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Alexander Neubacher

Hausarrest gegen Corona Legal, illegal, piepegal

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Die Kanzlerin will nächtliche Ausgangssperren. Doch wenn einsame Spaziergänger zu Gesetzesbrechern werden, nur weil sie nach 21 Uhr um den Block gehen, macht sich der Staat lächerlich.
aus DER SPIEGEL 16/2021
Polizeifahrzeug in Hannover

Polizeifahrzeug in Hannover

Foto: Moritz Frankenberg / dpa

Seit Coronabeginn findet der bescheidene Rest meines Soziallebens unter freiem Himmel statt. Ich spaziere durch die Nachbarschaft, laufe die immer gleiche Runde durch den Park, habe einen Heizpilz angeschafft für den Fall, dass mal Besuch kommt. An Ostern saßen wir bis nachts im Garten meiner Eltern um die Feuerschale. Es qualmte, wir stanken, doch wir fühlten uns sicher, denn wie jedes Kind weiß, ist die Ansteckungsgefahr draußen gering. Hier sind sich die Expertinnen und Experten aus der Aerosolforschung einig. Follow the science; hören Sie auf die Wissenschaft!

Umso irritierter bin ich über Politiker, die Hausarrest fordern. Bundeskanzlerin Angela Merkel will nächtliche Ausgangssperren in Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 100. In einigen Bundesländern ist es bereits so weit, etwa in Hamburg. Ab 21 Uhr müssen die Bewohner mit einigen Ausnahmen zu Hause sein.

Ein Land sperrt seine Menschen ein: Das hätte man vor Beginn der Pandemie auch nicht für möglich gehalten. Tatsächlich hat meines Wissens auch die Kanzlerin nie behauptet, die Menschen infizierten sich im Freien. Das Ausgangsverbot ist nur ein Trick, um Corona-Hasardeure von illegalen Treffen abzuhalten.

Das Land sperrt seine Menschen ein: Wer hätte das vor Corona für möglich gehalten?

Wer nicht rausgeht, sündigt nicht, so lautet wohl das Kalkül der Kanzlerin. Dass viele Menschen sich wirklich nur die Beine vertreten, rauchen oder eine Runde joggen wollen, spielt keine Rolle. Mitgefangen, mitgehangen.

Wie wirkt sich eine Ausgangssperre auf den Pandemieverlauf aus? Die Studienlage ist unklar. Einige Wissenschaftler sagen, mit sinkender Mobilität gehe automatisch auch die Zahl der Infektionen zurück, der Zweck heilige daher die Mittel. Andere glauben, dass sich Menschen weiterhin illegal treffen – aber drinnen hinter zugezogenen Vorhängen anstatt im Park. Was Aerosolforscher von solchen Ausweichreaktionen halten, kann man sich denken. Und wieder andere sagen, der Effekt sei kaum vorherzusagen, weil es auf die Akzeptanz der Bevölkerung ankomme.

Aus: DER SPIEGEL 16/2021

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Ich glaube, dass jedes Verbot scheitert, wenn es von großen Teilen der Bevölkerung als Willkür wahrgenommen wird. Etwa die 15-Kilometer-Regel in Hochrisikogebieten, eine Zombie-Vorschrift aus Merkels Bund-Länder-Treffen, an die sich kaum einer hielt. Oder das Verweilverbot auf Berliner Parkbänken. Oder die groteske Maskenpflicht in Hamburg auf beliebten Laufstrecken am Wochenende. Das Infektionsrisiko für Jogger und andere ist nahezu null. Polizisten, die das Maskengebot trotzdem durchsetzen müssen, können einem leidtun.

Wenn einsame Spaziergänger zu Gesetzesbrechern werden, nur weil sie nach 21 Uhr noch um den Block gehen, macht sich der Staat lächerlich. Mit fatalen Folgen. Legal, illegal, piepegal: Warum sich überhaupt noch an Regeln halten, wenn man ohnehin Verbotenes tut?

Man könnte Merkels Ausgehverbot für einen Witz halten. Aber dafür ist die Lage zu ernst.

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