Landtagswahl Niedersachsen Der Wähler als Sadist

Erst Schläge, dann wieder Zärtlichkeiten - was der SPD widerfährt, ist grausam. Der Wähler neigt zum Sadismus. Aber er ist auch gerecht: In Niedersachsen wurden nicht nur die Richtigen belohnt - sondern auch die Richtigen bestraft.

SPD-Chef Schulz, Wahlsieger Weil
REUTERS

SPD-Chef Schulz, Wahlsieger Weil

Eine Kolumne von


In Niedersachsen kam die SPD bei der Landtagswahl auf 36,9 Prozent der Stimmen. Bei der Bundestagswahl waren es in dem Land nur 27,4 Prozent. Ein Zuwachs von fast zehn Prozentpunkten in drei Wochen - das erklärt sich nicht nur aus dem Unterschied von Land und Bund. Dahinter steckt mehr.

Sadismus wäre eine Variante. Vielleicht finden die Wähler ein grausames Vergnügen daran, die Sozis erst von sich zu stoßen und sie dann gleich wieder an die Brust zu ziehen. Doublebind nennt man solche paradoxen Beziehungen, die etwa durch die rasche Abfolge von Nähe und Entfremdung gekennzeichnet sind. Wenn man "Ich liebe Dich" sagt und sich gleichzeitig abwendet, ist das die klassische Doublebind-Situation. Auf die Dauer führt das in den Wahnsinn. Es ist schwierig, dem Doublebind zu entrinnen: Was man auch macht, es ist falsch. Welche Lehre sollen die Sozis aus der Niederlage von Berlin ziehen - und welche aus dem Sieg von Hannover?

Da muss man ja wuschig werden. Kein Wunder also, wenn demnächst ganz viele Sozialdemokraten zum Therapeuten rennen. Und was würde der Therapeut ihnen raten? Selbstbesinnung! Die SPD muss sich finden. Jeder, der das mal versucht hat, weiß: Das ist keine Kleinigkeit. Der Erfolg in Niedersachsen sorgt jetzt für ein wenig Ruhe. Die Genossen sollten das nutzen: Behaltet jetzt die Nerven - und vor allem, behaltet euren Parteivorsitzenden! Erspart uns die elenden Personaldebatten. Niemand löst die Probleme, die er mit sich selber hat, wenn er sich dauernd ein neues Gspusi sucht. Für Parteien gilt dasselbe. Martin Schulz ist in den kommenden vier Jahren der Schattenkanzler. Er ist der Vorsitzende und damit der natürliche Kandidat. Alles andere würde Verzettelung bedeuten, Unklarheit.

Landtagswahl Niedersachsen 2017

Vorläufiges Endergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
CDU
33,6
-2,4
SPD
36,9
+4,3
Grüne
8,7
-5
FDP
7,5
-2,4
Die Linke
4,6
+1,5
AfD
6,2
+6,2
Sonstige
2,5
-2,2
Sitzverteilung
Insgesamt: 137
Mehrheit: 69 Sitze
55
12
50
11
9
Quelle: Landeswahlleiter

Außerdem gilt natürlich: Der nächste SPD-Kandidat, der gegen Merkel antritt, hat automatisch gute Chancen: Denn die Kanzlerin ist ja geschwächt. Sie hat die Bundestagswahl ja nicht wirklich glorios gewonnen - sie hat sie nur nicht so elend verloren wie die SPD. Das genügte schon. Nun schleppt sie sich müde, an ihrem Stuhl klebend, in ihre vierte und letzte Amtszeit. Dass eine fünfte folgt, können sich selbst glühende Merkelianer nicht vorstellen. Den Moment, ihre Macht in Würde abzugeben, hat sie damit, wie so viele Vorgänger, verpasst. Frauen sind eben auch nur Männer.

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Landtagswahl in Niedersachsen: Lange Gesichter bei der CDU, Jubel bei der SPD

Das sind so die Lehren einer Wahl in der Provinz. Aber es gibt noch eine: Die Wähler können nicht nur grausam sein, sondern auch gerecht.

Denn der Wahl ging ja ein Verrat voraus. Und auf Verrat steht der Wähler in Niedersachsen offenbar nicht. Obwohl man in der Vergangenheit ja die dollsten Geschichten aus Hannover gehört hat (Schröder, Maschmeier, Wulff).

