Russischer Außenminister Lawrow beklagt Russophobie in EU und Nato

Russlands Außenminister Lawrow hat auf einer Veranstaltung in Berlin die Politik des Westens erneut scharf kritisiert. Ein Treffen mit Sigmar Gabriel musste ausfallen - der deutsche Kollege erkrankte.

Lawrow spricht während der Veranstaltung der Körber Stiftung.
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Lawrow spricht während der Veranstaltung der Körber Stiftung.

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Sergej Lawrow ist seit mehr als dreizehn Jahren russischer Außenminister, spielt in seiner Freizeit gerne Gitarre und dichtet mitunter. Als er am Donnerstag bei einer Veranstaltung der Körber-Stiftung in Berlin von der Moderatorin gefragt wird, wie er das Verhältnis der Europäischen Union (EU) zu Russland in Reime fassen würde, stutzt er für einen kurzen Moment. Dann lächelt er breit und sagt: "Die Reime wären nicht ganz jugendfrei, deshalb verzichte ich darauf."

Im Hotel Adlon erntet Lawrow dafür Lacher. Doch ansonsten ist der Tonfall ernst - den derzeitigen Beziehungen angemessen. Lawrow nutzt seinen Abstecher nach Berlin, bei dem er später den deutsch-russischen Jugendaustausch im Auswärtigen Amt würdigt, um zuvor auf Einladung der Stiftung zu sprechen - über die europäisch-russischen Beziehungen. Prominenz hat sich eingefunden: Vorne in der ersten Reihe sitzt ein ehemaliger Außenminister, der Grünen-Politiker Joschka Fischer. Auch sonst sind viele ehemalige Diplomaten da - Ex-Staatssekretär Wolfgang Ischinger und Gunter Pleuger, einst im Auswärtigen Amt, der letzte Verteidigungsminister der DDR, Rainer Eppelmann von der CDU.

In 25 Minuten und einer anschließenden Fragerunde legt Lawrow die Sicht der Putin-Administration auf die Weltlage dar. Es ist in weiten Teilen eine Klage über die Politik des Westens, der Nato und der EU - wie Lawrow sie schon oft vorgetragen hat: Der Zusammenbruch der alten sozialistischen Ordnung sei der "gemeinsame Sieg" aller Länder des einstigen sowjetischen Lagers gewesen, doch die USA und ihre Verbündeten hätten "nur sich selbst zu Siegern erklärt". Der Westen, so Lawrows Vorwurf, "wollte nie das Gespräch über eine unteilbare Sicherheit."

Gabriel ist erkrankt - das Treffen wurde abgesagt

Lawrow kritisiert in Berlin erneut die Ausdehnung der Nato, auch die Ukrainekrise sei Folge der "kurzsichtigen Politik in Washington und Brüssel", die zum Teil von außen in das Land hineingetragen worden sei. Der Sturz von Wiktor Janukowytsch 2014 durch die Opposition nennt er, wie im offiziellen Duktus der russischen Regierung üblich, einen "Staatsstreich".

Erst vor zwei Wochen hatte Lawrow in Krasnodar den deutschen Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) getroffen und sich dort auf einer Pressekonferenz einen Schlagabtausch zu Syrien geliefert. In Berlin war ursprünglich auch ein Termin mit Gabriel vorgesehen - doch der musste kurzfristig abgesagt werden, weil Gabriel nach Auskunft des Auswärtigen Amtes an einer "fiebrigen Infektion" erkrankt ist. Am deutsch-französischen Ministerratstreffen in Paris hatte der SPD-Politiker am Donnerstag noch teilgenommen, war dann aber vorzeitig nach Deutschland zurückgekehrt.

Vizevorsitzende der Körber-Stiftung, Paulsen, Außenminister Lawrow, Ex-Staatssekretär Pleuger (zweite Reihe, dritter von Links) und Ex-Außenminister Fischer im Adlon.
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Vizevorsitzende der Körber-Stiftung, Paulsen, Außenminister Lawrow, Ex-Staatssekretär Pleuger (zweite Reihe, dritter von Links) und Ex-Außenminister Fischer im Adlon.

Lawrows Auftritt im Adlon umkreiste einmal mehr die Dauerbaustellen: Ukrainekrise, Annektion der Krim, Krieg in Syrien, EU-Sanktionen. "Die Spannungen zwischen Russland und den westlichen Staaten kommen die Welt teuer zu stehen", so Lawrow. Innerhalb der EU und der Nato gebe es eine "Minderheit", die auf eine "Russophobie" setze, deren Kräfte die Nato und die EU - "in russophobe Bahnen gelenkt haben". Was er darunter konkret verstehe? Lawrow formulierte es auf Nachfrage so: "Ich bezeichne als Russophobie unbegründete und aggressive Versuche, unser Land zu isolieren."

