Aufarbeitung im Landwirtschaftsministerium Wo alte Nazis neue Karrieren machten

Eine Kommission arbeitete die Geschichte des Agrarministeriums auf. Der Bericht zeigt, wie einflussreich Ex-NSDAP-Mitglieder lange Zeit waren. Ein Ex-SS-Mann stieg noch unter Helmut Kohl zum Staatssekretär auf.
Landwirtschaftsministerium in Berlin

Landwirtschaftsministerium in Berlin

Foto: Arno Burgi/ picture alliance / dpa

Landwirtschaft und Nationalsozialismus, da werden Assoziationen wach. In der NS-Ideologie spielten "Blut und Boden", spielte der "Lebensraum im Osten" eine zentrale Rolle. Dennoch gab es bislang nur eine teilweise Aufarbeitung der Rolle des Landwirtschaftsministeriums im Nationalsozialismus und der Nationalsozialisten im Landwirtschaftsministerium.

Vor vier Jahren gab der damalige Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) ein umfangreicheres Gutachten in Auftrag. Jetzt hat die Historikerkommission ihren Bericht vorgelegt und Schmidts Nachfolgerin Julia Klöckner übergeben. "Mit dieser Aufarbeitung wird eine Lücke geschlossen", sagte Klöckner.

Der Bericht zeigt: Im Landwirtschaftsministerium waren in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik mehr NSDAP-Mitglieder in Führungspositionen als in anderen Ministerien.

Julia Klöckner

Julia Klöckner

Foto: M. Popow/ imago images/Metodi Popow

Über die Jahre wurden es sogar stetig mehr statt weniger. Sogar SS-Männer machten Karriere. Einer stieg noch unter Helmut Kohl zum Staatssekretär auf.

Agrarpolitik über ein Jahrhundert

Die Kommission, die vom langjährigen Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), Horst Möller, geführt wurde, hat einen fast 800-seitigen Bericht vorgelegt, gegliedert in sechs Teile, die jeweils eine Phase der Geschichte behandeln:

  • Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Weimarer Republik

  • NS-Zeit

  • alliierte Besatzung

  • alte Bundesrepublik

  • DDR

  • Ausblick auf die Europäisierung

Schon der Titel zeigt, worum es geht und worum nicht: "Agrarpolitik im 20. Jahrhundert. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft und seine Vorgänger." Eine Institutionengeschichte habe man schreiben wollen, sagte Möller in dieser Woche bei der Vorstellung.

Das heißt umgekehrt auch: nicht allein eine Aufarbeitung der NS-Geschichte, wie es sie in anderen Ministerien gab. Auch wenn die im Zentrum stehe. Und auch wenn die ihn veranlasst habe, die Studie in Auftrag zu geben, wie Schmidt sagte.

Erster bundesdeutscher Agrarminister Wilhelm Niklas (CSU)

Erster bundesdeutscher Agrarminister Wilhelm Niklas (CSU)

Foto: Imagno/ Hulton Archive/ Getty Images

Das betreffende Kapitel von Friedrich Kießling von der Universität Eichstätt zeigt ein Ministerium, in dem der Neustart nach dem Zweiten Weltkrieg einigermaßen gelungen war. Der erste Minister, Wilhelm Niklas von der CSU, habe zu den wenigen hohen Beamten gehört, die während der NS-Herrschaft aus dem Staatsdienst geflogen waren - auch wenn das, wie Kießling notiert, nicht der Grund für seine Ernennung war.

Höchste Quote an NSDAP-Mitgliedern

Viele wichtige Beamte der ersten Jahre kamen aus Verwaltung des Vereinigten Wirtschaftsgebiets der Besatzung und waren sauber. Doch in den folgenden Jahrzehnten ändert sich das Bild.

Es kam zu einer Art zweiten NS-Welle - der Anteil an Funktionsträgern mit NS-Vergangenheit wuchs und wuchs und wuchs.

Die Autorinnen und Autoren unterscheiden zwar zwischen formeller Belastung (NSDAP-Mitgliedschaft auf dem Papier) und materieller Belastung (echte Überzeugung oder aktive Rolle). Die reine Zahl an Parteimitgliedern sagt also nicht alles - und ist doch erhellend.

