Wählerwanderung in Sachsen-Anhalt Wo die vielen CDU-Stimmen herkommen

Fast siebeneinhalb Prozentpunkte mehr als 2016: Die CDU in Sachsen-Anhalt profitiert von der Unterstützung einstiger Nichtwähler. Wem jagten die Christdemokraten sonst noch Stimmen ab? Die Wählerströme im Detail.

»Is' ja noch mal jut gegangen«, sagte Reiner Haseloff, als der CDU-Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt feststand. Für den Ministerpräsidenten war es auch ein persönlicher Triumph : Seine CDU kommt auf 37,1 Prozent der Stimmen, 7,4 Prozentpunkte mehr als 2016. Dieser Zugewinn speist sich aus den Verlusten von SPD, Linke und AfD. Aber auch viele frühere Nichtwähler haben sich für die Christdemokraten entschieden.

Das geht aus der Analyse zur Wählerwanderung von Infratest dimap für die ARD hervor. Das Wahlforschungsinstitut berechnet sie auf Grundlage eigener Befragungen, des vorläufigen Endergebnisses sowie weiterer amtlicher Statistiken. Die Werte sind eine grobe Schätzung dafür, wie viele Wählerinnen und Wähler eine Partei im Vergleich zur vorherigen Wahl halten konnte, wie viele zu anderen Parteien abgewandert und wie viele zugewandert sind.

Quelle: Infratest dimap für die ARD (Schätzung auf Basis von Vor- und Nachwahlbefragungen, Wahl- und Bevölkerungsstatistiken)

Bei der CDU fällt besonders der Zustrom von rund 61.000 Menschen ins Auge, die vor fünf Jahren nicht an der Wahl teilgenommen haben. Selbst wenn man rund 24.000 ehemalige CDU-Wähler abzieht, die diesmal keine Stimme abgaben, entspricht das im Saldo immer noch einem deutlichen Plus von 37.000 Stimmen.

Von AfD, SPD und Linke kamen im Saldo insgesamt weitere rund 45.000 Stimmen für die Christdemokraten hinzu. Die CDU eroberte fast alle Direktmandate von der AfD zurück. Und schließlich konnte die Partei von Ministerpräsident Haseloff etwa zwei Drittel ihrer Wähler von 2016 halten, so viele wie keine andere Partei.

Die AfD kommt im vorläufigen Endergebnis auf 20,8 Prozent, 3,4 Punkte weniger als 2016. Laut Wählerwanderung steckt hinter diesem Verlust vor allem die Abwanderung früherer Wählerinnen und Wähler zur CDU – im Saldo sind es 16.000 Menschen. Darüber hinaus gibt es kleinere Abwanderungen in verschiedene Richtungen, unter anderem zur FDP.

Linke verliert deutlich

Die Linke hat bei dieser Wahl am deutlichsten an Zustimmung verloren: Sie kommt auf nur noch elf Prozent, ein Minus von 5,3 Punkten. Die Partei verliert an alle politischen Konkurrenten mehr Wähler, als sie von ihnen gewinnen konnte. Besonders schwer wiegt die Abwanderung von saldiert rund 14.000 Wählerinnen und Wählern an die CDU. Aber auch an das Lager der Nichtwähler verliert die Linke rund 10.000 ehemalige Unterstützer.

Die Partei führt das Ergebnis auch auf die Polarisierung zwischen CDU und AfD zurück. Diese habe dazu geführt, dass viele Menschen lieber CDU gewählt hätten, sagte etwa Dietmar Bartsch, neben Janine Wissler Linken-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl.

Die SPD muss mit gerade 8,4 Prozent der Stimmen ein historisch schlechtes Ergebnis hinnehmen. Das sind noch einmal 2,2 Prozentpunkte weniger als vor fünf Jahren. Ähnlich wie bei der Linken gingen Stimmen vor allem zugunsten der CDU (im Saldo minus 15.000) und des Nichtwählerlagers (minus 7000 Stimmen) verloren.

Die Grünen verbessern sich im Vergleich zu 2016 leicht und kommen auf 5,9 Prozent, ein Plus von 0,8 Punkten. Die größte Zuwanderung kommt von der Linken: Im Saldo entschieden sich rund 6000 einstige Wählerinnen und Wähler der Genossen diesmal für die Grünen.

