Wagenknecht-Nachfolgerin Mohamed Ali Aus der Deckung

Amira Mohamed Ali führt fortan mit Dietmar Bartsch die Linksfraktion. Sie folgt auf die umstrittene Sahra Wagenknecht. Doch das Ergebnis ihrer Wahl offenbart, wie tief die Gräben bei den Genossen immer noch sind.
Neue Linken-Fraktionschefin: Amira Mohamed Ali hat sich knapp durchgesetzt

Neue Linken-Fraktionschefin: Amira Mohamed Ali hat sich knapp durchgesetzt

Foto: Carsen Koall/DPA

Sie ist ab jetzt offiziell die mächtigste Linke im Bundestag. Doch die frisch gewählte Fraktionsvorsitzende muss sich erst einmal vorstellen. "Guten Tag, Amira Mohamed Ali ist mein Name", sagt Amira Mohamed Ali, als sie am Dienstagnachmittag im Reichstag vor die Presse tritt.

Und tatsächlich ist die gebürtige Hamburgerin noch weit von der Prominenz ihrer Vorgängerin entfernt. Sahra Wagenknecht ist der Superstar bei den Linken, führungserprobt, gern gesehener TV-Gast, angriffslustig - persönlich hochumstritten.

Mohamed Ali dagegen sitzt selbst erst seit 2017 im Bundestag. Ihre Themen: Tier- und Verbraucherschutz. Zwar zählt sie zu den Parteilinken, galt bislang aber als still und unauffällig. Aus den großen Grabenkämpfen der Linken hielt sie sich stets raus.

Streit nicht beendet

Vielleicht ist es genau das, was ihr an diesem Tag in der Fraktion den Sieg beschert. Mit 36 zu 29 Stimmen setzt sie sich gegen Caren Lay durch, eine erfahrene Frau mit einem stabilen Netzwerk. Lay war bei den Linken schon Bundesgeschäftsführerin, Parteivize, stellvertretende Fraktionschefin.

Doch sie war über Jahre auch eine der engsten Weggefährtinnen von Katja Kipping, hielt der Parteichefin in deren Kleinkrieg mit Wagenknecht den Rücken frei. Lay, heißt es aus der Fraktion nun immer wieder, habe einfach zu sehr die alten Konflikte verkörpert.

Dabei ist klar, dass mit Mohamed Alis Wahl der Streit noch lange nicht beendet sein dürfte. Zu knapp, zu dramatisch ist das, was an diesem Nachmittag bei den Linken passiert.

Komplizierte Ausgangslage

Dass es eng werden dürfte, darauf hatten sich beide Lager eingestellt. Die Ausgangslage war auch wahrlich kompliziert. Bei den Linken gibt es vereinfacht gesagt drei machtpolitische Gruppen mit ausfasernden Rändern:

  • Die Vertreter des traditionellen linken Flügels, dessen Anführerin stets Wagenknecht war und zu dem auch Mohamed Ali gehört,
  • die Reformer um Mohamed Alis künftigen Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch,
  • eine bunt gemischte Truppe aus Hardliner-Linken, die auf Distanz zu Wagenknecht gegangen sind, und Pragmatikern, die sich mit Bartsch überworfen haben - eingesammelt wurden sie von Katja Kipping.

Klar war: Lay hatte die Kipping-Leute hinter sich, Mohamed Ali die Wagenknecht-Anhänger. Und klar war auch: Bartsch selbst favorisiert die Parteilinke. Mit ihr verbindet ihn zwar inhaltlich weniger. Doch Lay kann Bartsch persönlich seit Jahren nicht ausstehen, was auf Gegenseitigkeit beruht.

Ringen um Reformer

Nicht klar war wiederum allerdings lange, was die anderen Reformer aus Bartschs Umfeld tun würden. Denn dort ist der Frust schon groß. Seit 2015 hatte Bartsch die Fraktion gemeinsam mit Wagenknecht geführt. Eine Zwangsehe der erbittert zerstrittenen Linken und Pragmatikern, die Ruhe bringen sollte. Doch viele Reformer litten zunehmend unter dem ungewöhnlichen Bündnis. Wagenknechts Alleingänge, etwa in der Flüchtlingspolitik, sorgten immer wieder für Unmut. Nun also noch einmal eine Linke mitwählen?

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Sahra Wagenknecht: Rückzug des linken Superstars

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Ralf Hirschberger/ dpa

Bis kurz vor der Wahl führen beide Kandidatinnen Gespräche. Am Montagabend treffen sich die Reformer in einem Berliner Restaurant. Nur eine Bewerberin ist eingeladen, um sich dort noch einmal zu präsentieren: Mohamed Ali. Spätestens in diesem Moment ist klar, dass die Rechtsanwältin, die mittlerweile in Oldenburg lebt, die Reformer auf ihrer Seite hat - und damit bei der Abstimmung die besseren Karten.

Sie muss trotzdem in den zweiten Wahlgang.

Wagenknecht-Fans jubeln

34 von 69 Abgeordneten votieren für die 39-Jährige in der ersten Runde, auf Lay entfallen 30 Stimmen, vier Genossen enthalten sich. Absolute Mehrheit verfehlt. In Runde zwei setzt sich Mohamed Ali mit 52,2 Prozent der Stimmen durch. Ein Zeichen von Frieden und Eintracht ist dieses Ergebnis wahrlich nicht.

Am Ende jubeln vor allem die alten Wagenknecht-Fans. Vor dem Fraktionssaal fallen sie sich in die Arme, machen Fotos und Videos von ihrer neuen Heldin. Auch Bartsch grinst - und das, obwohl er selbst nur mit einem blauen Auge davongekommen ist. Ohne Gegenkandidat holt Bartsch 63,7 Prozent der Stimmen. Vor vier Jahren waren es noch etwa 80 Prozent.

Wichtige Fragen bleiben weiter offen: Können Bartsch und Mohamed Ali die zersplitterte Fraktion einen? Wie verhält sich die Gegenseite? Und kann Mohamed Ali jemals aus Wagenknechts Schatten treten?

Diese wiederum ist eine der wenigen unter den Genossen, die an diesem Tag durchweg entspannt wirkt. Wagenknecht hatte sich wegen gesundheitlicher Probleme zurückgezogen. Sie sei ganz sicher erleichtert, sagt sie nun vor Journalisten, weil sie sich jetzt auf andere Aufgaben konzentrieren könne. Wagenknecht bleibt zwar Abgeordnete. Doch um die Fraktionskämpfe müssen sich fortan andere kümmern.

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