Nikolaus Blome

AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt Schrei nach Liebe

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Der Ostbeauftragte hatte doch recht. Die AfD-Stammwählerschaft ist ziemlich stabil. Sie findet nämlich keine Frauen mehr.
Teilnehmer einer AfD-Wahlveranstaltung in Bitterfeld-Wolfen, 5. Juni 2021

Teilnehmer einer AfD-Wahlveranstaltung in Bitterfeld-Wolfen, 5. Juni 2021

Foto: Sebastian Kahnert / picture alliance / dpa

Eigentlich müsste die Berliner Politprominenz heute bei Marco Wanderwitz durchläuten und »Entschuldigung« sagen. Wir erinnern uns: Der Ostbeauftragte der Bundesregierung hatte Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erklärt, dass in bestimmten ostdeutschen Milieus »gefestigte nichtdemokratische Ansichten« gepflegt würden. Wanderwitz sprach in der »FAZ« von Menschen, »die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach 30 Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind«. Und er sagte, dass nur ein geringer Teil der AfD-Wähler »potenziell rückholbar« sei, es bleibe nur das Hoffen auf »die nächste Generation«.

Dafür bezog er öffentlich so viel Prügel, dass er – ansonsten keineswegs mundfeige – weitere Interviews vor der gestrigen Wahl nicht mehr geben mochte. Ein Ostbeauftragter, der zum Osten sicherheitshalber schweigt? Auch das kriegt die Kanzlerin hin.

Die AfD also hartleibig über 20 Prozent, aber allseits Aufatmen, weil der »Durchmarsch« ausgeblieben ist, im Ernst? Mir scheint, gerade SPD und Linkspartei haben die AfD als Problem allein der CDU geframed. Die hat bei 37 Prozent aber nun wahrlich keines, weshalb die AfD als Problem vorerst entfällt, zumindest aus der arg bequemen Selbstsicht der linken Wahlverlierer. Dabei erwiesen sich von den 2016er AfD-Wählern 2021 tatsächlich nur recht wenige als »rückholbar«, die Partei verlor von über 24 Prozent bloß 3,5 Punkte. Zweitens gehört die erfolgreiche AfD Sachsen-Anhalt zum Rechtsaußen-»Flügel« der Partei, weshalb man »gefestigte nichtdemokratische Ansichten« und eine gewisse Sehnsucht nach Fackelmärschen durch das Brandenburger Tor oder grüne Hipster-Viertel durchaus unterstellen darf, der Verfassungsschutz tut es ja auch.

Welche der Wähler, letzter Wanderwitz-Punkt, DDR-»diktatursozialisiert« sind, halte ich für eine zweitrangige Frage. Laut Umfragen sagen ja auch ein Viertel der nach der Wende geborenen Ostdeutschen, dass das Leben in der DDR (das sie nur aus Erzählungen kennen) besser gewesen sei als das im vereinten Deutschland. »Dann geht doch nach drüben!« möchte man ihnen zurufen, doch das »Drüben« ist vor mehr als 30 Jahren an sich selbst zugrunde gegangen. Also nicht vergessen: Heute kurz mal bei Marco Wanderwitz durchläuten und »Entschuldigung« sagen.

Gut ausgebildete Frauen suchen sich in der Regel Partner mit ähnlichem Bildungsniveau. So bleiben vornehmlich die nicht so hellen Kerzen alleine stehen.

Ein sattes Fünftel wählt also AfD, aber warum? Das Treuhand-Trauma, die fehlende »Ossi-Quote« in Unis, Spitzenbehörden oder im TV, real abgehängte Landstriche, zu wenig gute bezahlte Industriearbeiterjobs: Routiniert werden ein weiteres Mal Erklärungen dafür herumgereicht, weshalb so viele Bürger im Osten für eine menschen- und vernunftfeindliche Partei stimmen, die in 18 Monaten Coronakrise absolut nichts zu bieten hatte außer Maskenwut. Im Westen dagegen schafft die Partei auch in vergleichbaren Gegenden nur noch weniger als halb so viel. Darum Obacht, hier kommt ein verwegener Gedanke: Wen die Menschen in Sachsen-Anhalt wählen, könnte auch damit zusammenhängen, wer in Sachsen-Anhalt wählt.

Laut der großen Regierungsstudie zu 30 Jahren Deutsche Einheit wohnten 2019 in sechs deutschen Bundesländern weniger Menschen als 1991, die fünf ostdeutschen gehören dazu. Sachsen-Anhalt traf es von allen am härtesten, das Land büßte unterm Strich ein Viertel der Bevölkerung ein. Und man ahnt, es waren nicht so sehr die Doofen, die gingen, es waren überproportional viele gut ausgebildete Frauen. Im Vergleich zum Westen »führen ostdeutsche Männer weit häufiger ihren Haushalt allein – und dies über fast alle Altersgruppen hinweg. Hier zeigen sich immer noch die Spätfolgen der starken Abwanderung junger Frauen (…)«, heißt es darum in der Regierungsstudie von 2020.

Bereits 2009 wies eine andere Untersuchung einen Männerüberschuss von bis zu 25 Prozent in ostdeutschen Regionen nach, bestehend überwiegend aus eher schlecht ausgebildeten und eher arbeitslosen Vertretern ihrer Gattung. »Dieser Frauenmangel ist europaweit einzigartig«, sagte damals ein Autor der Studie des Berlin-Instituts. »Selbst Polarkreisregionen im Norden Schwedens und Finnlands reichen an die ostdeutschen Werte nicht heran.« Polarkreisregionen… Wissenschaftler können so hart sein.

»Oversexed but underfucked« hieß vor zehn Jahren ein soziologisches Werk, und letzteres scheint statistisch gesehen auf einen Teil der ostdeutschen Männergesellschaft zuzutreffen. Denn auch das ist wissenschaftlich erforscht und erwiesen: Gut ausgebildete Frauen suchen sich in der Regel Partner mit ähnlichem Bildungsniveau, im Status »herunter zu heiraten« kommt für sie deutlich seltener infrage als für gut ausgebildete Männer. So bleiben vornehmlich die nicht so hellen Kerzen alleine stehen, Frank Schirrmacher schrieb 2006 dazu: »Männer im heiratsfähigen Alter, die keine Chance haben, eine Partnerin zu finden, sind anfälliger für Depressionen, für Aggressivität, Gewalt, männerbündisches Verhalten und politischen Extremismus, dafür sprechen alle Belege.« Geht es Ihnen auch so: Man kann nicht aufhören, an größere Teile der AfD-Wählerschaft zu denken, wenn man das alles zur Kenntnis nimmt. In jeder Altersgruppe unter 45 Jahren lag die AfD am Sonntag entweder nahezu gleichauf oder vor der CDU. Und bei keiner anderen Partei überwog die Zahl ihrer männlichen Wähler die Zahl der weiblichen so klar wie bei der AfD.

Daraus kann man allerlei Schlüsse ziehen, nur einen nicht: Man wird vom weiblichen Teil der Gesellschaft nicht verlangen können, sich für- und vorsorglich mit ostdeutschen Dumpfsemmeln zu verehelichen. Aber, nur um es mal gesagt zu haben: Gegen AfD-Ergebnisse wie in Sachsen-Anhalt könnte es vermutlich helfen.

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