Liberale im Höhenrausch Erste Träume vom Kabinettstisch

Geht es nach den liberalen Delegierten in Mannheim, sitzen quasi schon jetzt FDP-Minister am Kabinettstisch. Nach zwei Erfolgen in den Ländern geben sich die Freiheitlichen stolz und selbstbewusst. So manch einer träumt schon wieder von einem Posten in den Machtzentralen in Berlin.

Von , Mannheim


Mannheim - Schon vor der Eröffnung des 53. Parteitages der FDP wurden die Delegierten mit lauter Musik in der sich langsam füllenden Halle in Mannheim eingestimmt, und das letzte Lied kam wie ein Motto daher: "I Am Strong Enough", dröhnte im Refrain aus den Boxen des Rosengarten-Centers. Stark genug, das will auch die FDP sein - und zwar für die Bundestagswahl.

Nach drei erfolgreichen Abstimmungen in Hamburg, Berlin und Sachsen-Anhalt sehen sich die Liberalen wieder dort, wo "wir hingehören", so Generalsekretärin Cornelia Pieper - als Volkspartei neben der CDU und der SPD. In der metapherngeschwängerten Wortwahl von Frau Pieper heißt das dann "erste Liga". Die Grünen, die Pieper wie ihr Chef Guido Westerwelle "Regionalpartei West" nennt, hat die FDP genauso wie die PDS ("Regionalpartei Ost") schon lange überholt und links liegen gelassen.

Aus den Streithähnen ist wieder eine Partei geworden

Das Selbstbewusstsein ist den Liberalen auf dem Parteitag in Mannheim ins Gesicht gemeißelt. Jedem noch so unbekannten Delegierten ist das anzusehen. Stolz tragen sie die knallgelben Schlüsselbänder mit der 18 um den Hals. Von den Rückseiten der Tagungsrucksäcke prangt schon das nächste Wahl-Motto: "Mehr Inhalt!" Die Mitglieder reden wieder von "wir" und "unsere Partei" oder "unser Vorsitzender". Wo auf den vergangenen Parteitagen über die Schuld an schlechten Wahlergebnissen oder falscher Führung gestritten wurde, wird heute Selbstvertrauen gelebt und über die Zukunft gesprochen. Vor allem überrascht daran, dass alles sehr echt wirkt.

Allen voran geht natürlich Guido Westerwelle. Der Chefliberale ist zwar auch sonst um kein Lächeln für die Kameras verlegen, doch in Mannheim grinste er unablässig. Selbst zu einem Glas Bier konnten ihn die Journalisten am Donnerstagabend überzeugen, obwohl der stets smarte Westerwelle sonst lediglich einen kleinen Schaumwein bevorzugt. Schon nach etwa einer Stunde verließ Westerwelle die Runde, doch er strahlte bis zum Schluss. Für den Disziplin-Mann Westerwelle schon ein langer Besuch.

Erste Ministerträume

Doch es ist nicht nur Westerwelle, der bei der FDP vor Kraft momentan kaum noch laufen kann. Auch seine Kollegen aus dem Vorstand fühlen sich wieder stark. Für die meisten ist es mittlerweile klar, dass die Liberalen an jeder möglichen Regierung nach dem 22. September beteiligt sind - egal mit wem als stärkeren Partner. Und so dreht sich in Mannheim schon vier Monate vor der Wahl langsam das Personalkarussell. Solche virtuelle Diskussionen sind zwar bei der FDP schon Routine, trotzdem aber wirkte so mancher Beteiligter etwas merkwürdig mit seinen Einschätzungen. Nächste Aufgabe von Spitzenkandidat Westerwelle wird wohl es sein, diese unselige Diskussion zu stoppen.

Beteiligte an dem Karussell sind ausschließlich die bekannten Liberalen: Rainer Brüderle beispielsweise parliert auf dem ersten Abend schon wieder, als ob er bereits den Stuhl des Wirtschaftsministers erklommen habe. Nach den guten Wahlergebnissen und mit der Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung ist auch bei ihm plötzlich jegliche Kritik an Westerwelle und seiner Führung vergessen. "Wir stehen vier Monate vor einer Wahl, da muss man zusammenstehen", sagt Brüderle, der sonst immer für einen abfälligen Kommentar gut war.

Nur Westerwelle träumt geheim

Auch der von Westerwelle geschasste Wolfgang Gerhardt macht sich Hoffnungen auf das Amt des Außenministers, dass er gern bekleiden würde. Gerhardt nimmt sich dementsprechend mit seiner Kritik an Westerwelles Kanzlerkandidatur zurück und sagt lediglich, dass man ja seine Meinung dazu kenne. Auch er weiß, dass er nur mit Westerwelle eine Chance auf einen Ministerposten hat, sofern die FDP in die Regierung kommt. Ebenso haben sich bereits intern Hermann-Otto Solms mit einem Anspruch gemeldet und auch Jürgen W. Möllemann werden Ambitionen auf ein Ministeramt nachgesagt.

Der Einzige, der sich klug zurück hält, ist Westerwelle selber. Da kein mögliches Ministerium so recht zu Westerwelle passen will, spekulieren manche schon, dass er sich mit dem Fraktionsvorsitz zufrieden gibt. Jeder aber, der Westerwelle etwas kennt, kann sich kaum vorstellen, dass er sich zum Höhepunkt eines von ihm initiierten Erfolgs einen Posten entgehen lassen würde.

Gar kein Posten für Westerwelle?

Die Zurückhaltung passt zu dem FDP-Chef. Er wird so lange abwarten, bis die Situation da ist, anstatt vorher zu wirbeln und sich festzulegen. Bis dahin wird er noch den einen oder anderen Aspiranten abschütteln müssen. Denn auch für Westerwelle ist klar, dass er mit alten Recken und geschassten Ministern aus der Kohl-Ära die FDP nicht zum erhofften Wahlerfolg im September führen kann. Zwar braucht die FDP für eine bestimmte Klientel auch die alten Granden wie Brüderle in Sachen Wirtschaft oder Gerhardt als moralischen Felsen in der Brandung. Doch spätestens nach dem Parteitag wird Westerwelle junge Gesichter ins Spiel bringen müssen, die junge Wähler fangen sollen. Bis dahin kann er die alten Herren noch etwas träumen lassen.

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