Liberalen-Hochburg Wo die FDP 27,7 Prozent holt

Das pittoreske Remshalden im Speckgürtel von Stuttgart ist seit jeher eine Hochburg der FDP. Arbeitslosigkeit und soziale Verteilungskämpfe finden woanders statt. Eine Ortsbegehung in der Heimat der Besserverdiener.

Von Jens Todt


Grunbach im Stuttgarter Speckgürtel: "Eigentlich geht es den Leuten hier ganz gut"
SPIEGEL ONLINE

Grunbach im Stuttgarter Speckgürtel: "Eigentlich geht es den Leuten hier ganz gut"

Remshalden - Wer leichte Kost bevorzugt, der hat im Grunbacher Landgasthof Hirsch nichts zu suchen und muss ins schickere Stuttgart fahren. Hier in der ältesten Wirtschaft des Remstals kommt Fleisch auf den Tisch; ältere Gäste werden sich beim Betrachten der Tageskarte an Gelage aus kalorienreichen Wirtschaftswundertagen erinnern. Spanferkelrücken mit Spätzle und Kalbsleberscheiben bietet die Familie Wachter ihrer Kundschaft an; sehr beliebt ist auch der schwäbische Zwiebelrostbraten, allerdings nur vom süddeutschen Rind - das ist man seiner Kundschaft schuldig.

Erhard Mutzke, Vorsitzender des FDP-Ortsverbands Remshalden, fingert eine Gauloise aus der Packung, lehnt sich zurück und schwärmt vom Jugendmodellbahnclub, von Straßenfesten und Weihnachtsmärkten. Der 67-Jährige ist mit sich und der Welt zufrieden. Selten fährt der pensionierte Industriekaufmann aus der Haut. Kürzlich habe er einen Bekannten gefragt, ob dessen Sohn inzwischen eine Lehrstelle habe. Nein, das müsse man demnächst wohl mal in Angriff nehmen, habe dieser geantwortet. "Das gibt's doch nicht", schimpft Mutzke und zieht an seiner Zigarette, "man muss sich doch kümmern." Die Arbeitslosenquote im Landkreis Rems-Murr, zu dem Remshalden gehört, liegt bei 6,5 Prozent, "zu hoch", findet Mutzke.

Das Wort des FDP-Ortsverbands hat Gewicht in den fünf Ortsteilen der Gemeinde, schließlich gibt es hier, im Stuttgarter Speckgürtel, eine lange Tradition des Liberalismus. Der erste Ministerpräsident Baden-Württembergs, FDP-Mann Reinhold Maier, hat hier im Hirschen oft gezecht und debattiert, eine vergilbte Fotogalerie über der Theke gedenkt der weinseligen Abende im großen Saal des Gasthauses. Der Wahlkreis Waiblingen ist seit jeher ein sicherer Stimmenlieferant für die Liberalen. Über das ehemalige Projekt 18 der Bundespartei können die Remstäler nur lächeln, schließlich erreichte der liberale Ortsverband beim letzten kommunalen Urnengang im Wahllokal Grunbach-Mitte 27,7 Prozent der Stimmen.

Das Gegenteil von Pasewalk

Das Remstal ist beliebt bei den Stuttgarter Pendlern; Porsche-Manager, Mercedes-Mitarbeiter und viele Fußballprofis des VfB Stuttgart verlassen abends den Kessel der Landeshauptstadt durch den Kappelbergtunnel, um möglichst schnell in ihrem Häuschen im Grünen zu sein, umgeben von Weinbergen, geschützt in einer Wohlstandsnische.

Landgasthof Hirsch: "Alle großen Reden wurden im Remstal gehalten"
SPIEGEL ONLINE

Landgasthof Hirsch: "Alle großen Reden wurden im Remstal gehalten"

Wenn der Ortsteil Grunbach das Zentrum der FDP in der vom Mittelstand geprägten Rems-Murr-Region ist, so findet sich im herausgeputzten Fachwerkhaus des Hirschen zweifellos dessen Keimzelle. An der Reinhold-Maier-Straße gelegen, wenige Meter vom Reinhold-Maier-Platz entfernt, trifft sich Mutzkes Truppe an den wuchtigen Tischen der Gaststube, um Lokalpolitik zu machen.

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel war Ende Juli auf Wahlkampftour im Osten Deutschlands unterwegs. Er besuchte den Landkreis Uecker-Randow, die Region mit der bundesweit höchsten Arbeitslosigkeit. Mehr als 28 Prozent der Menschen in der Gegend um Pasewalk finden keine Beschäftigung. Wer anderswo Chancen auf Arbeit hat, der geht. Zurück bleiben die Alten und schlecht Qualifizierten. Von Grunbach aus gesehen, ist Pasewalk etwa so weit entfernt wie die abgewandte Seite des Mondes.