"Bereits Ende 1950 war die Quote der ehemaligen Parteimitglieder unter den Mitarbeitern von den Referatsleitern aufwärts sprunghaft auf 61 Prozent gestiegen", schreibt Kießling. Drei Jahre später waren es schon mehr als 70 Prozent, noch ein Jahr später 78 Prozent, im Jahr 1959 dann waren mindestens 80 Prozent von 97 wichtigen Beamten NSDAP-Mitglied gewesen.

Das ist dem Gutachten zufolge der höchste bislang erfasste Wert in einem Ministerium.

Danach wurden es langsam weniger, noch bis kurz vor dem Mauerfall arbeiteten aber viele ehemalige NSDAP-Mitglieder und sogar SS-Männer im Ministerium. Einige machten sogar groß Karriere, wie der Bericht zeigt.

Beförderung trotz Kritik von außen

Der erste Staatssekretär Theodor Sonnemann etwa habe die Ergebnisse der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse noch in seinen Memoiren als "Schandurteile" bezeichnet.

Sein Nachfolger, Rudolf Hüttebräuker, habe sich als Verbindungsoffizier beim Chef der Bandenkampfverbände "im Zentrum des deutschen Vernichtungskriegs" befunden, "der als Raub- und Ausbeutungskrieg in der westlichen Sowjetunion nicht zuletzt mit Mitteln der landwirtschaftlichen Ausplünderung geführt wurde", schreibt Kießling.

Der Zollexperte Herrmann Martinstetter, zuletzt Obersturmführer der SS, stieg von 1951 immer weiter auf, bis er schließlich von 1963 an für Personalfragen verantwortlich war - obwohl andere Institutionen wiederholt Einwände geäußert hatten.

Sogar Heinrich Lübke, zuvor selbst Bundeslandwirtschaftsminister, da schon Bundespräsident, intervenierte, gab sich aber damit zufrieden, dass Martinstetter keine Wiedergutmachungsangelegenheit verantworten würde, auch weil er den ehemaligen SS-Mann "wegen seiner menschlichen Lauterkeit und fachlichen Tüchtigkeit" schätze, so zitiert Kießling einen Vermerk.

Heinrich Lübke

Heinrich Lübke

Foto: Alfred Hennig/ DPA

Noch länger machte Walther Florian Karriere, dessen Fall seinerzeit durch die Öffentlichkeit ging, auch weil der Zentralrat der Juden vergeblich gegen seine Ernennung zum Staatssekretär protestierte. Florian ging, so arbeitet es der Bericht heraus, 1938 zur SS und 1940 zur Waffen-SS. Beides gab er in seinem Personalfragebogen im Jahr 1952 nicht an, spätestens ab 1961 habe man im Ministerium aber davon gewusst.

Doch weder SS-Vergangenheit noch falsche Angaben auf dem Fragebogen verhinderten seinen Aufstieg: Er wurde 1976 Abteilungsleiter, 1984 Staatssekretär, ging 1987 in den Ruhestand und erhielt obendrein das Bundesverdienstkreuz.

Vorrang der Expertise

Wenn bei Einstellungen oder Beförderungen im Haus überhaupt Bedenken laut geworden seien, dann fast nie aus dem Ministerium selbst, sondern oft aus anderen Institutionen, häufig aus dem Innenministerium, so steht es im Bericht. Das Landwirtschaftsministerium habe selbst im Vergleich zum keineswegs strikten Innenministerium sehr lax agiert.

Zwei Gründe habe es für diese Personalpolitik gegeben, argumentiert der Leiter der Kommission, Möller.

Erstens habe sich in der Bevölkerung in den Fünfzigern die Haltung verbreitet, nun müssten Menschen eine neue Chance bekommen können.

Zweitens habe im Ministerium vor allem der Expertenstatus etwas gegolten. "Für Zollrechtsfragen sichte man einen Zollrechtsexperten, für Getreidefragen einen Getreideexperten", schreibt Kießling. Selbst NS-Gegner hätten das so gesehen.

So hätten im Ministerium von Beginn an nicht Juristen dominiert, sondern Agrarexperten, selbst wenn sie im Nationalsozialismus aktiv gewesen waren. Man könnte die Kultur unpolitisch nennen: Expertise schlug Tugendhaftigkeit, Detailkenntnis war wichtiger als eine weiße Weste.

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