Bürgermeisterin von Leverkusen "Ich will das"

Eva Lux ging nicht trotz, sondern wegen der Familie in die Politik. Heute ist sie Bürgermeisterin in Leverkusen. Und findet: Frauen müssten öfter den Satz mit drei Wörtern sagen.

Leverkusener Bürgermeisterin Eva Lux (SPD): "Wisst ihr was - ich mach's jetzt selber"
Marcus Simaitis

Leverkusener Bürgermeisterin Eva Lux (SPD): "Wisst ihr was - ich mach's jetzt selber"

Aus Leverkusen berichtet


Pfarrsaal St. Stephanus, Mitte Mai in Leverkusen, der Hausfrauenbund begeht sein 50. Jubiläum, und ausgerechnet hier, zwischen den selbst gebastelten Tischkärtchen, Altersschnitt Ü60, beginnt eine Diskussion über Frauenrechte.

Die Vorsitzende, Hildegard Strohalm, hatte eben in ihrer Festrede erzählt, dass Frauen 1962 noch ihren Ehemann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie ein Bankkonto eröffnen wollten. Dass wenig später dann zwei Frauen in Leverkusen beschlossen, eine Arbeitsgemeinschaft zu gründen - um dem Ruf der Hausfrau mehr Geltung zu verschaffen. Gleichstellung mit anderen Berufsgruppen zu erreichen. Dass es am 18. Mai 1969 dann so weit war. Die Frauen gründeten den Hausfrauen-Bund Leverkusen.

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Kommunalpolitik: Frauensache

Im Publikum des Hausfrauenbundes, der sich vor Kurzem in DHB-Netzwerk Haushalt umbenannte, weil das moderner klinge, nicken einige Frauen. Eine schreit über den Tisch: "Da ging's um die Anerkennung."

Dann steigt Eva Lux hinauf zum Rednerpult. Lux, SPD-Politikerin und Leverkusens Zweite Bürgermeisterin, sagt: "Die Gründung war damals ein Ausdruck von Emanzipation." Lux ist seit zehn Jahren im Amt, Grußworte gehören zum Job. Aber die Leute im Saal wissen, diese Feier, in der sich alles um die Familie dreht, ist Lux besonders wichtig.

Eva Lux hat nicht trotz, sondern wegen ihrer Familie Karriere in der Politik gemacht. Sie wäre wahrscheinlich nie Politikerin geworden, wären nicht ihre Kinder gewesen. Zwei ihrer drei Kinder kamen mit einer Behinderung zur Welt.

Frauen in der Kommunalpolitik
    Am 26. Mai ist in vielen Teilen Deutschlands Kommunalwahl. Frauen sind auf kommunaler Ebene bislang nur selten in politischen Ämtern vertreten. Weniger als zehn Prozent aller Bürgermeister Deutschlands sind weiblich. In kleineren Gemeinden sind besonders wenige Frauen in politischen Führungspositionen zu finden.
Hier stellen wir einige von ihnen vor. Sie bestätigen die Statistik: Fast alle sind über 50 Jahre alt und haben keine oder bereits erwachsene Kinder. Sie verbindet ein sehr hohes Arbeitspensum mit manchmal bis zu 80 Wochenstunden.

DEUTSCHLAND
Berlin Fried­richs­hain-Kreuz­berg Taina Gärtner (Grüne), 53, Ab­geord­nete in der Be­zirks­ver­ord­neten­ver­samm­lung
Schwie­low­see Kerstin Hoppe (CDU), 53, Bürgermeisterin
Le­ver­ku­sen Eva Lux (SPD), 63, Bürger­meisterin
Chem­nitz Barbara Ludwig (SPD), 57, Ober­bürger­meisterin
Mün­chen Dorothea Wiepcke (CSU), 37, Stadt­rätin

Der Weg in die Politik: "Schatz, vergiss' es"

Eva Lux ging in die Politik, weil sie sich über Politik ärgerte. "Dann kann man überlegen, ob man Wutbürger wird oder böse Briefe schreibt oder resigniert", sagt Lux. Aber das sei nie ihre Sache gewesen. "Ich fragte: Wo ist die Lösung?"

Es ging damals um den Kindergarten von Lux' behindertem Sohn. Der wurde plötzlich geschlossen, die Kinder seien über die Stadt verteilt und in Turnhallen untergebracht worden, keiner habe gewusst, ob und wann die Kleinen wieder angemessen betreut würden.

"Mit 'ner Handvoll Mütter sind wir dann losgezogen ", sagt Lux, "und haben uns durchgekämpft, Fragen gestellt." Kein Politiker habe eine Antwort gehabt.

"Das hat mir den Rest gegeben. Da hab ich gesagt: Wisst ihr was - ich mach's jetzt selber."

Lux tritt in die SPD ein, das war 1993. "Ab da habe ich gestaltet, wie ich es für richtig halte." Sie sagt, das sei oft anstrengend gewesen. Die älteste Tochter war gerade eingeschult, das jüngste Kind hatte sie in der Trage, "ganz toll, super Voraussetzungen, um jetzt Politik zu machen". Es habe Krach in der Familie gegeben, wenn zum Beispiel ihr Mann weiter erwartete, dass abends um fünf das Essen auf dem Tisch steht. "Da musste ich mich durchsetzen und sagen: Schatz, vergiss' es."

Beim Festakt im Pfarrhaus erzählt Frau Strohalm, dass man ein paar jüngere Mitglieder gebrauchen könne - und vor allem männliche. Denn, Überraschung, Haushalt gehe alle an. Ganze 22 Männer engagierten sich bis jetzt als Mitglieder im Netzwerk Haushalt. Und mehr als 130 Frauen.

