Jan Fleischhauer

Neue Klassengesellschaft Wer diesen Satz lesen kann, hat gute Eltern

Wenn ein Fünftel der Grundschüler nach der vierten Klasse nicht richtig lesen und schreiben kann, was sagt uns das über die Eltern? Oder anders gefragt: Ist Armut eine Entschuldigung, den Kindern nicht vorzulesen?
Ein Schüler der vierten Klasse beim Lesen

Ein Schüler der vierten Klasse beim Lesen

Foto: Felix Heyder/ picture-alliance/ dpa

Wie geht es Deutschland? Wenn man auf die Wirtschaftszahlen schaut, blendend. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig, dass man fast von Vollbeschäftigung sprechen kann. Die Steuereinnahmen des Staates bewegen sich auf Rekordniveau. Wenn man die Leute fragt, wie sie ihre ökonomische Zukunft einschätzen, blicken die meisten zuversichtlich nach vorne. Doch wie heißt es bei Goya: Unter der Oberfläche lauern die Gespenster.

Ich habe vergangene Woche eine Zahl gelesen, die mir keine Ruhe lässt. Bildungsforscher haben den Stand der Leseleistung weltweit verglichen, das machen sie alle fünf Jahre. Das Ergebnis für Deutschland ist desaströs, anders lässt es sich nicht sagen.

Ein Fünftel der deutschen Grundschüler kann nach vier Jahren nicht richtig lesen und schreiben. Das heißt, die Schüler können Worte entziffern, aber sie brauchen dafür so lange, dass sie oft vergessen haben, was am Anfang eines Satzes stand, wenn sie am Ende angekommen sind. Oder sie können den Sinn nicht entschlüsseln. Wenn sie einen Text über Piraten lesen sollen, wissen sie nicht, was ein "Mast" ist oder was es bedeutet, den Anker zu "lichten".

Ein Fünftel partielle Analphabeten unter den Zehnjährigen, das ist eine irre Zahl. Ich hatte erwartet, dass ein Aufschrei durchs Land gehen würde. Eigenartigerweise wurde der Befund, der für die Zukunft unseres Landes bedeutsamer ist als jede andere Debatte, eher achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Wir reden hier wie gesagt nicht von Erstklässlern, sondern von Kindern, die vier Jahre Grundschule hinter sich haben. Was ist in den Familien los, frage ich mich? Ich kann mir das Versagen nur so erklären, dass die Eltern kein Interesse an Büchern haben oder ihnen sogar feindselig gegenüberstehen. Ein Kind, das trotz der Anstrengungen seiner Lehrer nach vier Jahren Schule nicht richtig lesen und schreiben kann, muss aus einem Umfeld stammen, in dem man jede Bildungsanstrengung regelrecht zunichtemacht.

Die soziale Schere klafft in Deutschland immer weiter auseinander, davon bin auch ich überzeugt. Aber sie klafft aus anderen Gründen auseinander, als die Leute, die bei allen Problemen die große Umverteilungsspritze zücken, uns glauben machen wollen. Die Klassengrenze verläuft nicht entlang der Grenze zwischen Arm und Reich, sondern zwischen gebildet und ungebildet. Dass beides eng miteinander zusammenhängt, das ist evident. Trotzdem macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ich mangelnde Bildung auf Armut zurückführe oder auf Desinteresse.

Alle sozialstaatliche Intervention fußt auf dem Vertrauen, dass es die Verhältnisse sind, die Menschen zurückhalten, ihr Potenzial zu entwickeln, nicht Unwillen oder Unvermögen. Die Menschen würden gerne, aber sie können nicht, weil finanzielle Nöte sie hindern: Das ist das sozialdemokratische Mantra. Also muss man nur ihr finanzielles Schicksal lindern, und die Bildung stellt sich ein. Aber was, wenn es nicht am Geld mangelt, sondern an der Einsicht, dass Bildung etwas Wertvolles ist?

Die wichtigsten Ergebnisse der Iglu-Studie

Einen gewissen Prozentsatz an Halbgebildeten und Lernunwilligen hält auch eine Gesellschaft wie die deutsche aus. Aber 20 Prozent eines Jahrgangs? Das überfordert den besten Sozialstaat. So viele Arbeitsplätze für Ungelernte gibt es dann auch nicht. Man kann die Lehrer schuldig sprechen, die es offenkundig nicht vermocht haben, den ihnen anvertrauten Kindern basale Kulturtechniken zu vermitteln. Aber gegen die Bildungsverachtung im Elternhaus kommt die beste Schule nicht an.

Alles, was uns bislang einfiel, war die Zusammenlegung von begabten und weniger begaben Kindern. Unzählige Schultests haben bewiesen, dass es nichts besser macht, wenn man Kinder in einer Klasse zusammensperrt und draußen das Wort "Gesamtschule" dran schreibt. Aber das hat die sozialdemokratischen Bildungsreformer nicht entmutigen können. Tatsächlich tritt sogar der gegenteilige Effekt ein. Wenn Kindern jeden Tag von ihren begabteren Mitschülern vorgeführt wird, wie sehr sie hinterherhinken, führt das nicht dazu, dass sie sich mehr anstrengen, sondern dass sie alle Hoffnung fahren lassen.

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Fleischhauer, Jan

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Was also soll man tun? Das Erste wäre die Einsicht, dass man es mit Strukturen zu tun hat, die sich der Sozialingenieurskunst entziehen. Wir haben uns angewöhnt, von "bildungsfernen Schichten" zu sprechen. Ich halte das für einen Euphemismus. "Bildungsfern" klingt wie ein unverschuldetes Schicksal, dabei ist es genau das nicht. Es mag die Alleinerziehende geben, die vor Sorge weder ein noch aus weiß, und deshalb abends zu müde ist, um noch ein Buch zur Hand zu nehmen. Aber das erklärt nicht die Zahl der Zehnjährigen mit gravierenden Leseschwächen.

Dass der Arme manchmal vielleicht auch deshalb arm ist, weil er faul ist oder vom Alkohol verblödet, ist ein Gedanke, der in unserer auf sozialen Ausgleich bedachten Gesellschaft als so anstößig gilt, dass er nicht zugelassen werden darf. Ich habe kein Verständnis für Eltern, die ihre Kinder vor die Glotze setzen und sich lieber mit dem Handy beschäftigen, anstatt ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Man sagt so schnell entschuldigend: Ach, die armen Hascherl am sozialen Rand, die wissen es nicht besser. Doch sie wissen es besser. Sie sind nur zu bequem oder zu gleichgültig, um entsprechend zu handeln. Auch in Teilen Asiens sind sie bettelarm, und trotzdem nutzen sie dort jede Gelegenheit, die sich ihnen bietet, ihren Kindern etwas beizubringen.

Vielleicht muss man sich an den Gedanken gewöhnen, das elterliche Erziehungsmonopol einzuschränken. Die elterliche Autonomie ist ein hohes Gut. Aber wenn sich zeigt, dass Kinder im Elternhaus der Voraussetzungen beraubt werden, um als Erwachsene ein erfülltes Leben zu leben, muss der Staat möglicherweise früher als bislang eingreifen.

Wir haben uns aus guten Gründen entschieden, den Schulbesuch ab dem sechsten Lebensjahr verpflichtend zu machen. Das ist sehr spät. Der Rückstand, der in sechs Jahren entstanden ist, wenn man bis dahin noch nie in ein Buch gesehen hat, lässt sich kaum aufholen. Vorschule ab zwei Jahren, wenn der Arzt feststellt, dass die Eltern überfordert sind - das wäre ein Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit.