Linken-Kandidatinnen Wissler und Hennig-Wellsow Machtkampf eröffnet

Mit Janine Wissler und Susanne Hennig-Wellsow bewerben sich zwei profilierte Genossinnen um den Linken-Vorsitz. Als Duo könnten sie den langersehnten Aufbruch bringen. Doch beide Kandidaturen bergen große Risiken.
Favoritinnen für den Linken-Vorsitz: Janine Wissler, Susanne Hennig-Wellsow

Favoritinnen für den Linken-Vorsitz: Janine Wissler, Susanne Hennig-Wellsow

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Frank Rumpenhorst / DPA; Jürgen Heinrich / imago images

Normalerweise wirkt Susanne Hennig-Wellsow bei ihren öffentlichen Auftritten ja ziemlich abgeklärt. Doch als die thüringische Linkenchefin an diesem Freitagabend in Erfurt vor die Presse tritt, ist alles ein wenig anders. "Sehen Sie es mir nach, dass ich ein bisschen aufgeregt bin", sagt Hennig-Wellsow mit leicht zitternder Stimme - und sie erklärt auch gleich, warum: "Ich will und werde für den Parteivorsitz der Partei Die Linke antreten."

Damit ist Hennig-Wellsow die zweite Genossin, die bei den Linken in die Offensive geht. Fast genau sechs Stunden zuvor war die hessische Fraktionschefin Janine Wissler vorgeprescht. Um 11.56 Uhr verbreitete sie via Twitter ihre Bereitschaft zur Kandidatur beim Parteitag im Herbst. Sie sei zu dem Schluss gekommen, "dass ich das tun möchte", schrieb Wissler.

Der Kampf um die Nachfolge von Katja Kipping und Bernd Riexinger war in diesem Moment auch offiziell eröffnet.

Die beiden Parteichefs hatten vergangene Woche ihren Verzicht auf eine erneute Kandidatur erklärt. Nach acht Jahren an der Spitze der Linken soll nun Schluss sein. Mit Hennig-Wellsow und Wissler wagen sich nun genau jene beiden Frauen nach vorne, die auch als Favoritinnen der bisherigen Amtsinhaber gelten.

Tatsächlich könnten die Hessin und die Thüringerin genau jenen Aufbruch verkörpern, den sich die Genossen dringend erhoffen. Wissler ist 39 Jahre alt, Hennig-Wellsow 42 - zwei junge Frauen, die die Linke in die Bundestagswahl im kommenden Jahr führen. Das würde vielen Linken gefallen.

Vor allem aber zählen die beiden zu den profiliertesten Politikerinnen ihrer Partei, die trotz ihres Alters schon reichlich Erfahrungen gesammelt haben. Wissler ist seit elf Jahren Fraktionschefin im hessischen Landtag. Als Frontfrau hat sie in einem westdeutschen Flächenland ihren eher radikalen Landesverband mehrmals hintereinander ins Parlament geführt. Eine für Westlinke beachtliche Leistung.

Wissler kann gut reden, sie scheut die Medien nicht, und selbst Leute, die ihr politisch innerhalb der Partei nicht nahestehen, sagen über sie, sie sei klug, stets gut vorbereitet und komme an der Basis an. Ihr politisches Talent und ihre Fähigkeiten sind so unumstritten, wie das in einer Partei möglich ist, in der offene Abneigung immer noch weitverbreitet ist.

Blumenstraußwurf von Erfurt

Auch Hennig-Wellsow gilt als durchsetzungsstark. Bundesweit machte sie im Februar Schlagzeilen, als sie dem mit AfD-Stimmen zum Thüringer Kurzzeit-Ministerpräsidenten gewählten FDP-Politiker Thomas Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße warf. Hinter Bodo Ramelow, inzwischen wieder Regierungschef, gilt sie als eine der wichtigsten Figuren für die Thüringer Koalition.

Bekannt ist sie für ihre selbstbewussten Auftritte. Auch an diesem Freitag bemüht sie sich trotz aller Anspannung um klare Ansagen: "Ich habe da echt Bock drauf", sagt sie zu ihrer Bewerbung. In Erfurt traut man ihr zu, dass sie auch in Berlin die Partei in ein Regierungsbündnis mit SPD und Grünen führen kann. Hennig-Wellsow betont selbst, sie rede nicht davon, "unbedingt regieren" zu müssen. Sie erinnert aber auch daran, dass sie wisse, "wie Regierung geht". Ziel sei, im Bund die CDU aus der Regierungsverantwortung abzulösen.