Für die FDP bedeutet die Steigerung um 1,6 Punkte auf 6,4 Prozent, dass sie nach zehn Jahren Abwesenheit wieder im Magdeburger Landtag vertreten ist. Die Zuwächse setzen sich aus gänzlich gegensätzlichen Lagern zusammen: Im Saldo stimmten jeweils rund 4000 frühere Wähler der AfD und der Linken diesmal für die Liberalen.

Unter den Erstwählern finden sich besonders viele Unterstützerinnen und Unterstützer für FDP und Grüne. CDU und AfD schneiden bei den Jungen schwächer als im Gesamtergebnis ab. Rund die Hälfte der Erstwähler hat von ihrem neu erworbenen Stimmrecht laut Wanderungsanalyse keinen Gebrauch gemacht. So lagen AfD (17 Prozent) und CDU (18 Prozent) bei den 18- bis 24-Jährigen beinahe gleichauf.

AfD bei 25- bis 34-Jährigen besonders stark

Der Blick auf das Wahlverhalten verschiedener Altersgruppen zeigt, dass bei den 35- bis 44-Jährigen etwas mehr Menschen für die CDU als für die AfD stimmten. In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen war die AfD besser als die Christdemokraten (22 Prozent) und mit 27 Prozent stärkste Partei. Damit ist die AfD am beliebtesten bei Personen, die die DDR nicht mehr erlebt haben – oder zu der Zeit Kinder waren.

Das widerspricht der These, die der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz (CDU) im Vorfeld der Wahl getroffen – und die für viel Kritik auch in der eigenen Partei gesorgt hatte. Wanderwitz hatte die teils hohen Wahlerfolge der AfD auch damit erklärt, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt »teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind«.

Rentner stimmen für CDU

Für den Wahltriumph der CDU waren vor allem die älteren Wählerinnen und Wähler entscheidend. In diesen Gruppen holten die Christdemokraten ihre besten Ergebnisse. Der Stimmanteil bei Menschen ab 60 Jahren lag bei 46 Prozent.

Unterschieden nach Tätigkeit konnten die Christdemokraten dementsprechend vor allem bei Rentnern punkten. Auch Beamte und Angestellte wählten vor allem CDU. Die AfD kann dagegen in Sachsen-Anhalt beanspruchen, die Partei der Arbeitslosen (38 Prozent) und Arbeiter (34 Prozent) zu sein – hier ist sie jeweils stärkste Partei.

Dementsprechend verteilen sich die Wähleranteile nach wirtschaftlicher Lage. Die CDU erhält vor allem Zuspruch von Personen, die ihre wirtschaftliche Lage als »eher gut« beurteilen.

Die AfD hat dagegen in der Gruppe, die ihre wirtschaftliche Lage als »eher schlecht« erachtet, besonders viele Unterstützerinnen und Unterstützer. Bei den anderen Parteien ist das Verhältnis meist nahezu ausgeglichen – lediglich die FDP hat deutlich mehr Zuspruch von Leuten, die ihre wirtschaftliche Lage positiv sehen.

Die Aufschlüsselung nach Bildungsgrad zeigt, dass die CDU sowohl bei Personen mit einfacher (41 Prozent) als auch bei Menschen mit hoher Bildung (34 Prozent) punktet. Bei der AfD-Wählerschaft dagegen war der Anteil der Menschen mit einfacher Bildung (25 Prozent) fast doppelt so hoch wie der Anteil von Personen mit hohem Bildungsgrad. Grüne und FDP wurden dagegen besonders von Menschen mit hoher Bildung gewählt.

Viele Frauen stimmen für CDU

Das Wahlergebnis der CDU zeigt, dass ihr geringer Frauenanteil  offenbar für Wählerinnen keine abschreckende Wirkung hatte. Nur neun von 41 Direktkandidaten waren weiblich.

Die Partei war bei Wählerinnen aber sogar beliebter als bei Wählern: 41 Prozent der Frauen, aber nur 33 Prozent der Männer stimmten für die Christdemokraten.

Die AfD wählten dagegen wie bei vergangenen Wahlen mehr Männer. Bei Wählern lag der Stimmanteil bei 26 Prozent, bei Frauen war er zehn Punkte niedriger. Bei den anderen Parteien gab es keine großen Unterschiede beim Wahlverhalten der Geschlechter.

Auch nach der Landtagswahl werden in Sachsen-Anhalt deutschlandweit die wenigsten Frauen im Parlament sitzen. Ihr Anteil dürfte knapp 22 Prozent betragen.

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