Libyen-Kommandeurin Woodward "Ich bin stolz auf unsere Mission"

Für die Operation "Odyssey Dawn" koordinierte General Margaret Woodward den Luftkrieg über Libyen - vom deutschen Stützpunkt Ramstein aus. Im Interview spricht sie über die Schwierigkeiten der Mission, das deutsche Jein zum Einsatz - und darüber, wie lange der Konflikt noch dauern könnte.

USAF

SPIEGEL ONLINE: General Woodward, herzlichen Glückwunsch - Sie haben seit ein paar Tagen einen eigenen Wikipedia-Eintrag.

Woodward: Danke, leider hatte ich noch keine Zeit dazu, ihn zu lesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die "Operation Odyssey Dawn"?

Woodward: Sie war auf jeden Fall ein Erfolg. Zweifelsohne haben wir alles dafür getan, damit die Resolution des Uno-Sicherheitsrats zur Sperrung des Luftraums über Libyen umgesetzt werden kann. Das Ziel war es, Gaddafi davon abzuhalten, seine eigenen Leute aus der Luft zu attackieren. Das ist uns gelungen: Seit dem 19. März hat er keine Angriffe mehr fliegen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Die Front in Libyen scheint sich allerdings kaum noch zu bewegen, ein Patt zwischen Rebellen und Regierungstruppen zeichnet sich ab.

Woodward: Gaddafis Flugabwehrsystem ist zerstört, und dank unserer Intervention konnte die Zivilbevölkerung weitgehend vor ihm geschützt werden. Schauen Sie sich an, wie die Situation noch Mitte März war: Die Gaddafi-Truppen marschierten unaufhaltsam auf Bengasi zu. Ich war zu diesem Zeitpunkt sehr besorgt, ob wir es schaffen würden, die Soldaten zurückzudrängen und die 700.000 Menschen in der Stadt zu schützen, die andernfalls mit Sicherheit niedergemetzelt worden wären. Insofern bin ich sehr stolz darauf, was wir erreicht haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommandiert man einen Luftkrieg aus 2000 Kilometern Entfernung?

Woodward: Das beschreibe ich Ihnen gerne - wie viel Zeit haben Sie?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben uns 20 Minuten Interview-Zeit gegeben.

Woodward: Dann fasse ich mich kurz. Sie müssen sich das wie das Dirigieren eines Orchesters vorstellen. Nur dass es da draußen kein Solo gibt, alles kommt auf das Zusammenspiel an. Die Mission war nicht einfach, alles musste sehr kurzfristig umgesetzt werden, viele von unseren Leuten vor Ort haben rund um die Uhr gearbeitet. Im Air Operation Center Ramstein planen wir den Einsatz der Tankflieger, damit jeder Jet genug Kerosin für den Kampf hat. Außerdem koordinieren wir die Überwachungs- und Aufklärungsflugzeuge. Sie beliefern uns mit entscheidenden Informationen über potentielle Ziele und helfen uns bei der Auswertung, wie wirksam unser Beschuss war.

SPIEGEL ONLINE: Welche Informationen haben Sie während des Luftkriegs als erstes gecheckt, wenn Sie morgens aufgestanden sind?

Woodward: Der Tag begann morgens um 6 Uhr mit einem Lage-Update, anschließend leitete ich die Mitarbeitersitzung im Air Operation Center. Von Geheimdienstinformationen über die Wettervorhersage bis hin zu einer Auswertung des Vortags wird dort alles durchgegangen. Außerdem muss der laufende Tag geplant werden - die wichtigsten Angriffsziele, die Kampfstrategie. Gegen 8 Uhr schalteten wir uns in einer Konferenz mit Marine-Admiral Sam Locklear auf der "USS Mount Whitney" im Mittelmeer zusammen. Bis zum frühen Vormittag stand der sogenannte "Master Attack Plan", welcher als "Air Tasking Order" an die Luftgeschwader weitergegeben wird.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie Verständnis für die deutsche Haltung, sich nicht an den Kämpfen zu beteiligen?