Hennig-Wellsow im thüringischen Landtag, nachdem sie dem frischgewählten Skandal-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße geworfen hatte

Hennig-Wellsow im thüringischen Landtag, nachdem sie dem frischgewählten Skandal-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße geworfen hatte

Foto: Martin Schutt / DPA

Allerdings bergen beide Kandidaturen auch Risiken. Die Linke will bei der Abstimmung im Frühjahr in Thüringen ihren Ministerpräsidenten Ramelow verteidigen. Abgesehen von der Bundestagswahl ist das für die Genossen die mit Abstand wichtigste Entscheidung im kommenden Jahr. Personelle Umbrüche im Landesverband kämen da zur Unzeit - selbst wenn Hennig-Wellsow als Parteivorsitzende Erfurt nicht unmittelbar den Rücken kehren sollte. Sie selbst will sich derzeit da noch nicht festlegen, auch eine Kandidatur für den Bundestag schließt sie nicht aus.

Scheitert Hennig-Wellsow hingegen beim Bundesparteitag, zieht sie geschwächt in die bevorstehende Landtagswahl. Eine Gefahr, die sie nun in Kauf nimmt.

Umstrittene Trotzkisten-Truppe

Janine Wissler könnte als Parteichefin ebenso zum Problem für die Linken werden. Das liegt vor allem an ihrer Nähe zu "Marx21". Diese Organisation taucht noch immer im Verfassungsschutzbericht auf, der sie für extremistisch hält. Innerhalb der Linken sprechen Kritiker von einer politischen Sekte.

"Marx21" ging aus "Linksruck" hervor, einer kleinen Gruppe, die Teil einer internationalen trotzkistischen Bewegung mit Sitz in London war und versuchte, in der Linken und phasenweise auch in der SPD Fuß zu fassen. Klar ist: Informationen über Marx21 sind meist eher dünn. In der Kritik steht die Gruppe vor allem, weil sie sich vom Parlamentarismus distanziert. Andererseits arbeiten einige Mitglieder, eben auch Wissler, seit Jahren in Partei und Parlamenten.

Aber reicht das als Beleg, dass das schon alles in Ordnung ist? Zweifel bleiben. Angriffe der politischen Gegner sind absehbar.

Bei alldem stellt sich mit Blick auf die Bundestagswahl die Frage, ob die beiden Frauen ein glaubhaftes Team an der Parteispitze bilden könnten. Während Hennig-Wellsow als Pragmatikerin für einen klaren Regierungskurs der Linken steht, gehört Wissler zum linken Flügel, der die Partei eher als Oppositionskraft und parlamentarischen Arm von Bewegungen sieht.

Wissler 2019 beim Politischen Aschermittwoch der Linken in Passau

Wissler 2019 beim Politischen Aschermittwoch der Linken in Passau

Foto: Lino Mirgeler / dpa

Besonders eindrücklich traten die Differenzen im März auf der Strategiekonferenz der Partei in Kassel zutage. Hennig-Wellsow warb dort auf dem Podium für linke Gestaltungsmacht. Kurz darauf meldete sich Wissler im Publikum - mit einer spitzen Bemerkung: "Es rettet uns kein höheres Wesen, kein Gott, kein Kaiser und auch kein linker Minister."

Die Linke müsse "Kampfpartei" sein, forderte die Hessin. Und: Die Partei werde "niemals Bundeswehreinsätzen zustimmen". Nimmt man sie beim Wort, wäre das wohl ein K.-o.-Kriterium für jede rot-rot-grüne Regierung. Andererseits: Als kürzlich Dutzende Genossen in einem Papier mit Nachdruck auf außenpolitische Maximalforderungen wie Nato-Austritt und Bundeswehrabzug beharrten, fehlte Wisslers Unterschrift.

An Wissler, das hört man auch bei manchen Pragmatikern, die sie akzeptieren wollen, werde eine Koalition schon nicht scheitern. Aber kann sie die Partei auch darauf vorbereiten?

Zumindest scheint noch nicht unbedingt ausgemacht, dass es am Ende tatsächlich zu einer Doppelspitze der beiden Frauen kommen wird. Zwar wirbt Hennig-Wellsow offen dafür. Sie freue sich über Wisslers Kandidatur, für ein Duo mit der Hessin stünde sie zur Verfügung, sagt sie. Doch Wissler soll angeblich verstärkt auch mit dem Parlamentarischen Geschäftsführer Jan Korte im Austausch sein, einem ausgewiesenen Reformer.

Unabhängig davon werden noch weitere mögliche Bewerber gehandelt, die das Kandidatenfeld durcheinanderwirbeln könnten. Etwa Parteivize Ali Al-Dailami, der dem Lager um Ex-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht zugerechnet wird.

Eine Konsenslösung ist offenbar noch in weiter Ferne. In den mächtigen Landesverbänden im Osten, wo die Pragmatiker ihre Hochburgen haben, wirken manche von Hennig-Wellsows Vorstoß regelrecht überrumpelt. Eine gemeinsam koordinierter Personalvorschlag, nach dem noch am Donnerstag und Freitag in mehreren Runden händeringend gesucht wurde, sei Hennig-Wellsow jedenfalls nicht, heißt es. Zumindest noch nicht.

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