Wahl-Analyse Fünf Gründe für das Sachsen-Ergebnis

Die AfD sammelt die Denkzettel-Wähler ein, die braune Stammwählerschaft schrumpft. Die CDU bringt ihre Direktkandidaten durch - mit einer Ausnahme. Fünf Faktoren, die das Ergebnis in Sachsen entschieden haben.

1. AfD-Triumph in der Grenzregion

Aus dem Stand auf fast zehn Prozent - die Alternative für Deutschland ist der große Gewinner in Sachsen. Als Protestpartei griff die AfD viele Stimmen bei etablierten Parteien ab, besonders die CDU verlor viele Wähler an die Erzkonservativen (33.000).

Vor allem in der Nähe der tschechischen Grenze war die AfD erfolgreich: In der Gemeinde Dürrhennersdorf feierte sie ihren größten Erfolg, 33,6 Prozent der Zweitstimmen gingen hier an die Partei um Spitzenkandidatin Frauke Petry. Aber auch in Großschweidnitz und Deutschneudorf ist die AfD auffällig stark - auf Kosten der Liberalen, die in den drei Gemeinden herbe Verluste hinnehmen müssen.

2. Der bunte Fleck im schwarzen Sachsen

Ganz Sachsen ist in der Hand der CDU-Direktkandidaten - wenn da nicht der eine kleine Wahlkreis im Nordwesten des Landes, Leipzig 2, wäre. Dort schaffte Juliane Nagel von den Linken ein bemerkenswertes Ergebnis: Im Süden Leipzigs erkämpfte die 35-Jährige mit 28,3 Prozent das einzige Direktmandat ihrer Partei, die mit knapp 19 Prozent nun Oppositionsführerin im Freistaat ist. Vor fünf Jahren hatte die Linkspartei noch zwei Wahlkreise direkt geholt: Leipzig und Chemnitz.

Ein Direktmandat bekam die CDU nicht

Ein Direktmandat bekam die CDU nicht

Foto: SPIEGEL ONLINE

3. CDU holt sich Leihstimmen von der FDP zurück

Die Christdemokraten sind unter die 40-Prozent-Marke gerutscht, eigentlich kein Grund zum Feiern. Ministerpräsident Stanislaw Tillich lobte dennoch das "super Ergebnis", auch wenn es das schlechteste für seine Partei seit 1990 ist. Zwar konnte die CDU in allen Altersgruppen Wähler gewinnen, doch nach wie vor gilt die Tendenz: Je älter die Menschen werden, desto eher wählen sie CDU. Anders die AfD: Diese punktete bei den jungen Bürgern, den 18- bis 24-Jährigen.

Zudem hat die CDU Probleme mit Wählern, die sich abwenden. Neben den vielen AfD-Überläufern entschieden sich 22.000 CDU-Wähler, dieses Mal nicht abzustimmen. Kurios: Hatte die CDU vor fünf Jahren noch 34.000 Stimmen an die damals starke FDP verloren, gewann sie dieses Mal 20.000 von den Liberalen wieder zurück.

Die Gewinne und Verlust der CDU - die Wählerwanderungsgrafik

Die Gewinne und Verlust der CDU - die Wählerwanderungsgrafik

Foto: SPIEGEL ONLINE

4. Es ist Wahl - und kaum einer geht hin

Die stärkste Kraft in Sachsen sind einmal mehr die Nichtwähler. Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten stimmte überhaupt ab: 49,2 Prozent. Erst ein Mal lag die Quote bei einer Landtagswahl noch niedriger, 2006 gingen nur 44,4 Prozent der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt an die Urnen. Bezieht man die Nichtwähler in Sachsen mit ein und berechnet die Anteile der Parteien an allen Wahlberechtigten, ergibt sich folgendes Bild:

Als Grund für ihre Wahlabstinenz sagten 85 Prozent der befragten Sachsen den Meinungsforschern von Infratest dimap zufolge: "Es gibt zwar viele Parteien, aber keine, die etwas verändert" (85 Prozent); "Politiker verfolgen nur ihre eigenen Interessen" (77 Prozent). Ein weiterer Grund könnte auch der Termin gewesen sein: Die schwarz-gelbe Regierung hatte den Wahltag auf den letzten Ferientag gelegt.

5. Braune Kernwählerschaft bröckelt

Die NPD ist in Sachsen landesweit so etabliert wie nirgendwo sonst in der Bundesrepublik - allerdings gibt es ein großes Stadt-Land-Gefälle. In Dresden, Leipzig und Chemnitz können die Rechtsextremen kaum punkten, ihre Hochburgen liegen in den Kreisstädten und kleineren Orten. Rund 100 Mandate in Kreistagen und Gemeinderäten stellt die NPD im Freistaat (bundesweit sind es insgesamt 330).

Auch bei dieser Wahl schaffte sie trotz der starken Konkurrenz der AfD und allerlei Affären noch 4,95 Prozent, mehr als 80.000 Stimmen. Das sind knapp 20.000 Stimmen weniger als bei der Wahl vor fünf Jahren. Dabei mobilisierte die NPD vor allem die eigenen Leute nicht ausreichend: Zwar gewann sie 12.000 Stimmen von allen Konkurrenzparteien hinzu, doch 10.000 ihrer ehemaligen Wähler blieben zu Hause - und 13.000 wählten lieber Protest bei der AfD. Am Ende fehlten den Rechtsextremen 809 Stimmen für den Wiedereinzug.

Interessant wird sein, wie sich der Rauswurf der NPD aus dem Landtag auf die Wahrnehmung der Partei in der Bevölkerung auswirken wird. Bisher sind 23 Prozent der Befragten in Sachsen laut Infratest dimap der Meinung, die NPD sei eine demokratische Partei wie jede andere auch.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.