Sahra Wagenknechts Rückzug Genossin Superstar

Die Linken wählen eine neue Fraktionsspitze. Damit endet die Amtszeit von Sahra Wagenknecht. Über Jahre hat sie Debatten geprägt und für Streit gesorgt. Was wird nun aus ihr?

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Es ist Dienstag, der 12. November 2019. Dieser Tag, so viel kann man jetzt wohl schon sagen, wird für die Linken eine Zäsur. Nicht nur, weil die Bundestagsfraktion der Genossen eine neue Führung wählt. Klar, auch hier gibt es Gewissheiten und große Fragen, die entscheidend sein können für die Zukunft der Linken. Dass Dietmar Bartsch erneut gewählt wird, gilt als einigermaßen sicher.

Doch wer führt an seiner Seite fortan die Fraktion? Amira Mohamed Ali, die Parteilinke? Oder die Pragmatikerin Caren Lay? Und gelingt es dem neuen Spitzenduo, die chronisch zerstrittene Parlamentstruppe zu befrieden?

Eine Zäsur ist dieser Tag aber nicht allein, weil eine Neue kommt, sondern vor allem, weil eine geht - und zwar die mit Abstand prominenteste Genossin, die die Linken in ihren Reihen haben: Sahra Wagenknecht.

Wagenknecht stellt 2018 offiziell die Bewegung "Aufstehen" vor
Bernd von Jutrczenka/ DPA

Wagenknecht stellt 2018 offiziell die Bewegung "Aufstehen" vor

Über Jahre hat die heute 50-Jährige die Partei geprägt, Debatten bestimmt und immer wieder für Streit gesorgt. Niemand polarisierte bei den Linken so stark wie Wagenknecht, die nach der Wende zum Gesicht des kommunistischen Hardliner-Flügels avancierte, um später auf ihrem persönlichen Marsch durch die Linken-Institutionen immer näher an die Mitte der Partei zu rücken: Als stellvertretende Parteivorsitzende, als Fraktionsvize, seit 2015 als Chefin der Genossen im Bundestag.

Sahra Wagenknecht - Stationen der umstrittensten Genossin in Bildern:

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Sahra Wagenknecht: Rückzug des linken Superstars

Wagenknecht hat im Laufe der Jahre ihren fundamentaloppositionellen Habitus abgeschüttelt. Mit dem Oberrealo Dietmar Bartsch kam sie entgegen vieler Erwartungen gut aus. Sie wehrte sich nicht mehr gegen Regierungsbeteiligungen, kürzlich befürwortete sie gar Gespräche der Linken in Thüringen mit der Union.

Zugleich blieb Wagenknecht Außenseiterin, als Netzwerkerin begriff sie sich bis zuletzt nicht. Mit ihren migrationspolitischen Alleingängen stieß sie viele Genossen vor den Kopf, ihre Sammlungsbewegung "Aufstehen" wurde ihr gemeinhin als Versuch ausgelegt, die Partei zu spalten.

Der von beiden Seiten verbissen geführte Machtkampf mit der Parteispitze, vor allem zwischen Wagenknecht und der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping, lähmte die Genossen über Jahre hinweg.

Im Frühjahr erklärte Wagenknecht schließlich, sie wolle bei den nächsten Wahlen nicht mehr für den Fraktionsvorsitz kandidieren. Als Grund gab sie Burn-out an. Noch heute gibt sie den innerparteilichen Querelen die Schuld an ihren gesundheitlichen Problemen: "Ich war irgendwann aufgerieben von den ständigen internen Angriffen", sagt sie.

Die Frage ist nun, ob es ihrer Nachfolgerin gelingen wird, aus Wagenknechts Schatten zu treten. Einer Frau, die gern gesehener Gast in TV-Talkshows ist - der letzte echte Superstar der Linken nach den Rückzügen von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi aus der ersten Reihe.

