Linke-Debatte SPD in Aufruhr - Zweifel an Becks Führungsqualität

Die unumstrittene Nummer Eins der SPD - das war Kurt Beck bis vor zehn Tagen. Mit seiner Entscheidung, die Partei zur Linken zu öffnen, hat er sich angreifbar gemacht. Seine Autorität bröckelt. Parteifreunde fragen sich: Eignet sich dieser Mann wirklich zum Kanzlerkandidaten?

Berlin - Garrelt Duin hatte es schon am Montag vorhergesagt. Sein Eindruck sei, dass der SPD-Parteivorstand nicht wirklich hinter diesem Beschluss stehe, hatte der niedersächsische SPD-Landeschef den zahlreichen Journalisten vor dem Willy-Brandt-Haus erklärt. Das mochten die meisten nicht glauben, schließlich waren die Fakten geradezu erschlagend eindeutig: Das 13-köpfige Präsidium hatte den Beschluss einstimmig abgenickt, der 45-köpfige Parteivorstand fast einstimmig - nur Duin war dagegen.

Es schien, als habe SPD-Chef Kurt Beck seine Kritiker hinter sich gezwungen. Fortan dürfen die SPD-Landesverbände wieder frei entscheiden, mit wem sie zusammenarbeiten - auch mit der Linken. Damit hatte Beck seine alte Ansage "Keine Kooperation mit der Linken im Westen und im Bund" revidiert.

Kaum war der Beschluss jedoch gefasst und die These in der Welt, dass die SPD sich nun der Linken im Westen öffne, distanzierten sich die ersten schon wieder. Vertreter des reformorientierten "Netzwerks" und des konservativen "Seeheimer Kreises" in der SPD nannten den Beschluss "strategisch falsch" oder "außerordentlich gefährlich". Etliche der Beteiligten ließen mitteilen, dass sie nur zugestimmt hätten, um die Autorität Kurt Becks nicht zu beschädigen. Die Öffnung zur Linken lehne man jedoch ab - und habe dies intern auch der hessischen Landesvorsitzenden Andrea Ypsilanti deutlich gemacht.

Der Sturm der Empörung über Kurt Beck flaut seither nicht mehr ab: kein Tag, an dem nicht mehr oder weniger prominente Genossen direkt oder indirekt den Parteichef für seinen "schwerwiegenden Fehler" (Beck über Beck) attackieren. Becks vor zehn Tagen in einer Journalistenrunde gemachte Bemerkung, Ypsilanti werde sich notfalls ohne eigene Mehrheit im Landtag zur Wahl stellen, wirkt weiter nach.

Auch Becks halbe Entschuldigung vom Wahlabend, als er sein Bedauern über die "Irritationen" im Wahlkampf ausdrückte, konnte die Wut nicht dämpfen. Den vorläufigen Höhepunkt lieferte heute der Hamburger Johannes Kahrs, einer der drei Sprecher des "Seeheimer Kreises", als er Beck aufforderte, den Parteivorstandsbeschluss wieder zu kippen. Den Protest könne Beck nicht einfach aussitzen, begründete Kahrs laut "Bild"-Zeitung.

Nun war dies eine nicht ganz ernstzunehmende Einzelmeinung, wie der "Seeheimer Kreis" selbst umgehend betonte. Man könne schließlich nicht ständig die Parteilinie ändern, hieß es. Doch über dem Parteichef, der weiterhin grippekrank im Bett liegt, braut sich ein ordentliches Gewitter zusammen. "Die Partei ist sehr in Aufruhr, das ist zu spüren", sagte Duin SPIEGEL ONLINE.

Die Reaktion der Parteiführung ist merkwürdig nonchalant. Weil sich auch SPD-Veteranen wie Hans Apel und Wolfgang Clement im Chor der Kritiker befinden, wird so getan, als habe man es bloß mit "Politrentnern" zu tun, die man ignorieren kann.

Dabei handelt es sich um den bisher breitesten Aufstand gegen Beck, der sein Image wohl nachhaltig beschädigen wird. Bisher galt der Pfälzer bei aller Kritik an seinem provinziellen Habitus als glaubwürdig, prinzipienfest und machtversiert. Alle diese Qualitäten werden nun bezweifelt. Einen so fundamentalen Strategieschwenk ohne vorherige Diskussion und ohne Abstimmung mit der Parteiführung nebenbei anzukündigen, sei einfach dilettantisch, wird bemängelt. Auch die Eignung zur Kanzlerkandidatur, die Beck sich erst hart erarbeiten musste, wird ihm von den ersten wieder abgesprochen.

In einem vierseitigen Brandbrief, der dem SPIEGEL vorliegt, warf der Hamburger Wahlverlierer Michael Naumann heute Beck vor, die beiden sozialdemokratischen "Urtugenden" Solidarität und Loyalität auf die Probe gestellt zu haben. Becks Bemerkungen hätten die Glaubwürdigkeit der Hamburger SPD aufs Spiel gesetzt und "womöglich auch den Wahlsieg gekostet", schrieb Naumann.

Zwar kann Beck in dem Richtungsstreit auf den linken Flügel zählen, der seinen Kurs vorbehaltlos stützt. Auch der mächtige nordrhein-westfälische Landesverband gab Beck heute erneut Rückendeckung. Selbst Kritiker Duin sagte, er halte nichts davon, die Debatte jetzt so zu personalisieren: "Man sollte nicht immer sofort alle möglichen Ämter hinterfragen".

Aber in der SPD-Bundestagsfraktion, noch nie ein Beck-Fanclub, hat Beck seinen Ruf vorerst verspielt. Und die stellvertretenden Parteivorsitzenden Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück werden es nicht so schnell vergessen, wie der Pfälzer sie in den Gremien am Montag auf Linie gezwungen hat.

Am Wochenende dürfte der Druck auf Beck noch einmal zunehmen, sodass er sich für den Parteirat am kommenden Montag etwas einfallen lassen muss. Auch wenn der Parteirat als harmloses, nicht rebellisches Gremium gilt - nochmaliges Fehlen wie im Parteivorstand kann der Parteichef sich nicht leisten. "Den Unmut muss Beck nun aufgreifen", empfahl Duin. "Dafür ist mehr nötig als die zwei Sätze vom Wahlabend."

Mitarbeit: Florian Gathmann

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