Das sei ja genau umgekehrt wie in der Politik, sagt Lux. Da sind meistens die Frauen in der Minderheit. Gerade in den Kommunen, dort stagniert ihr Anteil oder schrumpft oft sogar.

Im Pfarrsaal wird das Essen ans Buffet getragen. Krustenbraten mit grüner Pfeffersoße, Apfelrotkraut und badische Butterspätzle. Eine ältere Dame scherzt mit Eva Lux und fragt: "Wo haste deinen Mitarbeiter gelassen?" Sie meint den Oberbürgermeister. Lux ist Zweite Bürgermeisterin in der 160.000-Einwohner-Stadt, ihr Amt ist ein Ehrenamt mit 500 Euro brutto Aufwandsentschädigung im Monat, anders als das des Oberbürgermeisters Uwe Richrath, auch er SPD. Er arbeitet hauptamtlich.

Marcus Simaitis

Bei der Oberbürgermeisterwahl im nächsten Jahr will Eva Lux zwar nicht kandidieren, dennoch macht sie keinen Hehl daraus, dass sie eine ist, die Macht will. Sie habe zum Beispiel immer zugesehen, dass sie im Finanzausschuss sitzt. "Ohne Moos nix los", sagt sie. Wer was bewegen wolle, brauche eben Geld, gerade im Kinder- und Jugendbereich. Seit fast zehn Jahren sitzt sie auch noch als Abgeordnete im Landtag NRW. Eva Lux sagt, was ihr Parteigenosse Franz Müntefering auch einmal befand: "Opposition ist sowas von Mist", da könne man viel weniger bewegen.

Frauen hätten selbst eine große Verantwortung, damit sie in der Politik oder anderswo Karriere machen, findet Lux. "Frau muss sagen: Ich will das. Ich will das haben. Ich will das machen." Man müsse Widerstände aushalten. Dürfe nicht warten, bis man das Wort erteilt bekomme. Im Gegensatz zu den männlichen Kollegen, die oft in "Männer-Klümpchen" und "Männer-Ausschüssen" netzwerkten, seien Frauen oft zu rücksichtsvoll, zu leise, zu kompromissbereit.

Aber sie sieht einen klaren Vorteil: Frauen kämpften für die Themen, die ihnen am Herzen liegen. Lux sagt das so: "Männer haben Projekte. Frauen haben Herzensangelegenheiten."

Ihre Herzensangelegenheit sei die Frühförderung der Lebenshilfe, ein Programm, das Kinder, die sich verzögert entwickeln, bis ins Vorschulalter begleitet. Lux habe den Vorstand der Lebenshilfe Leverkusen übernommen, als diese kurz vor der Schließung gestanden habe. Heute sei die Lebenshilfe "ein florierender Laden".

Wenn der Arzt beim eigenen Kind eine Behinderung diagnostiziere, "dann ist das erst mal ein Schlag in den Nacken. Damit rechnet niemand." Als Lux damals als Mutter in dieser Situation war, habe sie nicht gewusst: Was heißt das jetzt? Was muss ich machen? "Keiner hilft dabei, das Trauma zu überwinden und dann mit der Familie klarzukommen", sagt Lux. Deshalb sei ihr wichtig, dass Familien in Leverkusen besser geholfen wird, als das damals bei ihr der Fall gewesen sei. 1993. Als Lux in die Politik ging, nicht trotz, sondern wegen der Familie.

insgesamt 3 Beiträge
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olli0816 26.05.2019
1. Der Artikel ist sicher nicht unwichtig
Aber der Zeitpunkt ist denkbar unglücklich gewählt. Wir haben heute Europawahl und für Bremen, dazu die ganze Unruhe durch die jüngere Bevölkerung und jetzt ganz oben ein Thema, was mit Ereignissen aus den 60er-Jahren beginnt, wie sich Emanzipation entwickelt hat. Man fragt sich schon, wer bei euch die Prioritätenliste erarbeitet? Unfassbares Kopfschütteln.
rosinenzuechterin 26.05.2019
2. Westdeutsche Frauendiskriminierung
Es wäre schön, wenn bei dieser Art der zumindest teilweise retrospektiven Berichterstattung nicht immer unter den Tisch fallen würde, dass die noch in den 1960er Jahren real existierende, systemische Frauendiskriminierung ein WESTdeutsches Phänomen war und es damals durchaus Teile des heutigen Deutschlands gab, in denen Frauen selbstverständlich gleichberechtigt waren, auch wenn dies damals nicht allein dadurch infrage gestellt wurde, dass viele Frauen trotz gleicher Möglichkeiten ihr Leben anders gestaltet haben als die männliche Hälfte der dortigen Bevölkerung. Wer sich nicht differenziert damit auseinandersetzt, dass auch schlechte Staaten gute Seiten hatten, genauso wie gute Staaten schlechte Seiten, wird anfällig für pauschale Wertungen von Populisten. Gerade das sollte auch nicht im Sinne des Spiegels sein, insbesondere nicht an einem Tag wie heute.
Stäffelesrutscher 26.05.2019
3.
»Die Vorsitzende, Hildegard Strohalm, hatte eben in ihrer Festrede erzählt, dass Frauen 1962 noch ihren Ehemann um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie ein Bankkonto eröffnen wollten.« Sie musste ihn auch um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollte. Bis 1977. 1977!!! Erst ab 1969 galt eine Ehefrau als geschäftsfähig. In der alten BRD wohlgemerkt - fast wie in Saudi-Arabien ...
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