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11. Juni 2017, 10:31 Uhr

Gregor Gysi

"An uns darf Rot-Rot-Grün nicht scheitern"

Ein Interview von

Auf dem Linke-Parteitag hat Gregor Gysi vehement für ein Bündnis mit SPD und Grünen getrommelt und die EU verteidigt. Im Interview erklärt er, warum das in seiner Partei so schwierig ist.

Die Linke ringt um Grundsatzfragen: Regieren - ja oder nein? Raus aus der EU oder sie von innen verändern? Gregor Gysi, Präsident der Europäischen Linken, hat seine Partei zu einem pragmatischen Kurs ermahnt. In seiner Parteitagsrede in Hannover forderte er statt einer Rückkehr zum Nationalstaat mehr Investitionen in der EU, eine Reduzierung der Schulden, soziale Mindeststandards, mehr Demokratie und ein Nein zur europäischen Armee. Im Bund plädierte er vehement für eine Koalition mit SPD und Grünen.

In seiner Partei macht er sich damit nicht nur Freunde. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE appellierte er an die Genossen, sich künftig "weniger mit sich selbst zu beschäftigen. "Wir sind nicht für uns selbst da", sagte der Altstar der Partei. Wenn man etwas verbessern könne, müsse man das auch tun. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz warf Gysi Fehler vor.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gysi, erschreckt es Sie eigentlich, dass viele Linke immer noch von der Abschaffung der EU träumen?

Gregor Gysi: Diese Diskussion gibt es ja in ganz Europa. Als Präsident der Europäischen Linken kenne ich die Auseinandersetzungen, etwa in Dänemark oder in Portugal. Bei aller harten Kritik, die ich ja auch teile: Wir müssen die EU retten. Ich kämpfe dafür, und ich werde Schritt für Schritt optimistischer, dass eine Mehrheit der Linken in Europa das auch so sieht.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Partei heißt es immer wieder, bei einer Regierungsbeteiligung drohe der Ausverkauf der eigenen Positionen. Wie wollen Sie die Fundamentaloppositionellen jemals überzeugen?

Gysi: Man muss ihnen sagen, dass wir nicht für uns selbst da sind. Wenn wir mehr Frieden erreichen können, wenn wir die prekäre Beschäftigung zurückdrängen können, wenn wir den Niedriglohnsektor überwinden können - das ist doch der Zweck. Und das haben die Menschen doch verdient. Sollen wir den Leuten im Osten sagen: Ihr müsst noch 40 Jahre bis zur Angleichung der Renten warten, nur weil wir uns zieren und nicht in eine Regierung gehen wollen? Das geht gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Also müsste die Linke die Chance auf eine Koalition auf jeden Fall ergreifen?

Gysi: Natürlich gibt es Grenzen. Ich sage immer: Die Schritte müssen in die richtige Richtung gehen, aber sie können kürzer sein, als wir uns das vorstellen. Wenn man Schritten in die falsche Richtung zustimmt, beraubt man sich seiner Identität.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD ist in den Umfragen wieder abgesackt - für ein Mitte-Links-Bündnis wird es jetzt schwer. Sind Sie enttäuscht von Martin Schulz?

Gysi: Martin Schulz hat einen großen Fehler gemacht: Nachdem er sich mit Sigmar Gabriel auf seine Kandidatur geeinigt hatte, sind beide am nächsten Tag vor die Presse getreten. Auf die Idee, sich ein bisschen vorzubereiten, sind sie nicht gekommen. Man muss doch ein Team bilden, man muss sich inhaltlich verständigen, klar sagen, mit welchen politischen Vorstellungen man Kanzlerkandidat werden will. Stattdessen haben sie die Koalitionsfrage hoch und runter diskutiert. Ich hoffe, die SPD liefert jetzt endlich mal Inhalte.

SPIEGEL ONLINE: Sahra Wagenknecht sagt, Rot-Rot-Grün sei praktisch tot. Hat sie recht?

Gysi: Es scheint im Augenblick so. Die SPD kann sich aber noch ändern, und außerdem muss man wissen, wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Wir wissen heute ja noch nicht, wie die Situation im September ist. An uns darf Rot-Rot-Grün jedenfalls nicht scheitern.

SPIEGEL ONLINE: Und das wird es auch nicht?

Gysi: Ich glaube, eine Mehrheit würde einer Koalition zustimmen. Klar gäbe es einige, die versuchen würden, das zu verhindern. Und wir hätten mit Sicherheit auch einen hitzigen Parteitag. Aber Leidenschaft ist in Ordnung, wenn wir uns künftig etwas weniger mit uns selbst beschäftigten.

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