Remshalden ist eine Antithese zu den entvölkerten, darbenden Gemeinden im Osten. Zwischen der vierspurigen Bundesstraße 29 und den Reben der "Berglen" genannten Hügelkette liegen gepflegte, weiß verputzte Einfamilienhäuser. Im alten Ortskern schmiegen sich jahrhundertealte Fachwerkhäuser an den Hang. Es fällt leicht, sich Heimatfilme aus den fünfziger Jahren vorzustellen, wenn man durch Grunbachs Gassen geht.

"Eigentlich geht es den Leuten hier ganz gut"

Bettina Glas, Pressesprecherin des Landratsamtes Waiblingen, stutzt zunächst, als sie nach der Zahl der Sozialhilfe-Empfänger in der Region gefragt wird. "Eigentlich ist das hier eher eine Gegend, wo es den Leuten ganz gut geht", so Glas, aber sie werde mal schauen. Wenig später hat sie die Zahlen parat; von den rund 13.800 Einwohnern der Gemeinde Remshalden beziehen genau 19 Sozialhilfe.

Ludwig Fischer, Bauunternehmer und Fraktionsvorsitzender der FDP im Gemeinderat, wehrt sich gegen die Einschätzung, auf einer Insel der Seligen zu leben. Seine Firma hat rund 70 Mitarbeiter, "etwa die Hälfte von ihnen sind Italiener", betont Fischer, "die arbeiten zum Teil in der vierten Generation bei uns." Allerdings könne er kaum noch mit den Großen der Branche konkurrieren. "Deren polnische Arbeiter kriegen drei Euro fünfzig die Stunde, wie soll das gehen?" schimpft er, "ich muss meine Leute doch anständig bezahlen."

Vorsitzender Mutzke vor Fotogalerie: Weinselige Abende im großen Saal
SPIEGEL ONLINE

Vorsitzender Mutzke vor Fotogalerie: Weinselige Abende im großen Saal

In Remshalden kümmere man sich umeinander, betont Mutzke, das Gemeinwesen sei intakt. Wer mit dem Auto kommt, der muss aufpassen, dass sein Foto nicht beim Landratsamt in Waiblingen landet. Von zwei Seiten ist die Gemeinde durch fest installierte Radarfallen gesichert. Als am frühen Nachmittag doch einmal ein Stuttgarter BMW-Fahrer den Motor auf der Reinhold-Maier-Straße aufheulen lässt, schickt ihm eine ältere Passantin einen Schwall schwäbischer Flüche hinterher.

Lichtjahre von den Problemen entfernt

Nun richten sich die Blicke nach Berlin. Vielleicht sind die Liberalen aus dem Wahlkreis Waiblingen demnächst wieder im Bundestag vertreten. Rechtsanwalt Hartfrid Wolff steht auf Platz fünf der Landesliste; sollte die FDP die Fünf-Prozent-Hürde überspringen, hätte der 34-Jährige ein Mandat sicher.

Vor der Eroberung der Hauptstadt kümmern sich die Liberalen erst einmal um die Probleme vor Ort. Der Neubau des Rathauses müsse endlich beschlossen werden. Sollte die Gemeinde das 15-Millionen-Projekt angehen, müsste sich Remshalden "zum ersten Mal höher verschulden", wie Mutzke betont. Dennoch ist das Remstal nach wie vor Lichtjahre von den Problemen im übrigen Deutschland entfernt. Als vor einem Jahr für die Hauptschule im Ortsteil Geradstetten eine Sozialarbeiterin gesucht wurde, lehnte die Schulbehörde es ab, Fördermittel bereit zu stellen, schließlich handle es sich nicht um eine Brennpunktschule. Flugs stellte die Gemeinde für drei Jahre eine Halbtagskraft ein - auf eigene Kosten.

Doch auch in der süddeutschen Kuschelzone ist nicht alles eitel Sonnenschein, manchmal gibt es auch echte Probleme. Im Gästebuch der Internet-Seite der Gemeinde beklagt sich ein enttäuschter Bürger bitter über die Informationspolitik in seinem Heimatort: "Die 1. Fußballmannschaft des SV Remshalden ist Bezirksmeister 04/05 geworden und es gibt nicht eine einzige Meldung darüber! Eine Schande!"



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.