Die ganze Wahl war nur notwendig geworden, weil eine Abgeordnete der Grünen zur CDU rübergemacht hatte und damit die rot-grüne Mehrheit verloren gegangen war. Die CDU hatte die Seitenwechslerin Elke Twesten im Sommer herzlich empfangen. Zu herzlich. Auch wenn Angela Merkel die CDU aller konservativen Werte entkleidet haben mag, ein bisschen mehr Ehrgefühl erwarten die Wähler schon noch von ihrer Partei.

Frau Twesten selbst ist übrigens jetzt nicht mehr im Landtag. Tatsächlich will sich die Frau, die dem Land die Suppe eingebrockt hat, aus der Berufspolitik zurückziehen. Es heißt, sie habe sich an der privaten Fachhochschule Buxtehude eingeschrieben, um "Führungskompetenz" zu studieren. Wulf Schmiese, Reporter des ZDF, sprach den schönsten Satz des Abends, als er ihr hinterherrief: "Aber Sie bleiben in der CDU, vermute ich."

insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
apfelkorn 16.10.2017
1. Die Glorreichen und die Seligen.
Mögen die Gedanken ihren freien Lauf nehmen: Morgen kommt alles an den Tag, was man heute noch nicht mag.
johnnypistolero 16.10.2017
2. nicht Sadist, sondern Masochist...
der Wähler ist nicht der Sadist, dagegen hat aber Martin Schulz ganz klare masochistische Tendenzen... Er kam als Heilsbringer, man wollte ihn nicht, aber wegmobben kann man ihn auch nicht. Er wird verbal bespuckt, verprügelt.... und zeigt doch immer wieder sein schwammiges Gesicht, welches auch konform mit seinen Aussagen zu Politik ect. läuft... Vielleicht sollte Herr Schulz sich irgendwo im Bundestag verkriechen und einen Platz als SPD Wasserträger einnehmen, wie es viele Politiker der großen Parteien machen... und sich mit knapp €10000 "Diät" pro Monat unterbezahlen lassen....
eisfuchs 16.10.2017
3. Schwacher Kommentar
...und schwacher Wähler, wenn er danach seine Wahl träfe. Ich traue dem Wähler allerdings mehr zu. Ich hätte selbst ganz sicher nicht SPD gewählt, aber ich kann zumindest nachvollziehen warum man das tut. Alleine um die CDU abzustrafen: das hat der Niedersachse offenbar nicht gewollt. Dann wären die Stimmen nämlich bei der AfD gelandet. Aber ich glaube nicht, dass es um Frau Twesten ging, es ging auch nicht um sowas wie Ehrgefühl. Und schon gar nicht um den Bund. Im Gegenteil. Der Niedersachse ist konservativ. Das heißt aber nicht, dass er CDU wählen müsste. Das heißt, dass er gute Gründe will, warum er eine Regierung abwählt. Wann änderten sich die Stimmungswerte für die CDU? Als eine Wahl absehbar wurde. Die eigentliche hätte ja sonst erst im neuen Jahr stattgefunden. Und warum war das wirklich wichtig? Weil es jetzt um Inhalte ging. Die CDU musste vorlegen, warum sie besser sind als die SPD-Regierung. Und das wurde leider nicht geschafft. gerade Schulpolitik ist mit das wichtiges Landesthema. Aber gerade da konnte der ehemalige Kultusminister Althusmann nicht punkten, weil er scheinbar keine überzeugend Vorstellung zeigen konnte. Und damit war es eigentlich gelaufen.
meinungsforscher 16.10.2017
4. Beleidigte Leberwurst
Die CDU sollte jetzt so reagieren wie die SPD nach der BTW: ab in die Opposition: soll der Herr Weil doch gucken wie er klar kommt...
lachina 16.10.2017
5.
Herr Schulz NACH der Bundestagswahl war ein ganz anderer als VOR der Bundestagswahl: selbstsicher, bissig, klare Kante gegen Frau Merkel....so dass in der Heuteshow dann auch schon der satirische Satz fiel: "Also den hätte ich mir gut als Kanzlerkandidat vorstellen können." Kann es sein, dass die Wähler nicht in einem Double- Bind gefangen sind, sondern die Position einer SPD in der Opposition honorieren?
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