Woodward: Wir alle hier verstehen, dass jedes Land eigene Interessen vertritt und dementsprechend handeln muss. Ich kann Ihnen aber sagen, dass jeder einzelne Koalitionspartner eine unglaubliche Hilfe war. Nur im Zusammenschluss konnte der Einsatz seine Wirkung zeigen. Allein in Ramstein waren 400 Menschen an der Planung und Durchführung der Mission beteiligt. Von außen sah das wahrscheinlich ziemlich mühelos aus. Letztenendes war das aber nur möglich, weil ich mich auf ein professionelles und engagiertes Team verlassen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie den Job der Luftflotten-Chefin im Sommer 2010 übernommen haben, war ein Krieg mit Libyen noch nicht abzusehen. Auch koordinierte das Africom, dessen Kommando Ihre Flotte untersteht, vor allem humanitäre Einsätze.

Woodward: Das Africom arbeitet intensiv daran, dass Krisen auf dem afrikanischen Kontinent nicht zu einem Konflikt werden. Das ist das oberste Ziel des Kommandos. Aber natürlich müssen wir immer auf alles vorbereitet sein.

SPIEGEL ONLINE: Auf offiziellen Fotos sind sie oft die einzige Frau in Uniform. Ist die Armee noch immer eine hierarchisch durchorganisierte Männerdomäne?

Woodward: Das US-Militär ist sehr "geschlechtsoffen", wenn ich es einmal so ausdrücken darf. Wir führen alle einen sehr gleichberechtigten Wettbewerb. Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt, weil ich eine Frau bin. Am Ende zählt, was man kann und welche Führungsqualitäten man hat. Innerhalb der Armee ist die Frage nach dem Geschlecht kein großes Thema.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit Anfang 20 in die Air Force eingetreten, jahrzehntelang selbst geflogen. Die Kommando-Ebene ist aber vor allem ein Bürojob...

Woodward: ...oh, ich fliege noch, im Januar habe ich mich für die C-130J Super Hercules (ein militärischer Frachtflieger-Typ, Anm. d. Red.) qualifiziert. In den vergangenen Wochen hatte ich aber in der Tat keine Zeit zum Fliegen. Es war einfach zu viel los.

SPIEGEL ONLINE: Warum Fliegerei, warum die Luftwaffe?

Woodward: Ich wollte schon immer nichts anderes, als fliegen. Vielleicht ist es die Schuld von meinem Großvater, der ist im Ersten Weltkrieg geflogen. Ich würde meinen Job in der Air Force für nichts in der Welt eintauschen.

SPIEGEL ONLINE: Auch nicht für eine Karriere in der Politik? Sie haben immerhin das gleiche College wie Colin Powell besucht, ehemaliger General und früherer Außenminister der USA.

Woodward: Ich kann Ihnen versichern: absolut nicht. Nichts liegt mir ferner. Ein Leben als Politikerin ist keine Option für mich. Was mich in der US-Luftwaffe hält, sind vor allem die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Die Piloten, die ich anleiten darf, sind unglaublich. Es gibt keine Worte, Freude und Stolz zu beschreiben, die ich angesichts ihrer Hingabe und ihres Könnens empfinde.

SPIEGEL ONLINE: Libyen ist nicht der einzige Brandherd in Afrika, sind in Zukunft weitere militärische Interventionen auf dem Kontinent denkbar?

Woodward: Unser Fokus ist in erster Linie, unsere Partner in Afrika zu unterstützen, ihnen dabei zu helfen, Probleme zu lösen, so dass eben keine militärischen Interventionen notwendig sind. Natürlich beobachten wir die Brandherde Afrikas sehr genau, etwa in der Elfenbeinküste. Dort machen die Uno-Blauhelme einen hervorragenden Job.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange wird der Konflikt in Libyen Ihrer Meinung nach noch anhalten?

Woodward: Darüber kann ich keine Vermutung anstellen, weil es einzig und allein von Gaddafi abhängt. Sobald er einwilligt, die Bedingungen der Uno-Resolution zu erfüllen, wird der Konflikt logischerweise beendet sein. Gaddafi hat es in der Hand.

Das Interview führte Annett Meiritz

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