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13. Oktober 2015, 21:09 Uhr

Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht

Links, zwo

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Die Linksfraktion setzt auf eine Doppelspitze: Glaubt man Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht, gehört der Flügel-Knatsch der Vergangenheit an. Einfach wird es für dieses Duo trotzdem nicht.

Ihre Wahl zum neuen Führungsduo der Linksfraktion ist kaum eine halbe Stunde alt, da schreiten Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch bereits die Stufen zum Saal der Bundespressekonferenz hinauf. Seite an Seite, er rote Krawatte, sie rotes Kostüm. Bartsch grinst, Wagenknecht grinst. Die Botschaft an die wartenden Journalisten: Alles wird gut.

Es ist eine Szene, die man sich noch vor einigen Jahren kaum vorstellen konnte. Damals, als Wagenknecht noch kräftig an ihrem Image als kompromisslose Kommunistin feilte; als der Reformer Bartsch die heute 46-Jährige in einer internen Liste in eine "Lafodödel"-Schublade steckte - eine Anspielung an den früheren Linken-Chef Oskar Lafontaine, mit dem Wagenknecht verheiratet ist. Von "Hass" unter den Abgeordneten sprach der mittlerweile abgetretene Fraktionschef Gregor Gysi beim Göttinger Parteitag 2012. Ausgerechnet zwei entscheidende Protagonisten von damals sollen jetzt die Partei einen.

Das Bild, das beide nun in Berlin zu zeichnen versuchen, sieht so aus: All die Streitereien gehören längst der Vergangenheit an, eine Doppelspitze kann nur gut für die Partei sein. Und überhaupt ist man sich in den meisten Fragen sowieso einig. Man habe "in über 90 Prozent der politischen Positionen Übereinstimmung", sagt Bartsch. "Eine Frontenstellung gibt es in dieser Form nicht mehr", sagt Wagenknecht.

In der Partei rumort es noch immer

Stimmt das?

Dass der drei Jahre alte Lafodödel-Fall ausgerechnet kurz vor der jetzigen Wahl durchgestochen wurde, macht klar, dass es in der Partei noch immer rumort. Die Abstimmung unter den Abgeordneten verdeutlichte wiederum, dass Wagenknecht stärker polarisiert. Während Bartsch satte 91,6 Prozent einstrich, kam Wagenknecht auf 78,3 Prozent. Bartsch betont: "Beides sind aus meiner Sicht gute Ergebnisse." Und: "Wir wollen unsere Aufgaben mit Zuversicht anpacken."

Leicht dürfte das jedenfalls nicht werden - auch wenn Wagenknecht und Bartsch bereits als stellvertretende Fraktionschefs gezeigt haben, dass sie notfalls miteinander können. Es dürfte aber interessant werden, zu beobachten, wie sich das Duo beispielsweise beim Thema Euro arrangiert.

Die Linken-Politikerin würde die Gemeinschaftswährung am liebsten abschaffen. Bartsch sieht das anders. Wagenknecht erklärt nun, sie wolle diesen Diskurs "sachlich und kulturvoll" führen. Ihr Kollege spricht angesichts der Differenzen von dem "ein oder anderen Detail" - das sehe er "als völlig unproblematisch an."

Als Knackpunkt zwischen den Vertretern beider Flügel gilt auch das Verhältnis zu Regierungsbeteiligungen. Wagenknecht kann sich ein Bündnis mit SPD und Grünen derzeit kaum vorstellen. Daraus hat sie in der Vergangenheit keinen Hehl gemacht. In der Debatte um die Griechenland-Hilfen warf sie Sigmar Gabriel, dem Chef der Sozialdemokraten, das "Bedienen dumpfer Ressentiments" vor. In Berlin sagt sie mit Blick auf die Bundestagswahl 2017, sie würde sich zwar wünschen, dass es mit einer "sozialdemokratischen SPD" eine "linke Regierung" gebe. Die SPD vertrete aber Positionen, "die eher an die Seite von Frau Merkel passen". Bei Bartsch klingt das weniger distanziert: "Ich wünsche mir, dass es möglichst viele Mitte-Links-Bündnisse gibt."

Und dann wäre da noch Gregor Gysi, der Über-Linke, der noch in der DDR-Volkskammer saß und zehn Jahre lang bis zuletzt die Linksfraktion im Bundestag anführte. Sein Abtritt hatte den Weg frei gemacht für Bartsch und Wagenknecht. Gysi hatte zwar beteuert, er wolle sich nicht dazu verleiten lassen, "die Fraktion in irgendeiner Weise weiter zu führen". Dass es ihm leichtfallen wird, ins zweite Glied zu treten, glaubt in der Partei jedoch kaum jemand - zumal Gysi Abgeordneter im Bundestag bleibt.

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