Lawrow antwortet auf Hackerangriffe

Bei aller Kritik hob der russische Außenminister den Willen zur Zusammenarbeit hervor. "Wer das Naturell der Russen kennt, der weiß, dass es nicht ihre Art ist, eingeschnappt zu sein, nachtragend zu sein", sagte Lawrow. Die Beziehungen mit der EU müssten auf der Basis von "Gleichberechtigung, gegenseitiger Gerechtigkeitsbalance und Nichteinmischung" fußen. Und die gemeinsamen Nachbarn, so Lawrow, sollten "nicht dazu gebracht werden, sich zwischen dem Westen und uns zu entscheiden." Zugleich bekräftigt Lawrow die Gespräche zur Ukrainekrise im Normandie-Format zwischen Russland, der Ukraine, Deutschland und Frankreich. Das habe eine wichtige Rolle gespielt "und spielt eine wichtige Rolle."

Ein Thema waren auch die Vorwürfe, sein Land habe sich in den US-Wahlkampf eingemischt. Erst kürzlich hatte Präsident Wladimir Putin erklärt, seine Regierung habe mit Hacker-Angriffen im Ausland nichts zu zu tun. Doch theoretisch könnten es "patriotische" Landsleute sein, die unabhängig agierten. Darauf angesprochen, ob "patriotische Kräfte" auch in Deutschlands Wahl eingreifen könnten, verwies Lawrow zunächst auf Putins Erklärung.

Schließlich hob er doch noch zu einer längeren Ausführung an: Es sei schmeichelhaft für sein Land, wenn man Russland solch eine Macht zuschreibe, würde es so sein, wäre es nicht zur Krise in der Ukraine oder in Transnistrien gekommen, so sein hörbar sarkastischer Einwurf. Der Ansatz, "irgendwelche Informations-Leaks oder Fake News auszukosten" sei "zerstörerisch". Er habe, sagte er zur Moderatorin der Körber-Stiftung, die Frage zum Bundestagswahlkampf länger beantworten müssen, um zu einem Nein als Antwort zu gelangen. "Deshalb", sagte er unter dem Gelächter der Zuhörer, "machen Sie sich keine Sorgen".

insgesamt 90 Beiträge
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wolle0601 13.07.2017
1. Puuh...da bin ich aber erleichtert
dass Russland keine Hackerangriffe gegen den Westen fährt. Wenn Herr Lawrow das sagt, wird es ja auch stimmen. Und fast habe ich etwas Mitleid mit dem armen Mann, dass sein Land solche Probleme hat, die Patrioten in den Gruff zu kriegen. War glaube ich auf der Krim und in der Ostukraine ähnlich.
sabato.74 13.07.2017
2. Recht hat der Mann!
Die Berichterstattung in fast allen deutschen Leitmedien ist unterirdisch. Kaum ein Wort etwa darüber, dass die Assad-Muss-Weg-Politik der Amerikaner in Syrien nur zu einer noch größeren Destabilisierung der Region führen würde. Statt dessen Russland-Bashing ohne Ende. Man kann ja geteilter Meinung sein. Aber ich lese in Sachen Russland immer nur: druff, druff, druff. Extrem einseitig. Und es bringt ja auch nichts: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland durchschaut das Dauerfeuer. Die Menschen auf der Straße sehen Putin zwar kritisch. Aber sie sehr wohl zu unterscheiden zwischen berechtigter Kritik und Manipulation.
heinryk 13.07.2017
3. Da hat er allerdings Recht!
aber klagen wird nicht viel nützen weil EU und NATO schlussendlich gemäß US Skript agieren...und da geht's um Profite von Amerikanischen Unternehmen, Rüstung, Oel und Gas etc
Skyscanner 13.07.2017
4. Lawrow
hat Recht, die Hetze gegen Russland ist nicht mehr zum aushalten. Wenn die EU schlau wäre würde man mit den Russen zusammen arbeiten. Die EU und Deutschland hätten nur Vorteile, Europa würde zusammen wachsen. Aber an Weitblick und bodenständige Politik fehllt es den Volksvertretern, unsere Politiker können nicht voraus schauen. W
freizeitverkaeufer 13.07.2017
5. Ich bin kein Roboter. ...
....und schon gar kein russischer Roboter. Lawrov hat in seinen Ausführungen trotzdem recht. Es ist ein Skandal wielange sich Merkel von Erdogan am Gängelband vorführen hat lassen und wie kurz angebunden sie hingegen auf alle russischen Annäherungsversuche reagiert. Im Übrigen :Gute Besserung Herr Außenminister. Empfehle Grippostad C.
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