt sie sich müde, an ihrem Stuhl klebend, in ihre vierte und letzte Amtszeit. Dass eine fünfte folgt, können sich selbst glühende Merkelianer nicht vorstellen. Den Moment, ihre Macht in Würde abzugeben, hat sie damit, wie so viele Vorgänger, verpasst. Frauen sind eben auch nur Männer.

Das sind so die Lehren einer Wahl in der Provinz. Aber es gibt noch eine: Die Wähler können nicht nur grausam sein, sondern auch gerecht.

Denn der Wahl ging ja ein Verrat voraus. Und auf Verrat steht der Wähler in Niedersachsen offenbar nicht. Obwohl man in der Vergangenheit ja die dollsten Geschichten aus Hannover gehört hat (Schröder, Maschmeier, Wulff).

Die ganze Wahl war nur notwendig geworden, weil eine Abgeordnete der Grünen zur CDU rübergemacht hatte und damit die rot-grüne Mehrheit verloren gegangen war. Die CDU hatte die Seitenwechslerin Elke Twesten im Sommer herzlich empfangen. Zu herzlich. Auch wenn Angela Merkel die CDU aller konservativen Werte entkleidet haben mag, ein bisschen mehr Ehrgefühl erwarten die Wähler schon noch von ihrer Partei.

Frau Twesten selbst ist übrigens jetzt nicht mehr im Landtag. Tatsächlich will sich die Frau, die dem Land die Suppe eingebrockt hat, aus der Berufspolitik zurückziehen. Es heißt, sie habe sich an der privaten Fachhochschule Buxtehude eingeschrieben, um "Führungskompetenz" zu studieren. Wulf Schmiese, Reporter des ZDF, sprach den schönsten Satz des Abends, als er ihr hinterherrief: "Aber Sie bleiben in der CDU, vermute ich."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung