Chefsuche bei den Linken Sozialistischer Proporz

Katja Kipping und Bernd Riexinger hören auf, die Linke braucht eine neue Führung. Allerlei Regeln machen die Kür des Spitzenpersonals so schwierig wie in keiner anderen Partei.
Favoritin für den Linken-Vorsitz: Janine Wissler

Favoritin für den Linken-Vorsitz: Janine Wissler

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Dietmar Bartschs vielleicht bitterste Niederlage bei den Linken hatte unter anderem auch diesen Grund: den selbst verordneten sogenannten Pluralismus der Linken. Im Jahr 2012 wollte der heutige Fraktionschef Parteivorsitzender werden. Doch in den Kampf um den zuerst vergebenen Posten in der Doppelspitze durfte er nicht eingreifen. Weil er ein Mann ist.

Auf dem sogenannten Frauenplatz setzte sich damals Katja Kipping durch. Das wiederum verringerte Bartschs Erfolgsaussichten bei seiner Kandidatur auf der gemischten Liste enorm. Weil Bartsch aus dem Osten kommt - wie Kipping. Weil er Pragmatiker ist - wie Kipping.

Wohl in keiner anderen Partei in Deutschland gibt es so viele geschriebene und ungeschriebene Regeln und Gesetze bei der Kür des Spitzenpersonals. Frauen, Ost- und Westdeutsche, Parteilinke und Gemäßigte - alle wollen und sollen repräsentiert werden.

Da halten nicht einmal die Grünen mit.

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Wer folgt auf Kipping und Riexinger? Die Favoriten für die Linken-Spitze

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Das hat zum einen historische Gründe: Nach der Wende rang man in der PDS darum, das breite Spektrum der SED-Mitglieder nicht zu verlieren, sagt der Mainzer Historiker Thorsten Holzhauser. Es bildeten sich allerlei interne Gruppen und Plattformen. Gleichzeitig habe man den Pluralismus befördert, um sich "moralisch und ideologisch vom DDR-Zentralismus abzusetzen", so Holzhauser.

Mit der Integration der Westlinken und der Fusion zur Linkspartei wuchs der Bedarf, die unterschiedlichen Gruppen an der Führung teilhaben zu lassen. Auch weil sich die Linke als zerstrittene, mitunter tief gespaltene Partei präsentierte - bis heute.

All das macht die Suche nach einer neuen Führung ungemein kompliziert, auch jetzt. Kipping und ihr Co-Vorsitzender Bernd Riexinger hören nach mehr als acht Jahren im Amt auf. Beim Parteitag am 31. Oktober und 1. November in Erfurt sollen ihre Nachfolger gewählt werden.

In diesen Tagen führen Genossen intensive Gespräche. Es gibt Videochats und Treffen, potenzielle Bewerber loten ihre Chancen aus. Es geht um wichtige Fragen: Wer kann die Partei führen? Wer kann sie nach außen vertreten? Wer vertritt welchen Kurs? Doch es geht auch noch um mehr.

  • Mindestens eine Frau

Die Linken treten konsequent gegen Benachteiligung von Frauen ein. Es gibt Frauenquoten für Redebeiträge, Wahllisten und Gremien - und auch für die Parteichefs. Einer der beiden Posten geht garantiert an eine Frau. Für den Co-Vorsitz können sich sowohl Frauen als auch Männer bewerben. Das heißt: Eine weibliche Doppelspitze ist bei den Linken möglich, eine männliche hingegen nicht.

Linkenpolitikerin Janine Wissler

Linkenpolitikerin Janine Wissler

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In der aktuellen Personaldebatte spielt all das derzeit eine entscheidende Rolle. Denn tatsächlich werden zwei Frauen als Topfavoritinnen für die Parteiführung gehandelt. Die stellvertretende Vorsitzende Janine Wissler und die thüringische Landes- und Fraktionschefin Susanne Hennig-Wellsow könnten als Team antreten.

Die spannende Frage wäre jedoch, wer von den beiden auf dem Frauenplatz kandidiert. Denn dort stehen die Wahlchancen angesichts der geringeren Konkurrenz besonders gut.

  • Die Ost-West-Frage

Die heutige Linke hat ihre Wurzeln eigentlich in zwei Parteien: der PDS, die vor allem im Osten verankert war, und der im Westen gegründeten WASG. Nach der Fusion im Jahr 2007 galt es als Selbstverständlichkeit, dass ihre Vorsitzenden beide Teile der Republik repräsentieren: Das war bei Oskar Lafontaine und Lothar Bisky so, bei Klaus Ernst und Gesine Lötzsch ebenfalls - und gleichermaßen auch bei Kipping und Riexinger.

Bei Wissler und Hennig-Wellsow wäre der Proporz gewahrt, auch bei dem ebenfalls diskutierten Duo mit Wissler und dem Parlamentarischen Geschäftsführer Jan Korte.

Klar, es ist zumindest nicht gänzlich auszuschließen, dass die Delegierten beim Parteitag über den bisherigen Brauch hinwegsehen. Zumindest für eine Ost-Doppelspitze gäbe es genügend Optionen: Im Gespräch für den Spitzenposten ist neben Korte etwa auch der ehemalige Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn.

Fraglich, ob die Westverbände so etwas mittragen würden. Sie haben an Einfluss gewonnen, es gibt nun mehr Delegierte aus dem Westen als aus dem Osten. Andererseits: Die Partei hat sich verjüngt, mehr als die Hälfte der Mitglieder hat inzwischen gar keine WASG- oder PDS-Vergangenheit. Zumindest könnten diese alten Gräben in Zukunft an Bedeutung verlieren.

  • Lagerkampf

Eine Ost-Variante mit Hennig-Wellsow und Höhn? So etwas wäre in der Vergangenheit auch deshalb undenkbar gewesen, weil beide dem Pragmatiker-Lager zugerechnet werden. Denn eigentlich achteten die Genossen stets peinlichst darauf, dass die beiden großen Flügel auch an der Parteispitze vertreten sind.

Fest steht: Manche Reformer setzen ein Jahr vor der Bundestagswahl nun aber auf eine Richtungsentscheidung, um die Linke klar als möglichen Koalitionspartner in Stellung zu bringen. Kurz: Sie wollen zwei Pragmatiker an der Spitze. Eine riskante Idee. In diesem Fall dürften die Auseinandersetzungen mit dem linken Lager eskalieren.

Andere Pragmatiker würden deshalb eher die bei Basis und Medien beliebte, aber regierungskritische Wissler akzeptieren, um dafür die regierungserprobte Hennig-Wellsow durchzusetzen. Am Mittwoch äußerte sich sogar Ex-Fraktionschef Gregor Gysi lobend über Wissler.

Doch die Sache ist längst nicht mehr so klar. Parteilinke und Reformer haben sich jeweils in den vergangenen Jahren zersplittert. Wissler etwa gilt zwar als prominente Linksaußenpolitikerin. Mit dem klassischen linken Flügel um Ex-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht lag sie hingegen immer wieder über Kreuz. Die Traditionslinken könnten mit Parteivize Ali Al-Dailami ihren eigenen Kandidaten ins Rennen schicken. Der wiederum kommt auch bei manchen Pragmatikern gut an. Wer unterstützt am Ende wen? Das ist noch nicht ausgemacht.

  • Und sonst?

Die Linke kämpft für Diversität, und es gibt immer mehr in der Partei, die sich wünschen, dass sich das noch stärker in der Führung abbildet. Heißt: Ein Migrant soll an die Spitze, zumindest gibt es diese Forderung.

Der Einzige im bisherigen Favoritenfeld, der dieses Kriterium erfüllt, ist wiederum Al-Dailami, der als Kind aus dem Jemen nach Deutschland geflohen ist. Sein Problem: Al-Dailami gilt nicht nur wie Wissler als Parteilinker, wie sie kommt er auch aus Hessen. Setzt sich Wissler auf dem Frauenplatz durch, hätte Al-Dailami praktisch keine Chance, an ihrer Seite gewählt zu werden - nach den Regeln der Linken.

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