Stefan Kuzmany

Rätsel Osten Unsere Brüder und Schwestern von drüben

Jetzt haben diese Ossis schon wieder rechts gewählt, in den Osten kann man also ab sofort nicht mehr reisen. Kann man aber doch. Sollte man sogar. Dann könnte man vielleicht erfahren: "Den Osten" gibt es nicht.
Badegäste in Frankfurt (Oder): Es gibt "den Osten" genauso wenig wie "den Ossi"

Badegäste in Frankfurt (Oder): Es gibt "den Osten" genauso wenig wie "den Ossi"

Foto: Patrick Pleul/ DPA

Der letzte Sommertag an einem kleinen Baggersee in Brandenburg. Das Wasser ist klar, der kleine Sandstrand nicht zu voll, Pappeln rauschen im noch lauen Wind. Es ist ein Paradies. Wenn da nicht dieses komische Gefühl wäre. Wie jedes Mal im Osten.

Denn eine Frage geht mir nicht aus dem Kopf: Wer von den Leuten hier wählt AfD? Der Rentner, der gerade seinem Handtuchnachbarn erzählt, dass er gestern dann eben eigenhändig ein Verbotsschild aufgehängt hat, denn "man kann sich ja nicht alles gefallen lassen"? Der korpulente Mittdreißiger mit der Glatze und der schnittigen Sonnenbrille, an dessen Oberarm ein breiter weißer Verband den Blick auf die Haut verdeckt - klebt der ein Hakenkreuz ab, um keinen Ärger mit der Polizei zu bekommen? Und der Typ, der da gerade aus dem Wasser steigt, der sieht doch genauso aus wie Andreas Kalbitz, der Brandenburger AfD-Chef.

Wenn ich, der Wessi, Berlin verlasse und ins Umland fahre, sehe ich nur Rechte. Oder Menschen, die vielleicht Rechte sein könnten. Etwa ein Viertel der Wählerinnen und Wähler haben bei den Brandenburger Landtagswahlen für die AfD gestimmt, in Sachsen waren es noch mehr. Und so sehe ich dann dort die Menschen: Eins, zwei, drei, AfD. Im Zweifel rechts.

In den Wochen vor den Wahlen ist die ostdeutsche Befindlichkeit einmal wieder großflächig analysiert worden: Aus Frust wählen viele Leute rechts, weil sie sich zurückgesetzt fühlen. Aus Protest gegen die da oben und um es den Besserwessis wie mir mal so richtig zu zeigen. Ich habe viele Analysen gelesen, verstehen kann ich es trotzdem nicht.

Wie kann man einer Partei seine Stimme geben, die keine Lösungen zu bieten hat, die nur Schuldige sucht? Deren Programm eine Zukunft zeichnet, die aus finsterer Vergangenheit besteht? Wie kann man eine Partei wählen, in der Leute das Sagen haben wie dieser Kalbitz, der - rein zufällig natürlich - immer mal wieder in der Nähe von Neonazis und Hakenkreuzfahnen geraten ist? Wie dieser Höcke, der offenbar am liebsten die deutsche Geschichte zu einem durchgängigen Heldenepos umdichten würde und mutmaßlich vor und nach jeder Mahlzeit die erste Strophe des Deutschlandlieds absingt? Oder dieser Gauland, der solche Parteifreunde gewähren lässt und für den die Nazizeit nicht mehr ist als ein "Vogelschiss"? Bei allem Frust: Wie kann man sich gemein machen mit Rassisten? Es will mir nicht in den Kopf.

Dieses Unverständnis hat Folgen: Ich fahre ungern in den Osten. Und so bleibe ich der ignorante Wessi. Aber ich ahne: Da entgeht mir einiges.

Denn selbstverständlich gibt es "den Osten" genauso wenig wie "den Ossi". Thüringen ist nicht Sachsen ist nicht Brandenburg. Und "der Ossi" wählt auch nicht rechts. Tatsächlich gingen drei Viertel der abgegebenen Stimmen zum Beispiel in Brandenburg nicht an die AfD. Und rechnet man die Nichtwähler dazu, kann man feststellen: Nur knapp jeder und jede siebte Wahlberechtigte hat hier eine Partei gewählt, deren Landeschef früher mehr oder weniger aus Versehen so viel mit echten Nazis unterwegs war, dass man ihn praktisch nicht von ihnen unterscheiden konnte, den armen Unverstandenen.

Ich müsste also anders zählen am Badesee. Der Rentner mit dem Verbotsschild? Wahrscheinlich will er nur, dass die Leute keinen Müll in seinen Garten werfen. Der Glatzkopf mit der Binde am Arm? Findet einen geschorenen Schädel womöglich einfach praktisch, gerade im Sommer. Und der vermeintliche Kalbitz? Wahrscheinlich durch und durch ein weltoffener Antifaschist. Wer weiß. Ich jedenfalls nicht, solange ich nicht mit diesen Menschen geredet habe.

Ja, es gibt Gegenden, in denen die Rechten mittlerweile den Ton angeben. Dörfer, die drohen zu "national befreiten Zonen" zu werden. Aber den ganzen Osten als braunen Abgrund zu betrachten, wird diese Probleme nicht lösen, ganz im Gegenteil: Die wiederholte Mahnung aus dem Westen, jetzt doch mal endlich demokratisch zu werden, wird irgendwann auch jene nerven, die es längst sind. Die beständige Fixierung auf die AfD macht sie größer, als sie tatsächlich ist - und verstellt den Blick auf die übergroße Mehrheit.

30 Jahre nach dem Fall der Mauer gibt es noch immer keine Einheit. Wahrscheinlich sollten wir uns daran gewöhnen, dass es sie niemals geben wird - und dass das auch nicht schlimm ist. Es gibt auch keine Einheit von Bayern und Hamburg. Was wir aber dringend brauchen, ist gegenseitiges Interesse und vielleicht sogar den Versuch von Verständnis.

Auf Facebook und Twitter geloben schon die ersten meiner linken Wessi-Freunde, nie wieder nach Sachsen zu fahren. Sollen sie es lassen, ich finde das falsch. Ich werde jetzt öfter mal rübermachen. Jetzt erst recht.

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