Die Frage ist aber auch, welche Rolle Wagenknecht künftig spielen wird. Ihr Mandat will sie schließlich behalten, auch eine erneute Kandidatur für den Bundestag schließt sie nicht aus. "Ich möchte weiter politisch etwas bewegen, und deswegen werde ich natürlich auch nach wie vor meine Positionen öffentlich vertreten und dafür werben", sagte sie.

Die Ära Wagenknecht, so scheint es, ist noch nicht zu Ende.



insgesamt 102 Beiträge
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Peter E.Funck 12.11.2019
1. Warum nicht Vorsitzende der SPD
Sie wäre perfekt für eine Sozial-Demokratische Partei! Eine dann vielleicht wieder linke Partei!
nurEinGast 12.11.2019
2. 1
Ihren Werdegang über die Jahrzehnte zu beobachten war schon eindrucksvoll. Persönlich würde mich interessieren, wieviel Einfluss Lafontaine auf sie hatte. Unterm Strich halte ich sie heute für eine der Besten Politikerinnen der Linken und Deutschlands. Man muss ihre Positionen nicht mögen, aber man sollte ihr doch zugestehen, dass sie sehr überzeugend und verständlich für ihre Positionen kämpft. Da können die "alternativlosen" Karrenbauer und Merkels noch einiges von ihr lernen.
xismus 12.11.2019
3. Sarah Wagenknecht: Rückzug
Der Rückzug ist schade - der Rückzug in toto ist verständlich. Eine kluge Frau, der immer verblendete, sozialistische, kommunistische Ideologie von Ignoranten unterstellt wurde, aber die Ignoranten hatten keine Argumente gegen die intelligenteren Ausführungen und Debattenbeiträge von Sarah Wagenknecht. Sie hat die von politischen und Gegnern aus den eigenen Reihen immer wiede abwertend, beleidigend, desavouierend, denunziered völlig falsch genutzten Begrifflichkeiten Sozialismus und Kommunismus zu einem zeitgemäßen - für das 21. Jahrhundert, sozialen Kapitalismus verstanden und iunterpretiert und auch in vielen Wortbeiträgen, Artikeln, Kommentaren und Büchern begründet.
Weltenreiter 12.11.2019
4. Superstar??
Was bitte ist ein ?Superstar? in der Politik? Gab es da ein Casting bei Herrn Bohlen - oder in der Spiegel-Redaktion? Ich dachte bislang, PolitikerInnen werden demokratisch in Ämter gewählt, um da ihrer Grundaufgabe, nämlich Politik zu gestalten. Das hat allerdings auch Frau Wagenknecht nicht immer so gesehen. Sie glaubte - und glaubt immer noch - dass sie die Medien für die Durchsetzung ihrer Positionen nutzen kann. Allerdings hat sie dabei übersehen - oder nicht wahrnehmen wollen - dass die Medien Frau W. für die eigenen Interessen benutzt haben und weiter benutzen werden, nämlich, die Linke insgesamt anzugreifen. Und dieses Spiel werden Medien und Frau W., unbelastet von einem Amt, dass sie noch in eine gewisse Loyalität zwingt, gerne weiter spielen.
pauli96 12.11.2019
5. Es ist zu hoffen,
dass SW der Politik erhalten bleibt. So viele kluge und auch unabhängige Köpfe gibt es da nicht. Für die LINKE sehe ich schwarz. Keiner, der das Format hat, eine eigenständige linke Politik zu vertreten. Die Betonung liegt dabei auf Eigenständigkeit. Die Anbiederung an die Migrationspolitik der offenen Grenzen marginalisiert die Linke im Osten. Wähler im Westen, mit dieser Auffassung, wählen grün. Offensichtlich hat nur Sahra Wagenknecht erkannt, dass die klassischen Wähler und Nutznießer der Linken eigentlich in direkter Konkurrenz um billigen Wohnraum und Transferleistungen mit den neuen, gehypten Mitbürgern stehen. Das alte Problem der linken, grünen Weltenretter aka Salonkommunisten. Armut und vor allem Perspektivlosigkeit gabs schon vor 2015 in Deutschland. Hat nur nicht so viele interessiert. Alles Gute, Sahra Wagenknecht!
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